Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

29.10.2011

08:34 Uhr

CDS-Zockerpapiere

Versicherung ohne jede Sicherheit

VonJan Mallien, Jörg Hackhausen, Hannes Vogel

Eigentlich soll eine Kreditausfallversicherung gegen eine Pleite versichern - außer beim „freiwilligen“ Schuldenschnitt für Griechenland. Das entlarvt die Derivate als das, was sie sind: Zockerpapiere.

Im eigenen Netz verheddert: Der Fall Griechenland stellt den grundsätzlichen Wert der Kreditausfallversicherungen in Frage. dapd

Im eigenen Netz verheddert: Der Fall Griechenland stellt den grundsätzlichen Wert der Kreditausfallversicherungen in Frage.

DüsseldorfEine Versicherung, die nicht zahlt, wenn es ernst wird - das klingt nach einem schlechten Witz. Aber genau das dürfte mit Ausfallversicherungen auf griechische Staatsanleihen passieren. Die Gläubiger müssen wohl oder übel auf die Hälfte ihrer Forderungen verzichten. Doch auf eine Entschädigung durch Kreditausfallversicherungen, sogenannten Credit Default Swaps (CDS), dürfen sie nicht hoffen. Der Schuldenschnitt wird wohl nicht als Kreditereignis gewertet. „Der Plan für den Haircut soll offensichtlich keine CDS auslösen“, sagt Marchel Alexandrovich, Ökonom bei Jefferies International in London.

Nur, wenn eine solche „Versicherung“ bei Griechenland nicht greift, wann dann? Die Antwort der Experten fällt unmissverständlich aus. Die Nachrichtenagentur Bloomberg zitiert Peter Boockvar, Stratege bei Miller Tabak & Co, mit den Worten: Die Verleugnung des Kreditereignisses „wird aus Staats-CDS einen kompletten Witz machen und diesem Markt potenziell zerstören bis zu einem Punkt, an dem er verschwindet“.

Die Ergebnisse des Euro-Gipfels

Neues Griechenland-Paket

Griechenland wird ein neues Hilfspaket von 100 Milliarden Euro bekommen. Es soll bis Jahresende endgültig ausverhandelt sein. Im Juli hatten die Regierungen der Euroländer ursprünglich 109 Milliarden Euro öffentliche Hilfe beschlossen. Diese war aber nie abschließend auf den Weg gebracht worden. Nun kommen allerdings zusätzliche Garantien in Höhe von 30 Milliarden Euro als Beitrag des öffentlichen Sektors für den Schuldenschnitt hinzu.

Schuldenschnitt

Die Privatgläubiger wie Banken und Versicherungen werden stärker am neuen Griechenland-Paket beteiligt als bisher angenommen. Bereits im Juli hatte die Eurozone beschlossen, die Privatgläubiger mit einem freiwilligen Abschlag auf griechische Staatsanleihen von 21 Prozent ins Boot zu holen. Nun sind es 50 Prozent.

Rettungsfonds EFSF

Die Schlagkraft des Rettungsfonds EFSF wird mit einem sogenannten Hebel auf eine Billion Euro vervielfacht. Derzeit kann der Fonds 440 Milliarden Euro Kredite vergeben. Der EFSF wird nun teilweise das Risiko eines Zahlungsausfalls für Schuldtitel gefährdeter Euro-Staaten übernehmen. Er bietet quasi eine Art Teilkaskoversicherung, wenn Schuldenstaaten neue Anleihen ausgeben. Zudem soll ein neuer Sondertopf geschaffen werden, an dem sich der Internationale Währungsfonds IWF beteiligt. Dieser Fonds investiert in Anleihen, die der EFSF ebenfalls zum Teil absichert. Dabei könnten ausländische Investoren wie Staatsfonds aus China mitmachen.

Mehr Kapital für Banken

Führenden Banken Europas müssen sich gut 106 Milliarden Euro frisches Kapital besorgen. Nur so kann die Branche nach Berechnungen der Europäischen Bankenaufsicht (EBA) den Schuldenerlass zu verkraften. Deutsche Banken brauchen frisches Kernkapital in Höhe von 5,18 Milliarden Euro. Beschluss des Gipfels aller 27 EU-Staaten vom Mittwoch.

Stärkere Aufsicht

Die Wirtschafts- und Haushaltspolitik der 17 Eurostaaten wird stärker beaufsichtigt. Zweimal im Jahr wird es Gipfeltreffen der Euroländer geben, um Strategien festzulegen. Die Gipfel der Eurozone sollen auf Dauer einen eigenen Chef bekommen. Zunächst nimmt der ständige EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy das Amt wahr.

Europas Politikern war besonders wichtig, dass der Verzicht der Banken auf „freiwilliger“ Basis erfolgt. Ihr Drängen hat einen einfachen Hintergrund: Wenn der Verzicht nicht freiwillig erfolgt, wird dies automatisch als Kreditereignis gewertet. Das stößt Experten übel auf. „Hier werden marktwirtschaftliche Prinzipien außer Kraft gesetzt“, kritisiert Hans-Peter Burghof, Finanzprofessor der Universität Hohenheim. „Wenn ein CDS jetzt nicht ausgelöst wird, dann ist er nichts mehr wert.“ Wenn es keine Möglichkeit der Absicherung gibt, könne die Bereitschaft der Investoren sinken, künftig in Staatsanleihen zu investieren.

Der Fall Griechenland stellt den grundsätzlichen Wert der Kreditausfallversicherungen in Frage. „Diese Aktion untergräbt die Glaubwürdigkeit des CDS-Marktes. Man hält dadurch die CDS-Spreads künstlich niedrig, sagt Markus Brunnermeier, Professor an der Princeton University.

„Die erzwungenen freiwilligen Zustimmungen sind eigentlich das Ende der CDS“, meint Bert Flossbach, Vorstand und Gründer der Vermögensverwaltung Flossbach & von Storch. Nutznießer seien diejenigen, die die Papiere verkauft hätten. Schließlich müssen sie nicht zahlen. 

Kommentare (19)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Petra

28.10.2011, 15:28 Uhr

Gier frisst Hirn! Kein Mitleid mit Käufern solcher Produkte. Gleiches gilt natürlich auch für Zertifikate!

Account gelöscht!

28.10.2011, 15:47 Uhr

"Die Bereitschaft der Investoren, künftig in Staatsanleihen zu investieren, könnte leiden, wenn es keine Möglichkeit der Absicherung gibt."

Ja, hoffentlich - anders lernen die Politiker es nie.

Basilio

28.10.2011, 16:37 Uhr

Endlich!!! Bitte mehr solcher Artikel. Durchleuchtet alles und macht auf die wahren Hinter- bzw. Beweggründe aufmerksam.

Ein fettes Dankeschön an das Handelsblatt, welches mich doch in letzter Zeit sehr positiv überrascht hat. Auch die hier offen geführten Diskussionen auf hohem Niveau sind spitze! Eine Schande wie die FAZ oder DIE ZEIT ihre Kommentatoren bevormunden oder kleinhalten.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×