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03.09.2015

17:37 Uhr

Commerzbank-Analyse

Londoner Finanzsektor bei EU-Austritt in Gefahr

Es ist ein beunruhigendes Szenario für die Briten: Sollte das Land aus der EU austreten, könne der Finanzplatz London Schaden nehmen, prognostiziert die Commerzbank. Vorteile für die Briten sieht die Bank dagegen nicht.

Tritt Großbritannien aus der EU aus? Zumindest aus Nutzenperspektive spricht weniges dafür, so die Commerzbank. Reuters

Finanzplatz London

Tritt Großbritannien aus der EU aus? Zumindest aus Nutzenperspektive spricht weniges dafür, so die Commerzbank.

BrüsselLondons Position als globales Finanzzentrum könne Schaden nehmen, falls Großbritannien die Europäische Union verlasse, warnt die Commerzbank AG. „Schnell wachsende Finanzzentren in Asien und dem Nahen Osten wären gut aufgestellt, um daraus Nutzen zu ziehen“, kommentierte Peter Dixon, Ökonom bei der Commerzbank in London, am Mittwoch. „Ein Vorteil, den die britische Finanzbranche unter den derzeitigen Regelungen genießt, ist der uneingeschränkte Zugang zu einem Markt mit 500 Millionen Menschen; wenn sie von außerhalb der EU arbeiten würde, würde dieser Vorteil verschwinden, während der Nutzen sehr ungewiss wäre.“

Der britische Ministerpräsident David Cameron erklärte, er werde vor Ende 2017 ein Referendum zur EU-Mitgliedschaft Großbritanniens abhalten. Bis dahin will er für Änderungen in der Arbeitsweise der Union sorgen, durch die bestimmte Kompetenzen auf die nationalen Regierungen zurückübertragen werden. 45 Prozent der Wähler befürworten einen Verbleib in der EU, dagegen sind 37 Prozent, wie eine Umfrage des Instituts Survation Ltd. im August ergab.

Was die Briten an der EU stört

Nationale Identität

Als ehemalige Weltmacht ist Großbritanniens Politik noch immer auf Führung ausgelegt. London ist gewohnt, die Linie vorzugeben, statt sich mühsam auf die Suche nach Kompromissen zu begeben. Die Briten reagieren allergisch auf jegliche Vorschriften aus Brüssel.

Londoner City

Die Londoner City ist trotz massiven Schrumpfkurses noch immer die Lebensader der britischen Wirtschaft. Großbritannien fühlt sich von Regulierungen, die in Brüssel ersonnen wurden, aber die City treffen, regelrecht bedroht.

Soziales und Arbeitsmarkt

Auch in der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik wollen sich die Briten nicht von Brüssel herein reden lassen. Eine gemeinsame EU-weite Arbeitszeitrichtlinie hat beispielsweise für heftigen Streit gesorgt.

EU-Bürokratie

Die Euroskeptiker unter den Briten halten die Bürokratie in Brüssel für ein wesentliches Wachstumshemmnis. Anti-Europäer in London glauben, dass Großbritannien bilaterale Handelsabkommen mit aufstrebenden Handelspartnern in aller Welt viel schneller aushandeln könne als der Block der 27. Die Euroskeptiker fordern auch, dass der Sitz des Europaparlaments in Straßburg abgeschafft wird und die Abgeordneten nur noch in Brüssel tagen.

Medien

Die britische Presse ist fast durchgehend europafeindlich und prägt das Bild der EU auf der Insel. Das hat politische Wirkung. „Ich muss meinen Kollegen in Brüssel dauernd sagen, sie sollen nicht den 'Daily Express' lesen“, zitierte mal die „Financial Times“ einen britischen Minister.

Ein Austritt Großbritanniens wäre ein Abwägen zwischen den ökonomischen und den politischen Interessen Großbritanniens, und es gebe kaum Hinweise auf einen positiven Nutzen, so die Commerzbank. Eine Verringerung des Handels würde es schwieriger machen, die Arbeitslosigkeit zu kontrollieren; dagegen sei es unwahrscheinlich, dass ein Wegfall der EU-Regulierungen die britische Wirtschaft stärken würde, hieß es. „Ein Austritt bedeutet einfach nur, dass Großbritannien dann vor anderen Problemen steht.“

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