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07.05.2015

16:28 Uhr

Bundesanleihen stürzen ab, Euro legt zu

Kommt die große Zinswende in Europa?

VonAndrea Cünnen, Sara Zinnecker

Der Markt spielt verrückt: Während am Donnerstag die Kurse für europäische Staatsanleihen weiter einbrechen, klettert der Euro-Wechselkurs zum Dollar auf den höchsten Stand seit Februar. Womit Analysten jetzt rechnen.

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Starker Euro: Gemeinschaftswährung ist nicht tot zu kriegen

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FrankfurtDer Markt spielt verrückt. Vor drei Wochen noch lag die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe bei nur 0,05 Prozent und Negativzinsen bei dieser viel beachteten Anleihe schienen greifbar nah. Doch seither werfen Investoren in Scharen Bundesanleihen – und auch Staatsanleihen anderer Euro-Länder – aus ihren Depots. Die zehnjährige Bundesanleihe rentiert am Nachmittag bei 0,65 Prozent. Am Morgen sah es noch dramatischer aus – der Kurs stieg zwischenzeitlich auf mehr als 0,7 Prozent. So hoch lag die Rendite zuletzt Mitte Dezember. Kommt jetzt die Zinswende in Europa?

Das wissen selbst Experten nicht so genau: „Nach wie vor wird nach Gründen für diese Entwicklung gefahndet“, schreiben die Strategen der Nationalbank Essen in ihrem morgendlichen Marktausblick. Denn mit Blick auf die ultralockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) müssten Kurse eigentlich eher steigen. EZB inbegriffen düften mehr Akteure an europäischen Staatsanleihen interessiert sein als vorher. Auch wird das Angebot an (deutschen) Staatsanleihen knapper. Momentan emittiert der Bund nur neue Bonds, um auslaufende abzulösen – nicht, um neue Schulden zu machen.

Ausstehende Staatsanleihen ausgewählter Euro-Staaten

Italien

Volumen: 2280 Milliarden Euro, Anteil an Euro-Zone gesamt (inklusive Luxemburg, Malta und Estland): 25,3 Prozent
(Quelle: Bloomberg)

Frankreich

1935 Milliarden Euro, 21,5 Prozent der Euro-Zone

Deutschland

1365 Milliarden Euro, 15,2 Prozent der Euro-Zone

Spanien

1192 Milliarden Euro, 13,2 Prozent der Euro-Zone

Belgien

465 Milliarden Euro, 5,2 Prozent der Euro-Zone

Niederlande

439 Milliarden Euro, 4,9 Prozent der Euro-Zone

Griechenland

331 Milliarden Euro, 3,7 Prozent der Euro-Zone

Österreich

272 Milliarden Euro, 3,0 Prozent der Euro-Zone

Irland

239 Milliarden Euro, 2,7 Prozent der Euro-Zone

Portugal

230 Milliarden Euro, 2,6 Prozent der Euro-Zone

Finnland

115 Milliarden Euro, 1,3 Prozent der Euro-Zone

Slowakei

45 Milliarden Euro, 0,5 Prozent der Euro-Zone

Slowenien

39 Milliarden Euro, 0,4 Prozent der Euro-Zone

Zypern

18 Milliarden Euro, 0,2 Prozent der Euro-Zone

Litauen

17 Milliarden Euro, 0,2 Prozent der Euro-Zone

Offenbar rührt der aktuelle Renditeanstieg von anderer Seite her. „Der Auslöser für die Kursverwerfungen waren einerseits Daten, die zeigten, dass in der Euro-Zone wieder mehr Kredite vergeben werden. Andererseits die Information, das die Inflation in Deutschland im April auf 0,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal angestiegen war“, schreibt die Berenberg Bank in einem aktuellen Marktkommentar. Offenbar glauben auch immer mehr Marktteilnehmer, dass die Geldpolitik der EZB Früchte trägt:

Die Inflationserwartungen der Anleger waren zuletzt gestiegen. In aller Regel passen sich die Anleiherenditen den Inflationserwartungen an. Die Berenberg Bank schließt vor dem Hintergrund nicht aus, dass die Renditen deutscher Staatspapiere noch weiter steigen könnten: „Deutschland für 30 Jahr Geld für weniger als 0,5 Prozent Rendite zu leihen, macht wenig Sinn – es sei denn, man ist überzeugt, die EZB wird über die gesamte Zeit die Zinsen niedrig halten“, kommentieren die Analysten.

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Der Dax fährt Achterbahn, bei den Staatsanleihen herrscht Ausverkaufsstimmung und der Euro klettert trotz Draghis Milliarden nach oben. Seit einigen Wochen scheinen einige Trends sich umzukehren – wir zeigen, welche.

Parallel zu den Verwerfungen auf dem Anleihemarkt, setzen – atypisch – auch die Aktienmärkte zurück. Dow Jones, Nikkei und am Morgen auch Dax fuhren herbe Verluste ein. Erst am Nachmittag erholte er sich wieder. Der Absturz reichte, um die Angst vor einer längerfristigen Korrektur zu schüren. Den Dax belastet vor allem der wiedererstarkende Euro. Nach schlechten Konjunkturdaten aus den USA in der vergangenen Woche, hatte der Euro eine Aufholjagd zum Dollar gestartet. Noch keinen Monat ist es her, da spekulierten Marktteilnehmer über die Parität von Euro und Dollar.

Das scheint jetzt vom Tisch, die Dollar-Rally scheint fürs erste vorbei. Am Donnerstag kostete Euro wieder fast 1,14 Dollar – so viel wie zuletzt Ende Februar. Grund für diese Entwicklung sind die zuletzt schwachen Konjunkturdaten aus den USA. Sollte die Wirtschaft weiter schwächeln, schwinden die Chancen, dass sich die US-Notenbank schon im Sommer von ihrer Nullzinspolitik verabschiedet. Dann dürfte der Dollar sogar weiter an Wert verlieren: „Die letzten vier Wochen waren nur ein müder Vorgeschmack auf das, was dem Greenback dann drohen würde“, warnt Commerzbank-Fachmann Ulrich Leuchtmann.

Kommentare (4)

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aza azaziel

07.05.2015, 18:33 Uhr

Offenbar zieht kaum jemand die Moeglichkeit in Betracht, dass private Anleger aus Anleihen fluechten, weil Anleihen unsicherer werden. Fuer Griechenland zeichnet sich keine Loesung ab und andere Laender bekommen weder ihre Wirtschaft in Gang noch ihr chronisches Budgetdefizit in den Griff. Wuerde sich die EZB mit noch mehr Geld gegen austeigende Privatanleger stemmen?

Seit Beginn der Krise hat sich die Verschuldung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft beschleunigt. Regierungen und Notenbanken hoffen, mit ihrer Geldflut die Konjunktur anzukurbeln und die Zinslast fuer Regierungen zu senken. Die bereits dramatische Verschuldung wuerde sich dann noch weiter erhohen. Die angeblich anziehende Konjunktur war in den USA eine Fata Morgana und so wird es auch in Europa sein.

Wer bitte glaubt, “dass die Geldpolitik der EZB Früchte trägt”, dass die EZB ein Perpetuum Mobile hat?

Herr richard roehl

07.05.2015, 19:12 Uhr

Das ist Unsinn, der Anteil der privat gehaltenen Anleihen ist Peanuts gegen die von Institutionellen, das beinflusst den Markt wie ein Wassertropfen einen Vulkan

Herr Thomas Albers

07.05.2015, 19:27 Uhr

"Nach wie vor wird nach Gründen für diese Entwicklung gefahndet"

Es gibt nach meiner Beobachtung zwei Gründe:

1. Gross und einige andere haben zu Leerverkäufen geraten. Das hat zum einen verunsichert und zum anderen Leute animiert, die Sache sofort durchzuziehen. Gegen die politische Notenbank zu spekulieren ist allerdings Wahnsinn, wenn man nicht absolut sicher ist. Man kann damit Glück haben, aber meistens eher nicht.

2. Die Zinswende in den USA hat sich auch für den letzten erkennbar nach hinten verschoben. Jetzt machen ein paar Leute wieder einen kleinen Rückzieher von ihren Vorbereitungen. Der Dollar sinkt, der Euro steigt, die Aktien fallen.

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