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23.04.2012

17:45 Uhr

Chartgespräch

„Die Hausse ist nur unterbrochen“

VonUlf Sommer

Der kräftige Rücksetzer beim Dax sollte Anleger nicht zu sehr schrecken. Denn Konsolidierungen wie diese seien Teil einer jeden Hausse, sagt Achim Matzke, Charttechniker bei der Commerzbank. Was Anleger wissen sollten.

Achim Matzke rechnet mit einer längeren Konsolidierung. AFP

Achim Matzke rechnet mit einer längeren Konsolidierung.

DüsseldorfDem besten Jahresauftakt in der Dax-Geschichte folgten zuletzt ruppigere Zeiten: Die Kurse sanken so stark wie noch nie in diesem Jahr. Der Dax verlor seit seinem Hoch im März bei 7 158 Punkten sechs Prozent. Endet damit die Aufwärtsbewegung? „Keineswegs“, urteilt Achim Matzke von der Commerzbank.

„Konsolidierungen, wie wir sie jetzt erleben, sind Teil einer jeden Hausse“ — und sehr viel mehr eine Chance als ein Risiko, wie der erfahrene Charttechniker erläutert.

Allen Skeptikern, die nach dem fulminanten Jahresauftakt den Dax in einer neuen Talfahrt sehen, empfiehlt er eine Portion Gelassenheit und vor allem Geduld – und zunächst einen Blick auf den weltweit wichtigsten Index, den amerikanischen S&P 500. Er ist der Leitindex für fast alle Börsen, auch für den Dax. „Gemessen an seinem Hoch hat der S&P gerade mal knapp fünf Prozent verloren. Das ist eine ganz milde Konsolidierung.“

Die grössten Fehler der Anleger

Risikotoleranz

Die Neigung, Risiken einzugehen, ist mit zwei demografischen Faktoren verbunden: Geschlecht und Alter. Frauen sind normalerweise vorsichtiger als Männer und ältere Menschen sind weniger bereit, Risiken einzugehen, als jüngere Leute. Die Konsequenzen der Verhaltensökonomik für Anleger sind klar: Wie wir uns bei der Geldanlage entscheiden und wie wir uns bei der Verwaltung unserer Anlage entscheiden, hängt sehr davon ab, wie wir über Geld denken. [...] Sie demonstriert, dass Marktwerte nicht ausschließlich von den gesammelten Informationen bestimmt werden, sondern auch davon, wie menschliche Wesen diese Informationen verarbeiten.

Übertriebene Zuversicht

An sich ist Zuversicht ja keine schlechte Sache. Aber übertriebene Zuversicht ist etwas ganz anderes, und sie kann besonders im Umgang mit unseren Finanzangelegenheiten Schaden anrichten. Übertrieben zuversichtliche Anleger treffen nicht nur für sich selbst dumme Entscheidungen, sondern diese wirken sich auch sehr stark auf den Mark als Ganzes aus.

Kurzfristiges Denken

Menschen [legen] zu viel Wert auf wenige mehr oder wenige zufällige Ereignisse [...] und meinen, sie würden darin einen Trend erkennen. Insbesondere sind Anleger tendenziell auf die neuesten Informationen fixiert, die sie bekommen haben, und ziehen daraus Schlüsse. So wird der letzte Ergebnisbericht in ihrem Denken zum Signal für künftige Gewinne. Und da sie meinen, sie würden etwas sehen, das andere nicht sehen, treffen sie dann aufgrund oberflächlicher Überlegungen schnelle Entscheidungen.

Verlustaversion

Der Schmerz durch einen Verlust [ist] viel größer als die Freude über einen Gewinn. Bei einer 50:50-Wette, bei der die Chancen exakt gleich sind, riskieren die meisten Menschen nur dann etwas, wenn der potenzielle Gewinn doppelt so groß ist wie der potenzielle Verlust. Das nennt man asymmetrische Verlustaversion. [...] Auf den Aktienmarkt bezogen bedeutet dies, dass sich die Menschen beim Verlust von Geld doppelt so schlecht fühlen, wie sie sich gut fühlen, wenn sie einen Gewinn erzielen. Diese Abneigung gegen Verluste macht Anleger übertrieben vorsichtig, und das hat einen hohen Preis. [...] Wir wollen alle glauben, wir hätten gute Entscheidungen getroffen, und deshalb hängen wir zu lange an schlechten Entscheidungen, in der vagen Hoffnung, die Dinge werden sich noch wenden.

Verdrängen

Wir neigen dazu, das Geld geistig auf verschiedene Konten zu buchen, und dies bestimmt, wie wir es verwenden. [...] Zudem wurde die geistige Buchhaltung als Grund angeführt, weshalb Menschen schlecht laufende Aktien nicht verkaufen: In ihren Augen wird der Verlust erst real, wenn sie ihn realisieren.

Quelle: Robert G. Hagstrom, Warren Buffett. Sein Weg. Seine Methode. Seine Strategie., Börsenbuchverlag 2011.

Eine Konsolidierung innerhalb der intakten Aufwärtsbewegung, wie der Experte hervorhebt. Diese begann an der Wall Street 2009. Nach der starken Rally zu Jahresanfang 2012 sei der Markt nun zweifellos überkauft; und der S&P hat seinen Hausse-Trend zur Seite hin verlassen.

Das heißt: Die starken Kursgewinne laden viele Anleger zu Gewinnmitnahmen ein. Zugleich müssen sich neue Käufer an das höhere Kursniveau gewöhnen – sie warten also ab. Beide Faktoren drücken derzeit die Kurse.

Die zehn wichtigsten Aktien-Regeln

Eigene Strategie festlegen

Gegen die größer werdenden Unwägbarkeiten sollte man sich zuallererst mit einer Strategie wappnen: Wer an kräftiges Wachstum in Deutschland glaubt, an einen anhaltenden Boom der Schwellenländer und hohen privaten Konsum, kann weiter am Aktienmarkt investieren. Wer skeptisch ist, sollte seine Bestände hingegen nicht aufstocken.

Widerstandskraft zeigen

Eng verbunden mit der ersten Regel: Immer wieder kommt es vor, dass sich Dinge anders entwickeln, als man erwartet hat. Es ist wichtig, sich selbst immer wieder zu hinterfragen und nicht jeder Entwicklung hinterherzulaufen. Eine solche Reaktion zeugt nicht von einem geringen Vertrauen in die eigene Strategie. Es kostet meist auch Geld, weil die Masse schon vorher diese Richtung eingeschlagen und das Gros an Rendite eingefahren hat.

Richtig mischen

Groß oder klein, spekulativ oder konservativ, liquide oder illiquide, dividendenstark oder dividendenschwach, Substanz oder Wachstum: Bei Aktien ist die Auswahl riesig. Der richtige Mix aus spekulativen und konservativen Titeln hilft, Schwankungen zwischen guten und schlechten Zeiten auszugleichen. Nicht zu unterschätzen sind starke Dividendenzahler, die Jahr für Jahr den Grundstock für eine solide Rendite legen.

Barrieren einbauen

Keine Frage, die Börsen haben in den vergangenen zehn Jahren stärker geschwankt als in allen Dekaden zuvor. Das wird so bleiben, mit wachsendem Computerhandel sogar noch zunehmen. Wer sein Risiko minimieren will, baut Barrieren ein – sogenannte Stopps. Gerne werden Stopps bei 20 Prozent über und unterhalb des aktuellen Kurses gewählt. Dann wird automatisch verkauft, wenn diese Grenzen erreicht sind. Kommt eine Phase überraschend steigender Kurse mit anhaltendem Aufwärtstrend, lässt sich die Barriere leicht nach oben verschieben. Wichtig ist dann, auch die Barriere am unteren Ende nachzuziehen.

Herdentrieb beobachten

Wichtig in Phasen überraschender Kurssteigerungen oder -stürze ist es, das Verhalten der Masse zu beobachten. Ist es noch nachvollziehbar oder völlig irrational? Häufig ist es irrational. Dann hilft meist die zweite Regel: Widerstandskraft zeigen. Nach einigen Monaten kehrt die Rationalität von ganz allein zurück. Der Kurssturz aus dem vergangenen Jahr und die jüngste Entwicklung beweisen das gerade wieder.

Risiko rausnehmen

Sind Aktien wie seit Jahresbeginn schon um 30, 40 oder gar 50 Prozent gestiegen, dann sind Anschlussgewinne in der Regel nur noch schwer zu erzielen. Phrasenverdächtig ist zwar die alte Weisheit: „An Gewinnmitnahmen ist noch niemand zugrunde gegangen.“ Richtig ist sie trotzdem.

Insidern folgen

Firmenchefs haben einen gewaltigen Vorteil gegenüber normalen Aktionären. Sie wissen weit mehr als jeder Analyst oder Kommentator, wie es in ihrem Unternehmen aussieht. Insider nennt man sie deshalb. Sie melden ihre Orders innerhalb von fünf Handelstagen an die Börsenaufsicht Bafin. Das Handelsblatt veröffentlicht alle zwei Wochen das sogenannte Insider-Barometer, das aus der Summe aller Kauf- und Verkaufsorders Schlüsse für den weiteren Verlauf in Dax & Co. zieht. Jüngste Tendenz: Vorstände und Aufsichtsräte verkaufen mehr als sie kaufen. Vorsicht also!

Geopolitische Ereignisse beachten

Terroranschläge und Naturkatastrophen kommen unerwartet. Politische Konflikte wie zwischen Israel und dem Iran schwelen meist länger. Auch entscheidende Wahlen sind vorhersehbar und haben immer Einfluss auf die Börse. Dabei gilt generell: Wahljahre sind gute Börsenjahre.

Auf reale Werte setzen

Mit Optionsscheinen oder Bonus-Zertifikaten lässt sich zwar aus einem Aufwärtstrend ein noch größerer Profit schlagen. Dies sind jedoch in der Regel Wetten ohne realen Hintergrund. Aktien sind reale Werte.

Moden misstrauen

Vor allem Aktien einzelner Branchen unterliegen immer wieder gewissen Moden. Doch die wechseln wie im realen Leben, und manchmal geht das schneller, als man denkt. Das bekommt gerade die einst angesehene Solarenergie-Branche bitter zu spüren.

Ähnlich ist das Bild im Dax: Hier begann die von Charttechnik-Experte Matzke als „Bilderbuch-Hausse“ bezeichnete Aufwärtsbewegung im September vergangenen Jahres. Ausgangspunkt waren 4965 Punkte. Die Hausse bescherte dem wichtigsten deutschen Börsenbarometer einen Zugewinn von 45 Prozent in nur sechs Monaten, ehe es zuletzt abwärts ging.

Kommentare (7)

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Anonymus

23.04.2012, 22:09 Uhr

Wenn man will, kann man im Chartverlauf ganz eindeutig eine Kopfschulterformation erkennen! Die linke Schulter im Februar, der Kopf im März, die rechte Schulter im April und da ist sie, die Trendumkehr, die Herr Matzke nicht sehen will.

moneyman

23.04.2012, 22:19 Uhr

Das Handelsblatt ist immer noch in der April-Scherz Phase. Das Geldproblem wird einfach ausgeblendet und die Krise wird einfach wegpropagantiert, wie in der ARD und ZDF.

user_00

23.04.2012, 22:22 Uhr

Da der Herr Matzke von der "Commerz"bank ist, ist es eigentlich logisch, dass der solche Thesen vertritt. Schließlich geht es seinem Arbeitgeber ausschließlich um Kommerz ! Wenn der heute sagen würde, dass es jetzt abwärts geht, könnte er sich morgen einen neuen Job suchen!! Immer bei Äußerung hinterfragen: Cui bono? Wem nützt welche Aussage?

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