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03.03.2006

07:00 Uhr

Bulle & Bär

Das Sicherheitsrisiko des Anlegers

VonIngo Narat

Gewöhnung schafft Sicherheit und ein Gefühl von Stabilität. Gerade bilanzierten die Börsianer das dritte gute Börsenjahr in Folge. Stetig geht es aufwärts. Parallel dazu nimmt die Angst der Anleger vor größeren Rückschlägen oder gar vor einer Trendwende ab.

FRANKFURT. Auch beim alltäglichen Umgang mit Geld erzeugt Gewöhnung ein Gefühl von Sicherheit und Stabilität. „The American Way of Life“ liefert das Anschauungsmaterial. Der frühere Notenbankchef Alan Greenspan machte sich zum Vater des billigen Geldes. Weil Geld so leicht zu haben war und noch ist, reagierten die Amerikaner sehr rational, verschuldeten sich und gaben das Sparen auf. Sie fühlen sich deshalb nicht unsicherer. Ganz im Gegenteil. Je länger sie mit ihrem Verhalten im Alltag bestehen, um so mehr bestärkt es sie, alles richtig zu machen.

Das bringt die Analysten des US-Researchhauses Gavekal ins Grübeln. Es scheint, als seien die großen Risiken aus dem Leben und aus der Börsenwelt auf vernachlässigbare Dimensionen geschrumpft. Und das, obwohl die Welt insgesamt in rasantem Tempo komplexer und damit auch undurchsichtiger wird.

Dank weit komplizierterer Flugzeugtechnik als vor einem Vierteljahrhundert ist Fliegen heute sechs Mal sicherer als damals. Das Gleiche gilt für die Finanzmärkte: Weit höhere Komplexität, aber auch ein explodierender Ölpreis beispielsweise kann heute den Konjunkturen nichts mehr anhaben. Sicher spielt für die Erklärung gesunkener Börsenrisiken auch der Boom derivativer Instrumente, mit denen Anleger Sicherheitsnetze einziehen können können, eine Rolle.

Nun sagen die finanzwissenschaftlichen Lehrbücher, dass bei sinkenden Risiken auch die zu erwartenden Erträge schrumpfen – eine schlechte Nachricht für Anleger. Die Querdenker von Gavekal liefern eine mögliche Antwort aus Investorensicht. Und diese Antwort orientiert sich an den Autofahrern: Wer Sicherheitsgurte trägt, wird schneller fahren. Die natürliche Antwort eines Anlegers auf die schöne neue Welt geringerer Risiken und Renditen wäre demnach simpel: Den Hebel erhöhen, das heißt mit Leverage arbeiten, um höhere Erträge einzufahren.

Es bleibt die Frage, ob die Risiken dank der Wunderwelt der Derivate aus eben dieser Welt verschwunden sind. Wahrscheinlich ist das nicht der Fall. Eher werden durch den Wunsch, Risiken zu meiden und trotzdem mehr zu verdienen, neue Formen von Unsicherheit geschaffen. Wer weiß beispielsweise schon, wo die erkannten Risiken nach ihrer derivativen Neu-, Um- und Querverteilung letztendlich stecken.

So hinterlassen diese Überlegungen mehr offene Fragen, als sie Antworten geben können. Doch zwei Prognosen seien gewagt: Gefühlte Sicherheit dürfte die Finanzmärkte nicht weniger anfällig machen für exogene Schocks. Übertriebener Leverage kann auf Dauer nicht gesund sein, auch nicht für den Anleger.

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