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27.08.2014

10:09 Uhr

Commerzbank-Aktie

Wie Dr. A von Psychofalle zu Psychofalle tappte

VonJessica Schwarzer

Hat das Leiden nie ein Ende? Fast drei Prozent hat die Commerzbank-Aktie 2014 schon verloren. Dr. A kennt die Gefühlskrisen, die Anleger mit der Aktie erleben – er war selbst einer. Ein Lehrstück in Börsenpsychologie.

Emotionale Achterbahnfahrt: Commerzbank-Aktionäre hatten es in den vergangenen Jahren nicht leicht. Getty Images

Emotionale Achterbahnfahrt: Commerzbank-Aktionäre hatten es in den vergangenen Jahren nicht leicht.

DüsseldorfJahreslang hat Dr. A sich geärgert, manchmal verzweifelte er fast. Regelmäßig verhagelte ihm die Tagesschau die Laune, dann ging er schlecht gelaunt ins Bett. Manchmal keimte auch ein kleines Pflänzchen Hoffnung – um im nächsten Moment zertrampelt zu werden. Wenn der 63-Jährige in den vergangenen Jahren auf sein Depot schaute oder in den Wirtschaftsteil der Zeitung, dann kochten regelmäßig die Emotionen hoch. Schuld daran war die Commerzbank-Aktie.

Zum Glück betrachtet der leitende Beamte das Leben mit einem Schuss Ironie. Sein Leiden als Commerzbank-Aktionär hätte er sonst kaum ertragen. „Ich bin enttäuscht. Und zu dem Frust kommt auch Wut. Die haben nicht mit offenen Karten gespielt. Die haben uns toxische Papiere verheimlicht. Die haben uns an der Nase herumgeführt“, ärgerte er sich im Mai 2012. Damals hat er Handelsblatt Online von seinen Erfahrungen als Anteilseigner von Deutschlands zweitgrößter Bank berichtet, jetzt haben wir uns ein weiteres Mal getroffen.

Verhalten und Präferenzen deutscher Aktionäre

Entwicklung der Zahl der direkten Aktionäre in Deutschland

2013: 4.855 Millionen

2012: 4.534 Millionen

2011: 3.891 Millionen

Quelle: Deutsche Post DHL/Deutsches Aktieninstitut

Anlageziele der Aktionäre

Welche Bedeutung haben Anlageziele bei Aktionären?

Für 81 Prozent hat der langfristige Vermögensaufbau eine hohe Bedeutung.

67 Prozent stellen den Schutz vor Inflation in den Vordergrund.

Bei der Frage, welche Bedeutung das regelmäßige Einkommen aus Dividenden und Verkauf haben, gaben 44 Prozent an, dass es für sie sehr wichtig sei.

Lediglich 12 Prozent setzen ihre Priorität auf kurzfristige Gewinne.

Anteil des in Aktien investierten Vermögens

Wie viel Prozent des Vermögens legen Investoren in Aktien an (Durchschnittswert)?

2013: 26,8 Prozent

2008: 25,2 Prozent

2004: 23,9 Prozent

Bedeutung von Dividende und Aktienrückkauf

Wie beurteilen Anleger die Ausschüttungen durch Aktienrückkäufe im Verhältnis zu Dividendenzahlungen?

Gleich: 37 Prozent

Eher schlechter: 34 Prozent

Eher besser: 20 Prozent

Viel schlechter: sechs Prozent

Viel besser: drei Prozent

Bedeutung von Dividende und Kurssteigerungen

Würde die Rendite sich aus Kurssteigerungen und Dividendenzahlungen zusammensetzen, dann würden...

... 43 Prozent eine mittlere Dividende und mittlere Kurssteigerung bevorzugen;

... 33 Prozent eine hohe Dividende und eine geringe Kurssteigerung wählen;

... 13 Prozent eine geringe Dividende und eine hohe Kurssteigerung sich aussuchen.

Orientierung an fundamentalen bzw. technischen Daten

Woran orientieren sich Anleger beim Ankauf oder Verkauf von Aktien?

Sowohl an der wirtschaftlichen Entwicklung als auch an der Kursentwicklung: 60 Prozent

Eher an der Kursentwicklung: 16 Prozent

Eher an der wirtschaftlichen Tätigkeit: 14 Prozent

Ich treffe meine Entscheidungen nicht selbst, vertraue jemand anderem. Acht Prozent

Vertrauenswürdigkeit von Informationsquellen für Privatanleger

Anteil der Anleger, die auf Zeitungen, Zeitschriften und Wirtschaftssendungen vertrauen.

2013: 69 Prozent

2008: 65 Prozent

2004: 65 Prozent

Anteil der Anleger, die Beratern der Bank, Sparkasse oder Broker Vertrauen schenken.

2013: 39 Prozent

2008: 49 Prozent

200446 Prozent

Wo die Commerzbank-Aktie gerade steht, das weiß Dr. A nicht. Dass die Aktie im Frühjahr rasant gestiegen ist – nämlich auf mehr als 14 Euro –, das hat er nur am Rande mitbekommen. Auch, dass sie seither wieder im Sinkflug ist. Er schaut nicht mehr Tag für Tag auf den Kurs, im Gegenteil. „Für mich gibt es die Aktie nicht mehr, ich verfolge sie auch nicht mehr“, stellt Dr. A klar. Anfang des Jahres hat er die Reißleine gezogen. „Nix wie raus aus der Commerzbank-Aktie. Auf nimmer Wiedersehen!“, hat er sich gedacht. 

Sein Engagement bei Deutschlands zweitgrößter Bank hat ihm in den vergangenen Jahren oft gehörig die Stimmung verdorben. Er hat wohl alle emotionalen Hochs und Tiefs erlebt, die ein Börsianer überhaupt durchleben kann. „Es sind nicht nur unheimliche, sondern auch heimliche Leiden – man erzählt das ja nicht so gern, eigentlich eher ungern. Schließlich hat man viel Geld versenkt“, sagte er im Mai 2012. „Ich habe viele Fehler gemacht – und ich habe pausenlos darüber geredet, auch wenn man eigentlich nicht damit hausieren gehen mag.“

Wer offen über seine Geldanlagen spricht, erhöht den emotionalen Druck. Denn die Verbundenheit mit den Papieren – Psychologen nennen das neudeutsch Commitment – wächst. Läuft es gut, ist das nicht so schlimm. Läuft es aber wie im Fall von Dr. A schlecht, dann wächst der Rechtfertigungsdruck. Schließlich will kein Anleger als Verlierer dastehen, niemand will sich seine Fehlentscheidungen eingestehen, sich schon gar nicht vor Freunden oder Kollegen rechtfertigen müssen. „Menschen operieren nicht im luftleeren Raum“, erklärt Manfred Hübner vom Analysehaus Sentix im Interview mit Handelsblatt Online. „Sie suchen und finden vermeintliche Bestätigung ihrer subjektiven Ansichten und Vorurteile.“ Ihr Ausweg: schönreden, negative Nachrichten umdeuten oder gleich ganz ignorieren, positive Faktoren überhöhen, Durchhalteparolen verbreiten. Genau das hat Dr. A getan, so wie Zehntausende Aktionäre es tagtäglich tun.

Kommentare (7)

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Herr Jörg Baudisch

27.08.2014, 11:03 Uhr

Nach einer jahrelangen Rally ist es gar nicht so einfach überhaupt noch Verlierer im Depot zu haben. Die Verluste laufen zu lassen ist eher das Gegenteil von Gier, denn wer gierig ist, verkauft die Verlierer und stockt die Gewinner auf. Nach nun mind. 7 Jahren Eurokrise und Bankenkrise muss man schon sehr naiv sein, um noch auf ein Konjunktur-Wunder in Europa zu hoffen.

Herr Sören Aabye Kierkegaard

27.08.2014, 11:14 Uhr

Wer braucht Konjunkturwunder, wenn es die EZB gibt?

Es wäre genauso naiv zu glauben, dass es jetzt zum "großen Crash" kommt, insbesondere solange die Notenbanken alles dafür tun werden, um den Markt (indirekt) zu stützen.

Herr Tenzin Konchuk

27.08.2014, 11:31 Uhr

Es gibt da nur eine schlimme Tatsache

Als dieses Problem bekannt wurde hätte man es zu einer lösbaren Aufgabe wandeln können. Seit aber materieller Gegenwert von nominalen Geldwert entkoppelt wurde, man denke da an den 23.12.1913 und die amerikanische PRIVAT Bank FED hat der scholastisch/mechanistische Materialismus einen Siegeszug angetreten. Wie schlimm wird der Tag werden wo der holistisch/dialektische Materialismus sie zu einer Besinnung bringen wird.
„Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet Ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“

Commerzbank da ist man wenigstens so ehrlich und lässt den namen Programm sein. Kommerz.
Zwischen der Begrifflichkeit Profit auf Basis hemmungsloser Gier und Gewinn auf Basis handwerklicher ehrlicher Facharbeit besteht nicht nur ein kleiner Unterschied sondern ein RIESENgroßer.

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