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17.06.2016

10:24 Uhr

Cox-Attentat

Die makabre Reaktion der Märkte

Der Mord an der britischen Politikerin Jo Cox hat Großbritannien geschockt. Auch die Weltmärkte reagierten auf die Bluttat: Das Pfund klettert nach oben, die Börsenkurse steigen. Der Grund ist so einfach wie makaber.

Tod von Jo Cox

„Wir haben einen lieben Freund verloren“

Tod von Jo Cox: „Wir haben einen lieben Freund verloren“

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Wenn etwas Schlimmes passiert, dann geht es auch an den Börsen und Devisenmärkten nach unten – normalerweise. Doch nach dem Attentat auf die britische Labour-Politikerin Jo Cox herrscht verkehrte Welt. Das betrifft vor allem das britische Pfund: Am Morgen lag der Kurs mit 1,4257 Dollar rund zweieinhalb US-Cent über dem Zweieinhalb-Monats-Tief vom Vortag.

Der Grund: Die Anleger hoffen, dass angesichts des tragischen Vorfalls die Stimmung auf der Insel sich doch noch zugunsten des Verbleibs in der EU dreht. Am 23. Juni stimmen die Briten darüber ab, ob sie in der Europäischen Union bleiben wollen oder nicht. In den vergangenen Tagen machten immer wieder Umfragen die Runde, wonach die EU-Gegner vorne liegen.

Drohendes Rechts-Chaos bei einem Brexit

Was passiert bei einem Brexit?

Ein Mitgliedsstaat muss seinen Austrittswunsch an die EU melden. Dies könnte einige Wochen dauern. Dann würde eine Periode von zwei Jahren beginnen, in denen zunächst über die Austrittsmodalitäten und dann über das neue rechtliche Verhältnis mit der EU verhandelt wird. Artikel 50 sieht die Möglichkeit einer Verlängerung vor. Zumindest Lidington bezweifelt aber, dass alle 27 EU-Staaten dem auch zustimmen würden. Denn die Briten wären in dieser Zeit weiter im EU-Rat mit allen Rechten vertreten, obwohl sie gar nicht mehr dazugehören wollen. Zudem werde in einigen EU-Regierungen diskutiert, ob man einem austretenden Land wirklich entgegenkommen solle, meint auch der SWP-Experte. Die Überlegung dahinter: Weitere EU-Staaten sollten von einem solchen Schritt abgeschreckt werden. Lidington wies darauf hin, dass selbst Grönland bei seiner Abspaltung vom EU-Land Dänemark drei Jahre brauchte, um die Beziehungen mit der EU neu zu regeln - und da sei es fast nur um Fisch gegangen.

Freihandel

Durch den Brexit würde Großbritannien aus rund 50 EU-Freihandelsverträgen mit Drittstaaten fliegen – und müsste diese neu verhandeln. US-Präsident Barack Obama hat bereits angekündigt, dass sich die Briten bei bilateralen Neuverhandlungen „hinten anstellen müssten“.

Binnenmarkt

Großbritannien müsste neu klären, wie sein Zugang zum EU-Binnenmarkt aussehen könnte. Dafür gibt es Vorbilder. Allerdings weist das Land einen Überschuss bei Finanzdienstleistungen mit dem Rest der EU auf. EU-Staaten könnten deshalb auf einen eingeschränkten Zugang in diesem Bereich pochen. Was geschieht, wenn die Unternehmen nach zwei Jahren zunächst keinen Zugang mehr zum Binnenmarkt hätten, ist unklar.

Personen

Es muss geklärt werden, wie der Rechtsstatus von Briten in EU-Ländern und der von Kontinental-Europäern in Großbritannien ist. Wer braucht künftig eine Aufenthaltserlaubnis oder sogar ein Visum?

EU-Finanzen

Die Entkoppelung der britischen Finanzströme von der EU wäre sehr kompliziert. Die EU-Staaten müssten klären, wer die wegfallenden britischen Beiträge im EU-Haushalt übernimmt. Gleichzeitig würden viele Projekte auf der Insel ins Trudeln geraten, weil EU-Zahlungen wegfielen.

EU-Beamte und britische EP-Abgeordnete

In Brüssel gilt bereits ein Stopp für wichtige Personalentscheidungen bis zum 23. Juni. Die britischen Mitarbeiter in der EU-Kommission könnten wohl auch nach dem Ausscheiden des Landes bleiben. Aber Aufstiegschancen dürfte es für sie nicht mehr geben. Die britischen Abgeordneten im Europäischen Parlament würden laut SWP-Experte von Ondarza wohl erst bei der nächsten Europawahl ausscheiden. Aber schon zuvor müsste geklärt werden, bei welchen Entscheidungen sie noch mitstimmen sollen.

EU-Gesetzgebung

Kein Probleme dürfte es bei jenen EU-Rechtsakten geben, die Großbritannien bereits in nationales Recht umgesetzt hat. Schwieriger wäre dies bei Themen, in denen die britische Regierung gerade EU-Recht umsetzt. Brexit-Befürworter fordern, dass sich das Land auch nicht mehr nach der EU-Menschenrechtskonvention richten sollte.

Außen- und Sicherheitspolitik

Die Briten leiten derzeit den Antipiraterie-Einsatz „Atalanta“, sie sind auch mit Soldaten in EU-Kampfeinheiten vertreten. Eine Neuordnung in diesem Bereich gilt als relativ unproblematisch.

„Die tragische Ermordung einer britischen Parlamentarierin gestern lässt den Devisenmarkt nicht innehalten, sondern führt dazu, dass die Folgen kühl und nüchtern eingepreist werden”, schreibt Commerzbank-Analyst Ulrich Leuchtmann in einem Kommentar. Sollte die Tat politisch motiviert gewesen sein, könnte dies knapp eine Woche vor dem Referendum die Zustimmung für einen Brexit verringern.

Auch die Analysten der Commonwealth Bank schreiben in einem Kommentar, dass die Marktteilnehmer nun von einer schwindenden Unterstützung der Brexit-Befürworter ausgingen. Medienberichten zufolge rief der Täter bei der Attacke „Britain First” („Großbritannien an erster Stelle”) – einer der Slogans der EU-Gegner.

Steigendes Pfund

Nach dem Mord and der Labour-Politikerin Jo Cox legte die Währung Großbritanniens gegenüber dem US-Dollar deutlich zu.

Der japanischen Börse hatte die Hoffnung auf einen ausbleibenden Brexit bereits zu Gewinnen verholfen: Der 225 Werte umfassende Nikkei-Index schloss 1,1 Prozent höher bei 15.600 Punkten. Der breiter gefasste Topix-Index stieg um 0,8 Prozent auf 1251 Punkte. Auch die amerikanischen Börsen schlossen am Donnerstag im Plus.

Kommentare (41)

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17.06.2016, 10:43 Uhr

So ein Schwachsinn!
Man kann genauso sagen, der Mord wird dem Brexit befördern damit endlich wieder Ruhe einkehrt in der englischen Gesellschaft.
Schließlich wird es nicht besser mit der EU werden...auch wenn England in der EU bleiben sollte....die Spannung und Verwerfungen werden mit oder ohne England in der EU ganz automatisch zunehmen. Dafür hat Merkel, Schäuble, Draghi, Junker, Schulz und Co. schon selbst gesorgt.
Die EU ist einfach nur noch ein Haufen aufgeblasener Selbstdarsteller die von Lobbyisten gesteuert werden. Das Wohl des Kontinents und auch Englands ist denen doch vollig egal.

Account gelöscht!

17.06.2016, 10:47 Uhr

Der krasse Fair-Value-Spread im neuen September-FDAX heute zum Großen Verfall (z.Zt. -10,0 bis -15,0 Punkte zur Kasse) hat die lustigen Handelsmaschinen mit den Micro-Sekundenlatenzzeiten und den mysteriösen Algorithmen nicht wirklich gestört.

Herr Percy Stuart

17.06.2016, 10:59 Uhr

So wie sich jetzt die Sachlage darstellt, war der Täter psychisch krank und die Tat nicht politisch motiviert. Zuvor hat Frau Cox sich in einen Streit zwischen dem Täter und einer weiteren männlichen Person eingemischt. Hätte sie dies nicht getan, wäre sie vermutlich heute noch am Leben. Trotzdem ist dieser Mord natürlich durch nichts zu rechtfertigen und ein abscheuliches Verbrechen. Erbärmlich finde ich hingegen wieder mal unsere Medien, die dieses Attentat sofort für ihre Pro-Euro-Zwecke und gegen die Brexit-Befürworter ausnutzen. Mir stinkt es so langsam wirklick, wie offensichtlich hier politisch motivierter Journalismus betrieben wird, die Onlineausgabe des Spiegel (spon.de) tut sich darin besonders negativ hervor.

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