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24.09.2014

14:35 Uhr

Contra

Bitte, wenn Sie zocken wollen

VonDieter Fockenbrock

Klar lassen sich beim Börsengang der Internetfirmen kurzfristig Gewinne erzielen. Aber nur, weil alle blind investieren, und nicht, weil sie vom Konzept überzeugt sind. Warum vergessen Anleger oft jede Vorsicht?

Die Aktien des chinesische E-Commerce-Konzerns Alibaba stiegen am Tag ihres Börsendebüts in den USA am vergangenen Freitag um 38 Prozent. ap

Die Aktien des chinesische E-Commerce-Konzerns Alibaba stiegen am Tag ihres Börsendebüts in den USA am vergangenen Freitag um 38 Prozent.

DüsseldorfSie haben die Wahl: Alibaba oder Plastik? Klar, wie Ihre Entscheidung ausfällt. Es ist spannender, in ein digitales Unternehmen aus dem fernen China zu investieren als in die Resterampe eines „old fashioned“ Industriekonzerns. Noch dazu die unglaubliche Wachstumsstory. Eine halbe Milliarde Chinesen sind bis heute nicht online. Unfassbar, welche Chancen sich da für Alibaba abzeichnen. Dagegen dreht sich einem schon beim Wort Polymer-Werkstoffe - das ist das, was der Bayer-Konzern mit der Abspaltung seiner Kunststoffsparte auf dem Parkett anbieten will - der Magen um.

Alibaba dagegen ... Ja, was ist Alibaba eigentlich? Eine Mischung aus Ebay und Paypal. Kommt ja nicht so genau drauf an, werden Sie sagen. Hauptsache, das Geschäft findet irgendwie im Internet statt. Mehrfach überzeichnet ist das Papier ja angeblich schon. Der Aktienkurs muss ja am Freitag in New York durch die Decke gehen. Also jetzt ganz schnell zur Bank oder an den Rechner und Aktien ordern. Ohne Limit natürlich. Könnte ja sonst nicht klappen.

9 Tipps die Sie bei Neuemissionen beachten sollten

Tipp 1

Ob Twitter, Facebook, Rocket Internet  oder Alibaba: IPOs üben immer wieder einen großen Reiz auf Anleger aus. Doch es gibt einiges zu beachten, damit man sich an den Börsenneulingen nicht die Finger verbrennt. Beispielsweise: Wie soll der Emissionserlös, der Gewinn aus den Aktienverkäufen, verwendet werden? Fließt das Geld in das Unternehmen oder werden lediglich die Interessen Dritter befriedigt?

Tipp 2

Wie lange wollen die Altaktionäre ihre Anteile halten? An den Lock-up- oder Haltefristen können Sie gut erkennen, ob das Management an einen langfristigen Erfolg des Unternehmens glaubt oder nur auf einen kurzfristigen Kursgewinn spekuliert.

Tipp 3

Ist die Höhe des Emissionspreises, der Preis für die Aktien, angemessen im Vergleich zu anderen, ähnlichen Unternehmen aus der Branche? Ist das Unternehmen damit fair bewertet oder künstlich hochgespielt?

Tipp 4

Wie sehen die Umsatz- und Gewinnzahlen, die Kennziffern des Unternehmens in der Vergangenheit aus? Aber Vorsicht. In manchen wachstumskräftigen, aber riskanten Branchen (etwa in der Biotechnologie) ist es durchaus üblich, dass Unternehmen jahrelang Verluste einfahren, und trotzdem könnte eine Aktie zu empfehlen sein.

Tipp 5

Gibt es für die Produkte und Dienstleistungen des Unternehmens tatsächlich einen Bedarf, gibt es genügend Abnehmer? Nicht jede tolle Idee ist bei näherer Betrachtung auch wirklich marktfähig.

Tipp 6

Wie sieht die Konkurrenzsituation aus? Gibt es starke Wettbewerber mit hoher finanzieller Schlagkraft?

Tipp 7

Welchen Eindruck macht das Management auf Sie? Verfügt es über genügend Erfahrung und Kompetenz?

Tipp 8

Wie professionell kommuniziert das Unternehmen nach außen? Sind die Botschaften kompetent, stringent und informativ?

Tipp 9

Verstehen Sie die Geschäftsidee? Wenn nicht, dann sollten Sie auf diese Aktie verzichten und anderen den Vorzug geben/lassen.

Die Quelle

Aber wissen Sie, was Sie da kaufen? Eine „special purpose entity“. Wenn Sie das googeln, werden Sie feststellen, dass Sie zwar stolzer Eigentümer von vielleicht 50 Alibaba-Aktien im Gegenwert von 2.500 Euro sind. Aber niemand wird Sie jemals zu einer Hauptversammlung einladen. Niemand wird Ihre Meinung wissen wollen. Sie werden null Kontrolle über Ihr Geld haben. Sie sind Zocker? Gut, dann ab ins nächstgelegene Wettbüro. Mit etwas Glück werden Sie Ihren Einsatz verdreifachen können.

Und mit Glück klappt das auch bei den anderen anstehenden Börsengängen der digitalen Wirtschaft. Der Modehändler Zalando kommt als Nächstes aufs Parkett. Später dann die Schwesterfirma Rocket Internet. Über Zalando wissen wir Anleger immerhin, dass das Unternehmen bisher keine Gewinne macht, 280 Millionen Euro Verlustvortrag vor sich herschiebt und mit dem Erlös aus dem Börsengang von etwa einer halben Milliarde Euro noch schneller wachsen will.

Und: Es kommen 11,3 Prozent an die Börse. Der Rest bleibt in den Händen der Altaktionäre. Das klingt beruhigend. Ist es aber nicht. Lesen Sie den 438 Seiten starken Börsenprospekt. Dort erfahren Sie, "die Interessen der Altaktionäre könnten den Interessen unserer anderen Aktionäre widersprechen". Wenig vertrauenerweckend auch der Hinweis, es sei "nicht gewährleistet, dass wir in Zukunft unsere Profitabilität erreichen oder aufrechterhalten werden können".

Über Rocket Internet wissen wir noch gar nichts. Außer, dass die agilen Samwer-Brüder dahinterstehen wie bei Zalando. Und dass es sich um eine Holding für junge Internetfirmen handelt, die alle im Schnitt gerade zwei Jahre alt sind. Aber fünf Milliarden Euro soll die Rakete schon wert sein. Wer da nicht zugreift.

Auf die Gefahr hin, dass ich als Spielverderber und Börsenspießer gebrandmarkt werde: Warum verlieren wir bei den Alibabas, Zalandos und Rocket Internets dieser Welt jegliche Vorsicht? Warum gelten hier nicht dieselben Maßstäbe, die wir bei Siemens, der Telekom oder Bayer anlegen, bevor wir denen unser gutes Geld geben? Eben schlüssiges Geschäftskonzept, seriöse Ertragsplanungen, klare Eigentümerverhältnisse.

Klar lassen sich möglicherweise beim Börsengang der Internetfirmen kurzfristig Gewinne erzielen. Aber nur, weil alle Anleger blind investieren, und nicht, weil sie vom Konzept dieser Unternehmen überzeugt sind. Gerade die Internetwirtschaft hat bewiesen, wie schnell der Ruhm verblasst. Also Finger weg!

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