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19.01.2006

07:05 Uhr

Bulle & Bär

„Deutsche Regierungspolitik“ als Non-Event

VonChristian Schnell

Wie schnell sich die Zeiten ändern! Malten noch im Sommer vergangenen Jahres eine Vielzahl von Aktienstrategen ein Szenario an die Wand, das an den Untergang des Abendlandes erinnerte, wenn bei der Bundestagswahl im September nicht ein schwarz-gelbes Bündnis an die Macht käme, so ist das Thema „Auswirkungen des Regierungswechsels auf die Dax-Entwicklung“ inzwischen völlig von der Bildfläche verschwunden.

HB FRANKFURT. Nun soll an dieser Stelle nicht die alte Phrase, wonach politische Börsen kurze Beine haben, noch einmal wieder gedroschen werden. Auffällig ist aber trotzdem, wie schnell das Thema „Deutsche Regierungspolitik“ an der Börse zum Non-Event wurde. Und das vor dem Hintergrund, dass inzwischen ein nahezu gleichberechtigtes schwarz-rotes Bündnis regiert, das in dieser Zusammensetzung niemand erwartet hätte. Und wenn doch, dann wäre es wohl von den meisten Aktienexperten als Inbegriff von Stillstand und Reformstau bewertet worden.

Es gibt mehrere Gründe, warum das Thema völlig vom Tisch ist. Zum einen hat die neue Bundesregierung im Sinne der Märkte noch keine groben Fehler begangen, sondern sich weitgehend positiv nach außen dargestellt. Große ausländische Banken wie zuletzt Goldman Sachs loben die Fortsetzung des unter Altkanzler Gerhard Schröder eingeleiteten Reformkurses und gehen wie deren Chef-Stratege Jim O’ Neill sogar so weit, dass sie Deutschland zubilligen, in Europa am besten gegenüber den Herausforderungen der aufstrebenden BRIC-Länder (Brasilien, Russland, Indien, China) positioniert zu sein.

Zum anderen ist die deutsche Regierungspolitik auch deswegen aus dem Blickfeld der Börse geraten, weil es dort derzeit weitaus spannendere Themen gibt, die die Märkte bewegen. Ob nun die gerade anstehende Bilanzsaison, die Übernahmewelle mit ständig neuen Namen, die geopolitischen Risiken von der Vogelgrippe bis zum Iran-Konflikt oder der wieder steigende Ölpreis – sie alle beherrschen derzeit das Geschehen an den Märkten. Und das wohl noch eine ganze Weile, wenn nicht sogar das gesamte Jahr 2006 über. Daran werden erst recht die drei im März anstehenden Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz nichts ändern. Sie spielen aus Sicht der Börse überhaupt keine Rolle.

Bleibt am Ende die Frage, warum der Politik noch vor einem halben Jahr ein so großer Einfluss auf die Börse nachgesagt wurde und nun überhaupt nicht mehr. Es war wohl der Mix aus Überraschungseffekt wegen der vorgezogenen Wahl und der damit verbundenen Hoffnung auf steigende Kurse bei einem Regierungswechsel. Am Ende folgte dann die Genugtuung, dass alles wohl weiter seinen geregelten Gang gehen wird, weshalb man sich nun wieder anderen Themen widmen kann.

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