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09.03.2012

21:13 Uhr

Credit Default Swaps

Zittern vor der Kettenreaktion

Griechenland zwingt seinen Gläubigern den Schuldenschnitt auf. Doch nun werden Kreditausfallversicherungen fällig. Die Folgen lassen sich kaum abschätzen, die Konsequenzen könnten schwerwiegend sein.

Griechenland-Rettung?

"Nur für den Moment nicht pleite"

Griechenland-Rettung?: "Nur für den Moment nicht pleite"

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Der Weg für den Schuldenschnitt Griechenland ist frei. Eine Mehrheit der Gläubiger hat der Umschuldung zugestimmt. Die restlichen will die Regierung in Athen zwangsweise enteignen. Dazu war vorsorglich schon ein Gesetz verabschiedet worden, das ermöglicht, alte Anleihen rückwirkend mit Umschuldungsklauseln („Collective Action Clauses“, CAC) auszustatten. Welche Nebenwirkungen dieses Manöver haben könnte, ist allerdings ungewiss.

Die Aktivierung der Zwangsklauseln führt nun wie befürchtet dazu, dass Kreditausfallversicherungen - Credit Default Swaps (CDS) - fällig werden. Die Entscheidung darüber hat der Derivateverband International Swaps and Derivatives Association (ISDA) getroffen. Der zuständige Ausschuss trat am heutigen Freitag zusammen, um zu entscheiden, ob mit der Umschuldung als "Kreditereignis" gewertet wird. Dieses sperrige Wort steht in der Welt der ISDA für einen Zahlungsausfall, und dessen Folgen lassen sich im Fall von Griechenland kaum kalkulieren. In Finanzkreisen hieß es von Anfang an, der ISDA bleibe kaum eine andere Chance, als einen formalen Zahlungsausfall festzustellen.

„Wir warnen seit zwei Monaten, dass Griechenland kollabieren wird, und genau das beginnt im Moment. Sollte der ISDA das Ziehen der Umschuldungsklauseln als ein Kreditereignis einstufen, dann haben wir einen öffentlichen Hinweis auf eine Pleite Griechenlands“, hatte Suresh Kumar Ramanathan von der CIMB Investment Bank in Kuala Lumpur im Vorfeld gewarnt. Für die Investoren ist es seiner Meinung nach entscheidend, wie viele CDS dann fällig werden und ob dadurch eine Kaskade an Zahlungen ausgelöst wird.

Stimmen zum Schuldenschnitt

Ulrike Kastens, Sal. Oppenheim

„Es sieht danach aus, dass die Umschuldungsklauseln CACs rückwirkend kommen werden. Jede Milliarde für Griechenland ist nötig, um ein signifikantes Ergebnis für den Schuldenschnitt zu bekommen. Aber wir dürfen uns keiner Illusion hingegen.
Griechenland wird weiter erhebliche Schwierigkeiten haben, die Vereinbarungen mit EU und IWF einzuhalten. Sie werden davon nur einen Teil erfüllen können. Die Prognosen etwa des IWF halten wir für viel zu optimistisch. Deshalb wird es wahrscheinlich noch ein drittes Paket für Griechenland geben. Mittelfristig muss die Förderung des Wachstums stärker im Fokus stehen.“

Suresh Kumar Ramanathan, Cimb Investment Bank in Kuala Lumpur

„Wir warnen seit zwei Monaten, dass Griechenland kollabieren wird, und genau das beginnt im Moment. Sollte der (Derivate-Verband) ISDA das Ziehen der (Umschuldungsklauseln) CACs als ein Kreditereignis einstufen, dann haben wir einen öffentlichen Hinweis auf eine Pleite Griechenlands. Für die Märkte wird es entscheidend sein, wie viele der CDS nach einer Aktivierung der CACs gezogen werden.“

Sumino Kamei, Bank of Tokio-Mitsubishi UFJ

„Es gibt immer noch viele Unklarheiten über die Details. Wir wissen nicht viel über das Timing und die detaillierten Formalien der CACs und darüber, was mit den CDS passieren wird, wenn die CACs aktiviert werden. Diese Unsicherheit könnte den Euro belasten.“

Yuji Saito, Credit Agricole

„Die Schlagzeilen zu Griechenland entsprechen den Erwartungen. Die wichtige Frage ist nun, ob Griechenland nach den Wahlen im nächsten Monat den vereinbarten Sparkurs beibehält.“

Christian Sschulz, Berenberg Bank

„Für die Kürze der Zeit ist das ein sehr solides Resultat. Das zeigt das große Interesse der Investoren, Griechenland nicht ungeordnet in die Zahlungsunfähigkeit gehen zu lassen. Damit erfüllt Griechenland höchstwahrscheinlich auch die letzte große Bedingung für das zweite Rettungspaket von 130 Milliarden Euro. Der IWF kann dem nun zustimmen. Jetzt kommt es darauf, ob die Regierung in Athen gemeinsam mit europäischen Partnern das Land wieder auf Wachstumskurs bringen kann.“

Lutz Karpowitz, Analyst Commerzbank

„Die ,freiwillige Enteignung' ist unter Dach und Fach. Wie die griechische Regierung heute Morgen bekanntgab, betrug die Zustimmungsquote der Anleihegläubiger 85,8 Prozent. Damit wird nun die Collective Action Clause (CAC) aktiviert werden, die auch die Investoren zwingt teilzunehmen, die nicht zugestimmt haben. Insgesamt nimmt der Markt die Meldung mit Erleichterung auf.
Mit dem gelungenen Schuldenschnitt ist eine weitere Hürde für das nächste griechische Hilfspaket über 130 Milliarden Euro genommen. Dass der Euro von der offiziellen Bekanntgabe des gelungenen Schuldenschnitts nicht profitiert, liegt vor allem an den bereits hohen Erwartungen, deutet aber auch darauf hin, dass die Luft nach den gestrigen Gewinnen raus zu sein scheint.“

Mit Investitionen in CDS können sich Anleger gegen den Ausfall von Anleihen absichern. Aber das Geschäft ist spätestens seit der Finanzkrise extrem umstritten. Nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers hätte der CDS-Markt beinahe schon einmal einen Flächenbrand ausgelöst. Damals hatten sich Investoren mit mehr als 500 Milliarden Dollar gegen eine Lehman-Pleite abgesichert. Tatsächlich hätte AIG diese gewaltige Summe niemals bezahlen können. Hätte die US-Regierung den Versicherer damals nicht aufgefangen, wäre er in die Pleite gerutscht und mit ihm viele Banken, die sich über die CDS gegen einen Lehman-Kollpas versichert hatten.

Kommentare (26)

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Thomas-Melber-Stuttgart

09.03.2012, 10:35 Uhr

Wenn ich Produkte (Versicherungen / CDS) verkaufe in der festen Absicht keinesfalls zu liefern (Schadenfall) so nenne ich das: Betrug.

cityboy

09.03.2012, 10:45 Uhr

nun, dem ist nicht viel hinzuzufügen.
die noch denkbare erneute ausrufung eines nicht-credit-events wird sicher zu rechtsstreiten führen, bei denen die isda nur verlieren kann. also wird man nun wohl in die bittere gurke beißen und endlich die cds wieder zum leben erwecken. dass es dabei die eine oder andere bank an den rand des abgrunds bringen wird, ist gut. nur so kann endlich verdeutlicht werden, dass diese instrumente von der aufsicht nicht streng reguliert, sondern verboten werden sollten. die aufseher und politiker sollten endlich handeln, nachdem sie dies in den letzten 5 jahren fahrlässig unterlasssen haben. also, verbot von kreditderivaten und anderen derivaten, zurück zur derivatewelt der 80er, rückabwicklung aller verbotenen derivate innerhalb von einem jahr. nun, träumen kann man ja, aber zurück zur realität. auf zum fröhlichen zocken.

Account gelöscht!

09.03.2012, 10:45 Uhr

...na, da ist sie ja schon, die "Nachricht"... ...keine 13h nach dem Ultimatum für den Schuldenschnitt... ...jetzt steht womöglich eine Kettenreaktion an. Konnte man diesen Fall nicht bereits vorher seitens der ISDA klären?
Was kommt als Nächstes? Portugal?

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