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06.08.2014

12:30 Uhr

Dax im Tiefenrausch

Die große Angst der deutschen Anleger

VonJessica Schwarzer

Fast 1000 Punkte hat der Dax in sechs Wochen verloren. Der Kursrutsch bestätigt all jene Deutschen, denen die Börse viel zu gefährlich ist. Unsere Risikoscheu ist immens. Ist unsere Angst berechtigt?

Auf der Couch: Angst ist kein guter Ratgeber - schon gar nicht bei der Geldanlage. Getty Images

Auf der Couch: Angst ist kein guter Ratgeber - schon gar nicht bei der Geldanlage.

DüsseldorfDie Ukraine-Krise, der Nahost-Konflikt, die europäische Schuldenmisere – angesichts dieser Brandherde wächst die Nervosität an den Börsen. Um 500 Punkte ist der deutsche Aktienindex (Dax) binnen weniger Tage abgestürzt und hat allein in der vergangenen Woche 4,5 Prozent verloren. In dieser Woche ist der Dax sogar auf ein Fünf-Monats-Tief gefallen. Ein schmerzhafter Rücksetzer für all jene, die in Deutschlands Top-Unternehmen investiert haben. Mit dem satten Minus bestätigen sich einmal mehr die Vorurteile, die fleißige Sparbuch-Sparer und Tagesgeld-Fans gegen Aktieninvestments anführen. Die Börse, das ist ihnen ein viel zu heißes Pflaster, die Gefahr möglicher Verluste zu hoch.

Diese Einstellung ist weit verbreitet. Viele Deutsche haben der Börse in den vergangenen Jahren den Rücken gekehrt. Schlechte Erfahrungen sind der Grund. „Viele Anleger haben in den letzten 20 Jahren zwischenzeitlich teilweise große Verluste erlitten – durch Investments wie in die Deutsche Telekom, durch das Platzen der Internetblase sowie durch die kräftigen Kursrückgänge während der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise mit teilweise großen Verlusten von Zertifikaten, Stichwort Lehman-Pleite“, sagt Klaus Schrüfer, Chef-Marktstratege bei Santander Asset Management.

Verhalten und Präferenzen deutscher Aktionäre

Entwicklung der Zahl der direkten Aktionäre in Deutschland

2013: 4.855 Millionen

2012: 4.534 Millionen

2011: 3.891 Millionen

Quelle: Deutsche Post DHL/Deutsches Aktieninstitut

Anlageziele der Aktionäre

Welche Bedeutung haben Anlageziele bei Aktionären?

Für 81 Prozent hat der langfristige Vermögensaufbau eine hohe Bedeutung.

67 Prozent stellen den Schutz vor Inflation in den Vordergrund.

Bei der Frage, welche Bedeutung das regelmäßige Einkommen aus Dividenden und Verkauf haben, gaben 44 Prozent an, dass es für sie sehr wichtig sei.

Lediglich 12 Prozent setzen ihre Priorität auf kurzfristige Gewinne.

Anteil des in Aktien investierten Vermögens

Wie viel Prozent des Vermögens legen Investoren in Aktien an (Durchschnittswert)?

2013: 26,8 Prozent

2008: 25,2 Prozent

2004: 23,9 Prozent

Bedeutung von Dividende und Aktienrückkauf

Wie beurteilen Anleger die Ausschüttungen durch Aktienrückkäufe im Verhältnis zu Dividendenzahlungen?

Gleich: 37 Prozent

Eher schlechter: 34 Prozent

Eher besser: 20 Prozent

Viel schlechter: sechs Prozent

Viel besser: drei Prozent

Bedeutung von Dividende und Kurssteigerungen

Würde die Rendite sich aus Kurssteigerungen und Dividendenzahlungen zusammensetzen, dann würden...

... 43 Prozent eine mittlere Dividende und mittlere Kurssteigerung bevorzugen;

... 33 Prozent eine hohe Dividende und eine geringe Kurssteigerung wählen;

... 13 Prozent eine geringe Dividende und eine hohe Kurssteigerung sich aussuchen.

Orientierung an fundamentalen bzw. technischen Daten

Woran orientieren sich Anleger beim Ankauf oder Verkauf von Aktien?

Sowohl an der wirtschaftlichen Entwicklung als auch an der Kursentwicklung: 60 Prozent

Eher an der Kursentwicklung: 16 Prozent

Eher an der wirtschaftlichen Tätigkeit: 14 Prozent

Ich treffe meine Entscheidungen nicht selbst, vertraue jemand anderem. Acht Prozent

Vertrauenswürdigkeit von Informationsquellen für Privatanleger

Anteil der Anleger, die auf Zeitungen, Zeitschriften und Wirtschaftssendungen vertrauen.

2013: 69 Prozent

2008: 65 Prozent

2004: 65 Prozent

Anteil der Anleger, die Beratern der Bank, Sparkasse oder Broker Vertrauen schenken.

2013: 39 Prozent

2008: 49 Prozent

200446 Prozent

Mit jedem Crash ist die Zahl der Aktionäre in den vergangenen Jahren weiter gesunken. Aussitzen? Langfristig denken? Schwankungen ertragen? Fehlanzeige. Anders als in den USA fehlen den Deutschen Langzeiterfahrungen. „In den USA gibt es heute zahlreiche Familien, die zu Millionären geworden sind, weil sie über drei Generationen hinweg die ersten Belegschaftsaktien der damals neuen Brausefirma Coca-Cola gehalten haben“, sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank. „Hierzulande sitzen viele mental noch auf ihren Verlusten aus den Aktien der Deutschen Telekom.“

Das Problem: Anleger nehmen einen Verlust auf ihrer imaginären Gefühlsskala zwei bis zweieinhalb Mal stärker wahr als einen Gewinn in gleicher Höhe. Natürlich ist das ein Durchschnittswert, doch er erklärt die massive Verlustaversion vieler Sparer. Lieber horten die Deutschen ihr Geld zu Minizinsen auf vermeintlich sicheren Konten, anstatt es den Turbulenzen der Kapitalmärkte auszusetzen. Doch auch wenn der Dax zuletzt ein bisschen Federn gelassen hat: Angst vor großen Einschlägen im Depot mussten Anleger in den vergangenen Jahren nicht haben.

Seit mehr als fünf Jahren geht es an der Börse aufwärts, wenn auch unter einigen heftigeren Schwankungen. Krisen hin oder her, viele Indizes wie beispielsweise der amerikanische Dow Jones, der Welt-Index MSCI Word und der deutsche MDax notieren nahe ihrer Rekordstände. Aber auch Allzeithochs lassen Anleger ängstlich werden. Sie fragen sich, wann die Börsenparty vorbei ist. Sie haben Höhenangst.

Doch die Experten geben Entwarnung. Der Dax ist ein Performanceindex, der neben den Kurssteigerungen auch die Dividenden berücksichtigt. „Dass dieser langfristig immer wieder neue Höchstmarken erreicht hat, ist nichts Neues“, sagt Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. „Ebenso klar ist, dass der Index immer wieder mal abstürzen wird.“

Und da niemand das Timing vorhersehen könne, sollten die Anleger darauf immer gefasst sein und gegebenenfalls die Aktiendosis beschränken. Taktisch könnten Anleger ab einem Stand von 11.000 Dax-Punkten etwas an Aktiengewichtung im Vermögen zurückfahren, sagt Ulrich Kater. „Das ändert jedoch nichts daran, dass der Dax langfristig noch viel höher steigen wird.“

Kommentare (28)

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Herr Martin Zuehlke

06.08.2014, 13:23 Uhr

Zweifelsohne war es 2009 bedeutend attraktiver Aktien zu kaufen als heute. Aber darum geht es im Endeffekt auch gar nicht. Als langfristige Geldanlage führt wohl kaum ein Weg an produktiven Beteiligungen vorbei. Ich denke, dass es vor allem die mangelnde ökonomische Bildung ist die die Deutschen von der Aktie fernhält. Ich seh es ja in meinem Umfeld "Aktien, ist das nicht ein bißchen riskant, na wenn du dein Geld an der Börse verbrennen willst? Bitteschön"
Die Abneigung ist irrational und beruht auf mangelndem Verständnis und so gehören die deutschen Konzerne eben mehrheitlich angelsächsichen Pensionsfonds und anderen institutionellen Investoren und nicht den Deutschen. Schade drum, aber ich fürchte daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.

Frau Annette Bollmohr

06.08.2014, 13:46 Uhr

Wahrscheinlich werden mich die meisten "Experten" hier im Forum für verboten naiv halten, aber mich persönlich langweilen die täglich wechselnden Wasserstandsmeldungen von den Finanzmärkten nur noch (von den einander oft genug diametral widersprechenden Analysen darüber mal ganz zu schweigen). Es ödet mich nur noch an, ich hab’ einfach keine Lust, mich mit Geldanlagen zu befassen (zumal es genug anderes zu tun gibt).

Wer erst einmal in der glücklichen Lage ist, überhaupt etwas zum Verlieren übrig zu haben, für den gilt: „Diversifikation“ lautet das Zauberwort bei der Geldanlage.

Außerdem empfiehlt es sich immer, angegebene Begründungen für die Nach- bzw. Werthaltigkeit einer Anlage auf ihre Plausibilität hin abzuklopfen, genauso, wie man auch sonst darauf achtet, dass die Dinge, für die man sein Geld ausgibt, ihren Preis wert sind.

Wer (wie wir Deutschen) ohnehin davon ausgehen kann, dass sein (bitte, wenn irgend möglich, eigenständiges!!) Überleben gesichert ist, dem sollte schon aus purem Eigeninteresse (Stabilität, Sicherheit, Frieden, Wohlbefinden etc. pp.) wichtiger sein, dass die Voraussetzungen für einen menschenwürdiges(!) Lebensstandard schleunigst auch sonst überall auf der Welt geschaffen werden. Wesentlich wichtiger jedenfalls als irgendwelche ständig wechselnden Zahlen auf einem Bildschirm oder einem Blatt Papier.

Also Leute, entspannt Euch einfach mal. Und denkt lieber selbst nach, als Euch von wem-auch-immer verrückt machen zu lassen.

Herr peter Spirat

06.08.2014, 13:53 Uhr

eder normale Mensch sichert (hedge)seine Aktien ab. Aber das scheint wohl für viele Anleger ein Geheimnis zu sein.

Leider war mir das damals nach 2000 auch nicht bekannt, sonst wäre ich deutlich wqeiter, als nur Millionär zu sein.

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