Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.07.2016

12:20 Uhr

Dax-Ausblick nach dem Brexit-Schock

Seien Sie auf Rückschläge gefasst

VonPeter Köhler, Ingo Narat

Nach dem Absturz als Folge des Brexit-Votums hat sich der Dax rasch wieder berappelt und ist auf Erholungskurs eingeschwenkt. Aber für eine Entwarnung ist es noch zu früh. Analysten empfehlen Automobiltitel.

Nach dem Schock kommt die schrittweise Erholung. Reuters

Dax-Tafel am Tag des Brexit-Votums

Nach dem Schock kommt die schrittweise Erholung.

FrankfurtZwar haben die Börsen sich nach dem Brexit-Schock zuletzt ein Stück weit stabilisiert, für eine Entwarnung ist es aber nach Meinung vieler Analysten noch zu früh. Die ausschließlich technisch veranlassten Verkäufe seien inzwischen abgewickelt und nun könne der Meinungsbildungsprozess beginnen, meinen die Experten aus dem LBBW Research.

Interessant werde dabei vor allem sein, ob und wenn ja wie stark die Gewinnerwartungen der Unternehmen abgesenkt werden müssen. Die Ende Juli beginnende Berichtssaison werde in dieser Hinsicht erste belastbare Informationen liefern. „Die Unsicherheit wird also noch eine ganze Weile anhalten und sich in einem munteren Auf und Ab niederschlagen“, heißt es bei der LBBW. Alles in allem sollte jedoch viel Negatives auf dem jetzigen Kursniveau bereits enthalten sein, so dass die Börsen mittelfristig wieder den Pfad nach oben einschlagen sollten.

Vor allem die Hoffnung auf geldpolitische Schützenhilfe hat dem Dax am vergangen Freitag weitere Gewinne beschert. Zum Handelsschluss verbuchte der Leitindex ein Plus von ein Prozent auf 9776 Punkte. Damit lag der Dax am vierten Tag in Folge auf Erholungskurs - den zweitägigen Kursrutsch nach dem Brexit-Schock hat er inzwischen mehr als die Hälfte wieder aufgeholt.

Die besten Anlagen im ersten Halbjahr 2016

Aktien USA

Zu Jahresbeginn ging es auch für die großen US-Aktienindizes kräftig nach unten, später erholten sich die Börsen jedoch - anders als in Europa wieder deutlich - und steuerten sogar auf neue Jahreshochs zu. Der Brexit verhagelte auch US-Anlegern die Stimmung. Dennoch liegt Leitindex Dow Jones auf Halbjahressicht 2,9 Prozent im Plus. Für Euro-Anleger ist der Gewinn etwas geringer, aus 100.000 investierten Euro wurden für sie aber immerhin 100.720 Euro.

Aktien Schwellenländer

Die Aktien der Schwellenländer haben sich insgesamt von ihrem Absturz des vergangenen Jahres erholt als der MSCI Index für Emerging Markets noch um 16 Prozent abgestürzt war. Im ersten Halbjahr 2016 legte der auf Dollar lautende Index gut fünf Prozent zu. In Euro gerechnet blieb ein Plus von 3,07 Prozent – aus 100.000 Euro machten Anleger 103.070 Euro.

US-Staatsanleihen

Die Unsicherheit der Investoren hat US-Staatsanleihen Zulauf beschwert Dazu kommt, dass Investoren inzwischen nicht mehr daran glauben, dass die US-Notenbank Fed ihren im Dezember vergangenen Jahres ganz vorsichtig eingeleiteten Zyklus der Leitzinserhöhungen fortsetzt. Wer Anfang des Jahres 100.000 Euro in US-Staatsanleihen gesteckt hat, hat jetzt 103.320 Euro.

Euro-Unternehmensanleihen

Seit Juni kauft die Europäische Zentralbank (EZB) Euro-Anleihen von Unternehmen abseits der Bankbranche mit guter Bonität. Die Käufe beziehungsweise schon vorher die Erwartung der EZB als neuen großen Investor trieben die Kurse. Gemessen am Index der Bank of America Merrill Lynch verdienten Anleger mit den Firmenbonds 5.350 Euro, wenn sie im Januar 100.000 Euro investierten.

Deutsche Staatsanleihen

Bundesanleihen sorgten im ersten Halbjahr für viel Aufsehen. Die Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank, die Niedrigzinsen und die Unsicherheit der Anleger über die wirtschaftliche Entwicklung bescherten den deutschen Staatsanleihen regen Zulauf. Selbst die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe rentiert im Minus, am Tag nach dem Brexit-Entscheid fiel sie auf bis zu minus 0,17 Prozent. Für Anleger, die gleich zu Jahresbeginn 100.000 Euro in deutsche Staatsanleihen investierten machten damit Gewinn aus den minimalen Zinsen und den deutlichen Kurssteigerungen von 6.800 Euro.

Anleihen Schwellenländer

Die Anleihen der Schwellenländer haben sich kräftig erholt. Das liegt auch daran, dass die US-Zinswende stockt und die Renditen der US-Staatsanleihen so deutlich gefallen sind. Außerdem haben sich die Fundamentaldaten in vielen Emerging Markets verbessert. Euro-Anleger machten mit auf Dollar lautenden Staatsanleihen gemessen am Index von JP Morgan einen Gewinn von 10.160 Euro, wenn sie am Jahresanfang 100.000 Euro investierten.

Gold

Gold glänzte nach einer fünfjährigen Talfahrt wieder. Zum einen sorgte die Unsicherheit der Anleger mit Blick auf die Weltwirtschaft für die Flucht in die Krisenwährung Gold. Zum anderen machen die Negativrenditen vieler Staatsanleihen in der Euro-Zone und in Japan Gold als Anlage erneut attraktiver. Allein im Juni stieg der Goldpreis um 8,5 Prozent. So stark ist er in einem Juni zuletzt im Jahr 1980 gestiegen. Wer Anfang des Jahres 100.000 Euro in Gold investierte hat nach einem halben Jahr 122.860 Euro.

Öl

Der Ölpreis fiel zwar bis Ende Januar auf ein Zwölfjahrestief von rund 27 Dollar, setzte dann aber zu einer Rally an und kostet aktuell rund 50 Dollar. „Das liegt vor allem, dass die USA deutlich weniger Öl produzieren“, erklärt Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden bei der Deutschen Bank. In Euro gerechnet wurden aus 100.000 am Ölmarkt investierten Euro auf 130.450 Euro.

Sojabohnen

Auftrieb gab es auch bei vielen Agrarrohstoffen, die ebenfalls ihre jahrelange Talfahrt stoppten. Hauptgründe dafür waren Dürren und extreme Wetterlagen, die teils die Ernte bedrohen. Allen voran stieg der in Dollar notierte Preis für Sojabohnen um fast 35 Prozent. Aus 100.000 in den Agrarrohstoff investierten Euro wurden so im ersten Halbjahr 131.800 Euro.

Aktien Peru

Die Börse in Peru ist als Überraschungsaufsteiger weit nach vorne gerückt, nachdem die Kurse zuvor fast vier Jahre stetig gefallen waren. Aus 100.000 an der Börse in Lima investierten Euro wurden in diesem Jahr bislang 142.990 Euro. Die US-Bank Goldman Sachs sieht Peru „makrookönomisch in optimaler Verfassung“ mit zunehmenden Wirtschaftswachstum und sinkender Inflation. Allerdings sind die Umsätze an der Börse gering, und dort sind nur wenige Werte notiert.

Aktien Brasilien

Der brasilianische Bovespa-Index legte in den ersten sechs Monaten des Jahres zweistellig zu, nachdem er im Januar noch auf ein Siebenjahrestief gefallen war. Da auch der zuvor unter die Räder gekommene Real deutlich aufwertete machten Anleger die 100.000 Euro in Brasiliens Leitindex investiert haben, daraus im ersten Halbjahr 143.420 Euro. Besser schnitt keine andere Anlage ab. Dabei setzen Anleger nach der Ablösung von Präsidentin Dilma Rousseff auf ein Ende des politischen Stillstands und auf Reformen. Aber: Brasilien steckt nach wie vor in der Rezession, als wirtschaftlich gerechtfertigt, gilt der Börsenaufschwung in dieser Form nicht.

Schlussstand für alle Werte: 30.06.2016, Angaben ohne Transaktionskosten


Übrigens hatte der Dax am vergangenen Freitag Geburtstag und wurde 28 Jahre alt. Bei seinem Start vor fast drei Jahrzehnten notierte er bei 1163 Punkten – bei allem Ärger über kurzfristige Turbulenzen sind Aktien auf lange Sicht eben doch die beste Wahl.
Mit Blick auf die unmittelbaren Folgen nach dem Brexit weisen die Analysten der Helaba darauf hin, dass sich die Volatilität seit dem vorläufigen Höhepunkt am 16. Juni wieder zurückgebildet hat, sprich die Kurausschläge kleiner geworden sind. Dennoch sei die Gefahr eines Ausverkaufs noch nicht gebannt. Ein erster Lackmustest steht mit dem Konjunkturindex von Sentix am Montag an – der erste wichtige Frühindikator für die EU, der vollumfänglich das Brexit-Votum beinhaltet. Erwartet wird ein deutlichen Rücksetzer für die Erwartungen der befragten Finanzmarktteilnehmer.

Nach Einschätzung der Deutschen Bank werden die negativen Auswirkungen des Brexits vor allem in der Pharmabranche und im Automobilbau zu spüren sein, weil Großbritannien hier 10,5 und 12,8 Prozent der deutschen Exporte abnimmt.
Beim Bankhaus Lampe hat man die Gewinnschätzungen für zwei Stützen der deutschen Automobilindustrie schon mal zurechtgestutzt. Aber im Fall von BMW bleibt man trotzdem bei seiner Kaufempfehlung – auch wegen der Dividendenrendite von fast fünf Prozent. Das Kursziel lautet auf 80 Euro. Bei der Daimler-Aktie haben die Analysten ebenfalls die möglichen Brexit-Belastungen in ihre Schätzungen eingebaut. Auch hier lautet die Empfehlung trotzdem „Kaufen“ mit einem Kursziel von 65 Euro.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×