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20.08.2012

12:09 Uhr

Chartgespräch

Der Euro erholt sich - ein bisschen

VonAndrea Cünnen

Obwohl der Euro vor kurzem den niedrigsten Stand seit zwei Jahren markierte, erholt er sich etwas. Die Notenbank könnte theoretisch Geld drucken, um die europäische Gemeinschaftswährung zu stützen.

Der Euro beendete die europäische Handelswoche mit 1,233 Dollar. dpa

Der Euro beendete die europäische Handelswoche mit 1,233 Dollar.

FrankfurtFast scheint es so, als hätten bei der Europäischen Zentralbank (EZB) charttechnisch orientierte Analysten ein Wörtchen mitzureden. Als nämlich EZB-Präsident Mario Draghi Ende Juli sagte, die Notenbank sei bereit, alles zu tun, um den Euro zu erhalten, hatte dieser aus technischer Sicht schwere Zeiten. Mit 1,2042 hatte er kurz zuvor im Vergleich zum Dollar den niedrigsten Stand seit zwei Jahren markiert. Seither erholt er sich aber wieder etwas. Die europäische Handelswoche beendete der Euro am Freitag mit 1,233 Dollar.

Fundamental lässt sich die leichte Erholung damit erklären, dass die Notenbank theoretisch Geld drucken kann, um die Euro-Krisenländer über den Ankauf von Staatsanleihen und damit indirekt auch die europäische Gemeinschaftswährung zu stützen.

Musterschüler und Sitzenbleiber - so verschuldet sind die Euro-Länder

Platz 1

Das am höchsten verschuldete Land der Euro-Zone ist - wer hätte es gedacht - Griechenland. Bei satten 175 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) liegt die Schuldenquote des Mittelmeerlandes. Ein kleiner Lichtblick: Immerhin haben es die Griechen in den vergangenen Jahren geschafft, ihr extrem hohes Haushaltsdefizit zu drücken: Nahm die Regierung 2009 noch neue Kredite in Höhe von 15,6 Prozent des BIP auf, wird sich die Defizitquote im Jahr 2012 - nicht zuletzt dank europäischer Hilfe - auf 7,3 Prozent des BIP verringern.

Platz 2

Auf Platz zwei der am meisten verschuldeten Euro-Länder landet Italien. Mit 123 Prozent des BIP stehen die Italiener laut Eurostat in der Kreide. Die Märkte bestrafen das mit höheren Zinsen, die der Regierung von Premierminister Mario Monti das Leben schwer machen. Mit einem harten Sparkurs steuert Rom dem entgegen: Die Defizitquote sank von 5,4 Prozent im Jahr 2009 auf voraussichtlich 2,0 Prozent in diesem Jahr.

Platz 3

Irland hatte vor allem unter der Bankenkrise zu leiden. Weil das kleine Land seine Banken stützen musste, hat es einen Bruttoschuldenstand von 116,1 Prozent des BIP. Auch das Haushaltsdefizit des früheren keltischen Tigers war in der Folge beängstigend hoch und lag 2010 bei 31 Prozent des BIP. Inzwischen konnte die Regierung das Defizit auf 8,3 Prozent senken - was immer noch deutlich zu hoch ist.

Platz 4

Genau wie Griechenland und Irland musste sich auch Portugal unter den Rettungsschirm flüchten. Das Land ächzt unter einer Schuldenquote von 113,9 Prozent der BIP. Auf Druck der EU reduzierten die Portugiesen ihr Haushaltsdefizit in den vergangenen Jahren deutlich: Waren es 2009 noch 10,2 Prozent des BIP, wird die Defizitquote in diesem Jahr voraussichtlich auf 4,7 Prozent sinken.

Platz 5

Auch Belgiens Schuldenquote hat mit 113,9 Prozent vom BIP eine kritische Höhe erreicht. Bei Haushaltsdefizit hingegen sehen die Belgier inzwischen wieder ganz gut aus: Nach satten 10,2 Prozent im Jahr 2009 werden sie die in den Maastricht-Kriterien festgelegte Defizitquote von drei Prozent in diesem Jahr vorrausichtlich exakt einhalten.

Platz 6

Deutschlands Nachbarland Frankreich hat eine Verschuldungsquote von 90,5 Prozent des BIP. Ökonomen halten diese Schuldenlast für gerade noch tragbar, die Maastricht-Kriterien hingegen verletzen die Franzosen deutlich: Sie sehen eine Quote von höchstens 60 Prozent vor. Auch das französische Haushaltsdefizit ist mit 4,5 Prozent vom BIP im Jahr 2012 zu hoch.

Platz 7

Auch Deutschland, das sich gerne als Musterschüler der Euro-Zone sieht, drückt eine hohe Schuldenlast: 81,2 Prozent beträgt die Bruttoschuldenquote im Jahr 2012 - zu hoch für Maastricht. Beim Haushaltsdefizit hingegen sieht Europas größte Volkswirtschaft inzwischen richtig gut aus: Eurostat schätzt, dass Schäubles Defizitquote in diesem Jahr nur noch bei 0,9 Prozent des BIP liegt - der zweitbeste Wert aller Euro-Staaten.

Platz 8

Das letzte Land, das Schutz unter dem Euro-Rettungsschirm suchte, war Spanien. Dabei ist die Bruttoschuldenquote der Iberer gar nicht so hoch: mit 80,9 Prozent liegt sie unter der von Deutschland. Deutlich zu hoch ist allerdings das Haushaltsdefizit Spaniens: Kredite in Höhe von 6,4 Prozent muss die konservative Regierung in diesem Jahr aufnehmen - weniger als im letzten Jahr (8,5 Prozent) aber immer noch zu viel.

Platz 9

Bei Zypern wird immer gemunkelt, dass das Land als nächstes unter den Rettungsschirm schlüpfen könnte. Den Inselstaat drückt eine Schuldenquote von 76,5 Prozent des BIP. Immerhin: Das Haushaltsdefizit konnten die Zyprioten spürbar reduzieren: Es sankt von 6,3 Prozent des BIP im Vorjahr auf 3,4 Prozent in diesem Jahr. Die Maastricht-Grenze ist damit wieder in Reichweite.

Platz 10

Die Mittelmeerinsel Malta weist eine Bruttoverschuldungsquote von 74,8 Prozent des BIP auf. Im europäischen Vergleich reicht das für Platz zehn. Das Haushaltsdefizit von Malta bewegt sich innerhalb der Maastricht-Kriterien und wird in diesem Jahr voraussichtlich bei 2,6 Prozent liegen.

Platz 11

Deutschlands südlicher Nachbar Österreich weist eine Verschuldungsquote von 74,2 Prozent des BIP auf - Platz elf in Europa. Auch das Haushaltsdefizitdefizit der Alpenrepublik ist mit aktuell drei Prozent vom BIP vergleichsweise gering. Im Jahr 2011 hatte es mit 2,6 Prozent sogar noch niedriger gelegen.

Platz 12

Die Niederlande gelten ähnlich wie Deutschland als Verfechter einer strengen Haushaltspolitik. Das macht sich bemerkbar: Die Verschuldungsquote liegt bei nur 70,1 Prozent vom BIP. Weniger erfolgreich haben die Niederländer in den vergangen Jahren gewirtschaftet: Das Haushaltsdefizit lag 2009 bei 5,6 Prozent und hat sich danach nur leicht verringert. Im Jahr 2012 peilt die Regierung ein Defizit in Höhe von 4,4 Prozent des BIP an.

Platz 13

Slowenien ist das erste Land im Ranking, dessen Verschuldungsquote die Maastricht-Kriterien erfüllt: Sie liegt im Jahr 2012 bei 54,7 Prozent des BIP. Schlechter sieht es bei den Haushaltszahlen aus: Nach einen Defizit in Höhe von 6,4 Prozent des BIP im Jahr 2011 steuert die Regierung in diesem Jahr auf 4,3 Prozent zu. Die Gesamtverschuldung steigt also.

Platz 14

Ein Musterbeispiel für solide Haushaltsführung ist Finnland: Die Bruttoverschuldungsquote der Skandinavier liegt bei 50,5 Prozent und bewegt sich damit locker in dem Rahmen, den der Maastricht-Vertrag vorgibt. Auch die Haushaltszahlen können sich sehen lassen: In den vergangenen vier Jahren lag Finnlands Defizit nie über der Drei-Prozent-Marke. Im Jahr 2012 werden es nach Prognose von Eurostat gerade einmal 0,7 Prozent sein.

Platz 15

Auch die Slowakei weist eine niedrige Gesamtverschuldung auf: Die Bruttoverschuldungsquote liegt bei 49,7 Prozent des BIP. In den vergangen Jahren allerdings hatten die Slowaken zunehmend Probleme: Bei acht Prozent des BIP lag das Haushaltsdefizit im Jahr 2009, in diesem Jahr werden es laut Eurostat-Prognose 4,7 Prozent sein.

Platz 16

Geldsorgen sind in Luxemburg ein Fremdwort. Die Verschuldungsquote des Großherzogtums liegt bei niedrigen 20,3 Prozent. Der Regierung gelingt es in den meisten Jahren auch, mit den eingenommenen Steuermitteln auszukommen. In den vergangenen drei Jahren lag das Haushaltsdefizit stets unter einem Prozent des BIP. Die anvisierten 1,8 Prozent in diesem Jahr sind da schon ein Ausreißer nach oben.

Platz 17

Hätten Sie es gewusst? Der absolute Haushalts-Musterschüler der Euro-Zone ist Estland. Das baltische Land hat eine Gesamtverschuldung, die bei extrem niedrigen 10,4 Prozent des BIP liegt - ein echter Spitzenwert. 2010 und 2011 gelang es der Regierung sogar, einen kleinen Haushaltsüberschuss zu erwirtschaften. In diesem Jahr läuft es etwas schlechter: Voraussichtlich wird die Regierung Kredite in Höhe von 2,4 Prozent des BIP aufnehmen. Die Maastricht-Kriterien halten die Esten damit aber immer noch locker ein.

"Dabei machte zuvor das Zweijahrestief Investoren vor allem deshalb Sorgen, weil der Euro Gefahr lief, aus dem langfristigen Abwärtskanal zum Dollar nach unten auszubrechen", erklärt Ralf Umlauf, der bei der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) das Floor Research leitet. In dieser Eigenschaft sitzt er im Handelsraum - dem Trading Floor - der Bank und gibt vor allem kurzfristige Einschätzungen zu den Märkten. Dabei spielt die Charttechnik eine wichtige Rolle.

Die untere Begrenzung des Abwärtskanals des Euros liegt laut Umlauf inzwischen bei 1,208 Dollar und damit in der Nähe der Marke von 1,1876 Dollar. Auf diesen Stand war die europäische Gemeinschaftswährung im Juli 2010 gefallen. Damit hatte sie ein mehrjähriges Tief zur US-Devise markiert, war allerdings danach auch wieder deutlich gestiegen.

Im Abwärtskanal liegt der Euro jetzt wieder seit Anfang Mai 2011. Damals kostete er noch 1,4940 Dollar - hat seither im Zuge der sich immer weiter zuspitzenden Krise der Euro-Schuldenländer aber kräftig verloren.

Auf- und Abwärtstrends und -kanäle ermitteln Charttechniker, indem sie verschiedene Hochs und Tiefs im historischen Kursverlauf zu Trendlinien verbinden. Um den langfristigen Abwärtskanal nach oben hin zu verlassen, müsste der Euro laut Umlauf bis Ende des Jahres auf über 1,30 Dollar und danach auf Niveaus von 1,34 bis 1,35 Dollar steigen: "Bis dahin ist noch eine Menge Luft, und von daher kann man noch lange nicht von einer Trendwende sprechen", sagt Umlauf.

So viel kostet Europa

Rettungsfonds EFSM

Beim Rettungsfonds EFSM stehen 60 Milliarden Euro zu Buche. Der deutsche Anteil beträgt dabei 12 Milliarden Euro.

1. Rettungspaket für Griechenland (IWF und EU)

Griechenland erhielt durch das erste Rettungspaket 110 Milliarden Euro, 24 Milliarden davon kamen aus Deutschland.

Einlagensicherungsfonds (von Experten geschätzt)

Nach Schätzung der Citigroup müsste der von der EU-Kommission geforderte Einlagensicherungsfonds ein Volumen von 197 Milliarden Euro haben. Der deutsche Anteil läge dann bei bis zu 55 Milliarden Euro.

EZB-Staatsanleihenkäufe

Die Europäische Zentralbank hat Staatsanleihen für 209 Milliarden Euro eingekauft. Der Bund ist daran mit 57 Milliarden Euro, also mehr als einem Viertel, beteiligt.

IWF-Beitrag zu den Rettungspaketen

Der Internationale Währungsfonds zahlte 250 Milliarden Euro für die Rettungspakete. Deutschland gab dafür 15 Milliarden.

Geplanter ESM

Der dauerhafte Rettungsschirm soll ein Volumen von 700 Milliarden Euro haben. Deutschland wäre daran mit 190 Milliarden Euro beteiligt.

Bürgschaften im Rettungsfonds EFSF

Der Rettungsfonds bürgt mit 780 Milliarden, Deutschland allein mit 253 Milliarden Euro.

Target-Verbindlichkeiten

Die Target-Verbindlichkeiten liegen innerhalb des EZB-Verrechnungssystem bei 818 Milliarden Euro. Der deutsche Anteil daran beträgt 349 Milliarden Euro.

Immerhin besteht für den Experten der Helaba jetzt aber die Aussicht, dass der Euro zunächst nicht mehr unter die Marke von 1,2042 Dollar, also das Tief kurz vor der Draghi-Rede Ende Juli, fällt. Denn wenn ein Chart innerhalb einer Abwärtsbewegung ein Tief markiert und von dort aus nach oben dreht, wird das Tief zu einer Unterstützung des Kurses. Hier lassen sich seit Ende Juli wiederum mehrere Punkte verbinden, so dass oberhalb von 1,2042 Dollar je Euro noch Unterstützungen im Bereich zwischen 1,2260 bis 1,2150 Dollar liegen.

Und kurzfristig hat der Euro nach Meinung von Umlauf zudem noch weiteres Potenzial nach oben. Aussichten auf weitere Kursanstiege machen technisch orientierte Analysten unter anderem an Widerstandsmarken fest. Sie sind das Gegenstück zur Unterstützung. Wenn innerhalb einer Aufwärtsbewegung ein bestimmtes Kursniveau mehrfach nicht überwunden werden konnte, gilt dies als Widerstand.

Wenn der Sprung über einen Widerstand doch gelingt, eröffnet das die Möglichkeit für weitere Kursgewinne. Die entscheidende Hürde für den Euro sieht Umlauf jetzt bei 1,2444 Dollar und dabei gute Chancen, dass der Euro diesen Widerstand überwindet. Dann könnte die europäische Währung in Richtung 1,27 Dollar steigen und gelangte dort in den Bereich der nächsten Widerstände. Somit sieht Umlauf für den Euro auf kurze Sicht zwar noch Luft für Gewinne zum Dollar, aber: "Letztlich handelt es sich nur um eine Gegenbewegung innerhalb des intakten langfristigen Abwärtstrends."

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