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13.02.2016

11:50 Uhr

Dax-Ausblick

Die große Angst vor dem „Boom-Bust“

VonJessica Schwarzer

Die Börsen im Krisenmodus – in der vergangenen Woche ging es mit dem Dax schon wieder kräftig abwärts. Die Angst vor einer globalen Rezession ist groß. Zu groß vielleicht? Und welche Gefahr geht von den Banken aus?

Anlegern sind die werden die vielen Kursschwankungen zu heikel. Sie flüchten in sichere Häfen. IMAGO

Unbehagen an den Börsen

Anlegern sind die werden die vielen Kursschwankungen zu heikel. Sie flüchten in sichere Häfen.

DüsseldorfAn den Märkten regiert die nackte Angst. Nichts wie raus aus Aktien und rein in vermeintlich sichere Häfen, lautet die Devise an der Börse. Und daran dürfte sich auch in der kommenden Woche nicht allzu viel ändern. „Risikovermeidung scheint momentan oberstes Anlegergebot zu sein“, sagt Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank. „Der Dax bewegt sich seit seinem Zwischenhoch Ende November in einem Bärenmarkt.“

Fast 20 Prozent hat der deutsche Leitindex allein seit Jahresbeginn verloren. Allein in der vergangenen Woche ging es wieder 4,5 Prozent abwärts. Gold hingegen scheint für viele Investoren auf einmal wieder ein sicherer Hafen zu sein. Seit Anfang Januar ist der Preis für das gelbe Edelmetall um gut 17 Prozent auf mehr als 1230 US-Dollar gestiegen. Das Sicherheitsbedürfnis der Anleger so stark ausgeprägt, dass sie sogar negative Renditen für Bundesanleihen bis zur Laufzeit von acht Jahren in Kauf nehmen. Der Bund Future hat erneut Allzeithochs erklommen. „Die Verunsicherung zeigt sich auch darin, dass der von der Liquiditätspolitik der EZB eingeleitete Gleichlauf steigender Aktien- und Anleihekurse seit 2009 beendet ist“, so Halver.

Die Chronik des Ölpreisverfalls

Der Verfall

Ein weltweites Überangebot bei schwächelnder Nachfrage setzt dem Ölpreis immer stärker zu. Noch im Juni 2014 kostete ein Barrel (Fass zu je 159 Liter) Nordseeöl der Sorte Brent 115,7 Dollar. Derzeit kostet ein Fass Öl aus der Nordsee weniger als 33 Dollar.

Die Gründe

Ein Grund für das Überangebot ist der Schieferölboom in den USA. Ein anderer ist die Förderpolitik der Opec, die anders als in früheren Jahren den Preis nicht durch die Senkung von Fördermengen stützen will oder kann. Stattdessen kämpfen die Kartellmitglieder mit Rabatten um ihre Marktanteile. Diese Preis-Meilensteine durchschritt die Ölsorte Brent seit Anfang 2015:

7. Januar 2015

Der Brent-Preis fällt zum ersten Mal seit Mai 2009 unter 50 Dollar je Fass.

13. Januar 2015

Mit 45,19 Dollar erreicht Brent den niedrigsten Stand seit März 2009.

3. Februar 2015

Spekulationen auf einen deutlichen Rückgang des Überangebots treiben den Preis für Brent wieder über 55 Dollar.

6. Mai 2015

Export-Ausfälle in Libyen schüren Spekulationen auf einen Versorgungsengpass: Der Ölpreis steigt bis auf 69,63 Dollar.

3. August 2015

Erstmals seit Januar rutscht Brent wieder unter die 50-Dollar-Marke. Auslöser ist ein Rekordanstieg der Ölproduktion der Opec-Länder im Juli.

24. August 2015

Aus Sorgen vor einer deutlichen Abkühlung der chinesischen Wirtschaft machen Anleger einen großen Bogen um Öl. Brent verbilligt sich um bis zu 6,5 Prozent auf 42,51 Dollar. Damit kostet das Nordsee-Öl so wenig wie zuletzt im März 2009.

8. Dezember 2015

Nachdem die Opec ihre Förderpolitik bestätigt hat und in der Abschlusserklärung nicht einmal mehr eine Zahl für die Obergrenze der Produktion auftaucht, gehen die Notierungen erneut in die Knie: Brent fällt auf bis zu 39,81 Dollar und ist damit so billig wie zuletzt im Februar 2009.

21. Dezember 2015

Brent kostet mit rund 36 Dollar so wenig wie zuletzt im Juli 2004.

4. Januar 2016

Nach der Hinrichtung eines schiitischen Geistlichen im sunnitischen Saudi-Arabien eskaliert der seit langem schwelende Konflikt zwischen dem Iran und dem Königreich. Dies macht eine gemeinsame Linie der beiden Opec-Mitglieder in der Ölpolitik unwahrscheinlich. Die Preise nehmen ihre Talfahrt wieder auf.

7. Januar 2016

Brent stürzt um sechs Prozent auf 32,16 Dollar ab und notiert damit so niedrig wie zuletzt im April 2004. Damals hatte der Preis zuletzt die 30-Dollar-Marke unterschritten.

An den Finanzmärkten geht die Rezessionsangst um: Anleger werten den rasanten Ölpreis -Verfall, die Abkühlung der chinesischen Konjunktur und die schwächelnde US-Wirtschaft als Vorboten einer neuen Krise. Dies schürt Experten zufolge Spekulationen auf wachsende Kreditausfälle und ein Schieflage des Bankensektors. Der europäische Banken-Index brach allein in der vergangenen Woche um mehr als sieben Prozent ein.

Die Deutsche Bank büßte fast zehn Prozent ein, obwohl es Freitag fast zehn Prozent aufwärts ging. Bankchef John Cryan hat angekündigt Anleihen zurückzukaufen, um die Investoren zu beruhigen. Das ist auch bitter nötig. Seit Jahresbeginn hat die Aktie der Bank gut 40 Prozent nachgegeben. Die Angst vor einer neuen Bankenkrise ist allgegenwärtig. „Nicht wenige Marktteilnehmer ziehen Parallelen zur Situation im Jahr 2008 - mit vergleichbaren Auswirkungen auf die Aktienmärkte“, sagt Carsten Klude vom Bankhaus MM Warburg. Aus seiner Sicht hat der Dax seine Talsohle noch nicht durchschritten.

Aktienstratege Heinz-Gerd Sonnenschein von der Postbank warnt, dass selbst auf den ersten Blick positive Konjunkturdaten – und davon gibt es in der kommenden Woche einige – den Börsen nicht unbedingt Auftrieb geben werden. „Investoren suchen derzeit verstärkt nach dem Haar in der Suppe.“ Um dieser Abwärtsspirale zu entkommen, ist dem Commerzbank-Analysten Michael Leister zufolge ein Eingreifen der Zentralbanken notwendig. „EZB-Präsident Mario Draghi könnte im Rahmen seiner Anhörung vor dem EU-Parlament am Montag ein solches Signal abgeben“, sagt er. Allerdings sei mit einer konkreten Maßnahme vorerst nicht zu rechnen.

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Investoren erhöhen indirekt den Druck auf die Währungshüter, die Geldpolitik weiter zu lockern. Banken können sich auf noch höhere Strafzinsen für Einlagen der Notenbank einstellen.

Die Lage ist extrem angespannt und vieles wird überinterpretiert. Fehlerhafte Annahmen führen zu starken Bewegungen an den Finanzmärkten, warnt Lukas Daalder, Chief Investment Officer von Robeco Investment Solutions. Dies könnte sich auf die Realwirtschaft übertragen. Wenn nicht bald wieder der gesunde Menschenverstand einkehre, seien Finanzmärkte in Gefahr „sich selbsterfüllende Auswirkungen“ zu schaffen, die letztlich zu weiteren Kursverlusten führen könnten. „Die schlechteste Januar-Performance an den Aktienmärkten seit vielen Jahren basierte auf fehlerhaften Annahmen über China, Öl und den Hochzins-Anleihemarkt. Dies könnte zu einer ‚Boom-Bust‘-Angst führen, die die Dinge noch schlimmer macht“, fürchtet Daalder. Entwicklungen an den Finanzmärkten könnten sich quasi verselbstständigen und auf die Realwirtschaft übertragen. „Wir reden nicht über die Vermögensverluste durch die Aktienmarktkorrektur – die stehen erst an zweiter Stelle. Das größere Risiko ist ein Kreditereignis, das (vorübergehend) die Kreditmärkte lahmlegen könnte“, so der Robeco-Anlagestratege. Als Auslöser hierfür kämen ein Ölpreiseinbruch oder eine starke und unerwartete Bewegung an den Finanzmärkten infrage.

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