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18.01.2008

07:00 Uhr

Bulle & Bär

Kaufsignal: Steuerflucht

VonRolf Benders

Für die Frankfurter Lokalprominenz gibt es auf den unzähligen Neujahrsempfängen praktisch nur ein Thema: Der Umzug der Deutschen Börse in den steuerlich weitaus günstigeren Vorort Eschborn. Vor allem Oberbürgermeisterin Petra Roth lässt in ihren Ansprachen keine Gelegenheit aus, den - meist durch Abwesenheit glänzenden - Börsenvorstand für diesen "unpatriotischen" Schritt zu geißeln.

Auch unter den Mitarbeitern der Börse ist der Schritt alles andere als beliebt. Sie müssen schließlich demnächst in das abgelegene Eschborn pendeln. Was Lokalpolitiker und Mitarbeiter derzeit so aufbringt, sollte für Anleger ein Grund sein, die Aktie zu kaufen. Nicht wegen der Steuereinsparungen von einem immerhin zweistelligen Millionenbetrag schon 2008.

Der unpopuläre Umzug ist nur der letzte Beweis dafür, dass die Börse seit Juli 2007 jemanden hat, der sich zu aller erst und vordringlich seinen Aktionären verantwortlich fühlt: Finanzvorstand Thomas Eichelmann. In Auftreten und Sprachduktus ganz machtbewußtes Alphatier hat der ehemalige Partner bei der Unternehmensberatung Roland Berger seit der Ankunft in Frankfurt Stellen gestrichen oder ins Ausland verlegt, Gebäude verkauft und Steuern optimiert. Er bringt den lange an vielen Stellen durch erfolglose Übernahmeschlachten paralysierten Laden auf Vordermann.

Damit kein Missverständnis entsteht. Das Unternehmen Börse mit einem Quasi-Monopol im deutschen Aktienhandel ist kein Restrukturierungsfall. Wer an jedem umgesetzten Euro 60 Cent vor Steuern verdient ist wohl eher ein Musterschüler an Profitabilität. Aber Eichelmann und seinen Kollegen sitzen Hedge-Fonds im Nacken, die mehr wollen: mehr Gewinn, mehr Dividende und mehr Kurszuwächse. Eichelmann ist definitiv gewillt, ihnen dies auch zu geben. Dabei scheut er auch vor unpopulären Maßnahmen nicht zurück.

Eichelmann ist aber nur eine Säule, auf der die Hoffnungen der Börsenaktionäre ruhen. Die zweite ist der ebenfalls als durchsetzungsfähiger Macher beschriebene Derivatevorstand Andreas Preuss. Er hat die wachstumsträchtige Übernahme der US-Derivatebörse ISE eingefädelt. Über den beiden schwebt als Koordinator Börsenchef Reto Francioni.

Aber natürlich gilt auch bei den Aktien der Deutschen Börse: kein Investment ohne Risiko. So kann man etwa erwarten, dass Konkurrenzprojekte an der Monopolstellung der Börse knabbern und ihre Umsätze unter Druck setzen werden. Man denke nur an "Turquoise", die im Herbst startende Börse einer Gruppe von Investmentbanken. Es wäre es aber fahrlässig anzunehmen, dass "Eschborn Triumvirat" würde mit diesen Herausforderungen nicht fertig.

Wer auf den "Eichelmann-Effekt" setzen will, sollte aber von dem Unternehmensberater gelernt haben und die Papiere kompromisslos mit einer Verkaufsorder absichern. Bei börsen Überraschungen kann man sie dann schnell wieder verkaufen. Denn: Nostalgie und Anhänglichkeit werden an der Börse nicht bezahlt.

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