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30.06.2012

17:31 Uhr

Dax-Ausblick

Anleger setzen auf die EZB

Die Freude an den Börsen über die Beschlüsse des EU-Gipfels währt nur kurz. Kommende Woche kehren die Konjunktursorgen zurück und drücken die Kurse. Einziger Lichtblick: Die mögliche Leitzinssenkung der EZB.

Fällt der EZB-Leitzins kommende Woche auf Rekordniveau? dpa

Fällt der EZB-Leitzins kommende Woche auf Rekordniveau?

FrankfurtDie Freude von Investoren über die Ergebnisse des EU-Gipfels wird wohl schnell verpuffen. Stattdessen dürften angesichts der näher rückenden Bilanzsaison die Sorgen über die konjunkturellen Perspektiven verstärkt in den Fokus rücken, sagen Aktienstrategen. Von daher sei in den kommenden Tagen mit wieder sinkenden Kursen an der Börse zu rechnen.

„Viele Anleger bejubeln die überraschende Aktivität der Regierungschefs. Schließlich war nicht viel erwartet worden“, schrieb Commerzbank-Analyst Ulrich Leuchtmann in einem Kommentar. „Nur muss man sich auch klarmachen, dass die Beschlüsse mittel- bis langfristig problematisch sind.“ So könne etwa die direkte Banken-Rekapitalisierung zu einer Vergemeinschaftung der Staatsschulden durch die Hintertür verkommen, erklärte der Experte. „Banken- und Fiskalrisiken sind in der Peripherie eng verwoben. In solchen Ländern, in denen die Geschäftsbanken im großen Umfang Staatsanleihen kaufen, können die fiskalischen Probleme so auf den Bankensektor abgewälzt werden, der dann, ohne dass der Fiskus involviert wird, Kapital vom ESM erhält - womöglich ohne makroökonomische Auflagen.“

Kursfeuerwerk: Die unheimliche Rally der Bankaktien

Kursfeuerwerk

Die unheimliche Rally der Bankaktien

Die Anleger reißen sich um Bankaktien. Der Grund: Banken sollen bald Zugang zum Rettungsfonds haben. Ausgerechnet die schwächsten Institute legen am meisten zu - auch Commerzbank und Deutsche Bank profitieren.

„Nach der Feierlaune wird wohl Katerstimmung einziehen“, sagt Marktstratege Jörg Rahn vom Vermögensverwalter Marcard, Stein & Co. „Für Italien und Spanien sind die Beschlüsse vom EU-Gipfel zwar ein großer Schritt. Deren Banken haben jetzt eine viel größere Sicherheit, und die ganz große Panik konnte damit vermieden werden. Allerdings dürften sich die Anleger nun auf die verbleibenden Probleme konzentrieren und da rücken vor allem die konjunkturellen Sorgen in den Vordergrund.“

Börsianer mahnten zudem zur Vorsicht, da die Gipfelbeschlüsse noch den parlamentarischen Prozess in den Mitgliedsländern durchlaufen müssen. Die Haushälter der SPD und der Linken stellten bereits infrage, ob noch am Freitag im Bundestag über den dauerhaften Rettungsschirm ESM abgestimmt werden kann. Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte nach Abschluss des EU-Gipfels, durch die Beschlüsse der Eurogruppe zum ESM ergäben sich inhaltlich keine Änderungen für die Gesetze, die im Bundestag zur Abstimmung stünden.

Börsianer zum EU-Gipfel

Oliver Roth, Kapitalmarktstratege bei Close Brothers

„Die Banken können sich nun leichter in der Krise rekapitalisieren als das bisher der Fall war. Bislang waren ja hauptsächlich die Nationalstaaten dafür verantwortlich. Diese Last ist den Staaten nun von den Schultern genommen, und damit wird zum Beispiel der Staatshaushalt von Spanien wesentlich entspannter.
Auch die nordeuropäischen Staaten werden dadurch entlastet, weil die Zinsen auf italienische oder spanische Staatsanleihen deutlich sinken dürften, und das ist gut für die gesamten Geschäftsbeziehungen.“

Citigroup

„Die Kursentwicklung geht über das hinaus, was gerechtfertigt ist. Erstens bedarf es Klarheit darüber, wie und in welchen Fällen Regierungen den ESM in Anspruch nehmen können. Wenn es nur zur Rekapitalisierung von Banken ist, wäre es nicht weitgehend genug, um die zugrundeliegenden Belastungen zu lindern. Zweitens bleiben beträchtliche Umsetzungsrisiken.
Die Regierungen müssen der EZB für ihre neuen Aufsichtsaufgaben Rechte übertragen. Dies könnte sich als umstrittener herausstellen als es die unmittelbare Marktreaktion vermuten lässt. Nach derartigen Ankündigungen ist der anfängliche Optimismus verpufft, sobald sich die Politiker an die Details machen. Wir würden uns nicht wundern, wenn sich dieses Muster wiederholt.“

Jörg Krämer & Christoph Weil, Volkswirte der Commerzbank

„In einer turbulenten Nachtsitzung haben sich die Regierungschefs überraschend grundsätzlich darauf geeinigt, den Banken der hochverschuldeten Krisenländern künftig direkt Hilfen zu gewähren und damit deren Staatshaushalte zu entlasten. (...)
Gemeinsame Anleihen tauchen nach Merkels klarem Nein nicht im Kommuniqué des Gipfels auf. Wir bleiben allerdings bei unserer Prognose, dass Deutschland solchen Anleihen am Ende zustimmen dürfte, wenn die Existenz der Währungsunion gefährdet wäre.“

Tim Waterer, Händler bei CMC Global Markets

„Der Markt ist ein bisschen überrascht, dass etwas substanzielles bei dem Gipfel herausgekommen ist. Die Details zum Zeitrahmen der Umsetzung dieses Plan wird darüber entscheiden, ob die aktuellen Kursgewinne nachhaltig sind.“

Holger Schmiedung, Berenberg-Chefvolkswirt

„Um den Markt zu beeindrucken, sind Eingriffe der EZB notwendig - etwa Interventionen am Anleihenmarkt oder erhebliche Liquiditätsspritzen für die Banken. Ohne EZB geht es nicht.“

In der vergangenen Börsenwoche gewann der Leitindex 2,4 Prozent auf 6.416 Zähler an Wert, allerdings hauptsächlich getragen von einem 4,3-prozentigen Plus am Freitag. Der europäische Stoxx50 schaffte im Wochenverlauf einen Anstieg um knapp drei Prozent auf 2.264 Stellen.

Die Teilnehmer des EU-Gipfels hatten sich in der Nacht auf Freitag darauf geeinigt, spar- und reformwilligen Ländern Hilfe ohne ein zusätzliches Anpassungsprogramm zu gewähren. Das heißt, dass keine Überwachung von außerhalb - etwa durch die EU oder den IWF - stattfindet. Zudem soll kurzfristig eine europäische Bankenaufsicht aufgebaut werden. Sobald diese steht, können Banken direkt Geld vom europäischen Rettungsfonds ESM erhalten.

Kommentare (7)

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Swiss

30.06.2012, 19:55 Uhr

Nach dem etliche Investoren am Freitag ihre Short Positionen im DAX und Euro/USD gedeckt haben wird's die nâchsten Wochen wohl wieder sukzessive Richtung Süden gehen. Anstehende Berichtsaison schaut auch nicht vielversprechend aus und die wirtschaftlichen Probleme in den PIIGS bestehen auch weiterhin, oder hat man irgendetwas verpasst ausser, dass noch mehr gutes Geld dem schlechten hinterher geschmissen wird?

Account gelöscht!

30.06.2012, 21:17 Uhr

Wetten dass nicht? Schau dir den Dow an. Trend intakt. MACD schwenkt Richtung Norden. RSI kommt gerade aus südlichen Gefilden. Und das allerbeste: Es wurde kein GAP gebildet. Eine richtig schöne, phallische Kerze, die ein bisschen korrigieren wird. Mehr aber nicht.
Und maßgebend ist der Dow, und nicht der Dax!

NoWay

30.06.2012, 21:44 Uhr

Wetten doch? Charttechnik hat seit ungefähr 4 Monaten ausgedient. Denn weder der Ausbruch nach oben noch nach unten war dort zu erkennen.

Außerdem funktioniert es nur, wenn alle daran glauben. Die Politik (ohne kurzen Beine) bestimmen die Märkte. Und das BVG wird mit seinem zögerlichen Nein zum Fiskalpakt und ESM für ein Disaster in Europa sorgen.

Aber cooler Nickname ;-)

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