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28.01.2014

13:39 Uhr

Delisting

Siemens flüchtet von der Wall Street

Siemens sieht keinen Sinn mehr in einer Börsennotiz an der Nyse. Damit verabschiedet sich das nächste deutsche Unternehmen von der Wall Street – und dem Zugriff der SEC. Nur noch drei Dax-Konzerne bleiben in New York.

Siemens begründet den Rückzug von der US-Börse mit dem geringen Handelsvolumen. dpa

Siemens begründet den Rückzug von der US-Börse mit dem geringen Handelsvolumen.

DüsseldorfEs war nur eine Randnotiz wert: Fast beiläufig ließ Siemens mitteilen, dass sich das Unternehmen von der New Yorker Börse zurückziehen will. Nach mehr als zehn Jahren wird die Aktie von der Kurstafel der Nyse verschwinden. Damit endet ein Kapitel der Firmengeschichte, das einst mit großen Hoffnungen begann.

„Unsere Verbundenheit mit den USA und die Bedeutung des amerikanischen Marktes für Siemens bleiben unverändert groß“, beteuerte Siemens-Chef Joe Kaeser. Allerdings seien im vergangenen Jahr in den USA „deutlich unter fünf Prozent des weltweiten“ Volumens der Siemens-Aktie gehandelt worden. Der Handel werde nun einmal vor allem in Deutschland und über außerbörsliche elektronische Plattformen abgewickelt.

Stärken und Schwächen von Siemens

Stärke 1

Dividendenstärke

Seit einigen Jahren gilt bei Siemens das Ziel, einen Anteil von 40 bis 60 Prozent des Gewinns nach Steuern auszuschütten, deutlich mehr als früher. Für 2013 gab es wieder eine Dividende auf dem Rekordniveau von drei Euro. Dies entspricht einer Ausschüttungsquote von 57 Prozent.

Stärke 2

Aufträge

Der Auftragseingang, also die Umsätze von morgen, legte im abgelaufenen Geschäftsjahr um acht Prozent auf 82,4 Milliarden Euro zu.

Stärke 3

Ertragsperlen

Die Medizintechnik, der kleinste der vier Siemens-Sektoren, glänzte im vergangenen Geschäftsjahr nicht nur mit der höchsten operativen Umsatzrendite. Auch in absoluten Zahlen lieferte die Medizintechnik mit einem operativen Ergebnis (Ebitda) von zwei Milliarden Euro den höchsten Gewinnbeitrag.

Schwäche 1

Abhängigkeit von Europa

Was in Boomzeiten ein Vorteil ist, wird zum Nachteil, wenn die Konjunktur lahmt – die starke Position von Siemens in Europa. In Südeuropa etwa können die Schuldenstaaten derzeit nur noch wenige große Infrastrukturprojekte anstoßen. Das bekommt auch Siemens zu spüren.

Schwäche 2

Fehlende Innovationskraft

Es gibt Zweifel an der Innovationskraft von Siemens – trotz 60.000 neuen Patenten im Jahr. Denn der Konzern erzielte zuletzt mit seinen Geschäften nur eine Bruttomarge von 27,4 Prozent. Nach Einschätzung von Konzernchef Joe Kaeser ist dies ein Anzeichen dafür, dass Siemens mit seinen Produkten nicht die Preise erzielen kann, die man gerne hätte. Die Produkte sind womöglich nicht immer innovativ genug.

Schwäche 3

Sonderlasten

Vor allem schlecht gemanagte Großprojekte verhageln dem Konzern seit Jahrzehnten die Ergebnisse. 2013 war es besonders arg. Die anhaltenden Probleme bei der Anbindung der Offshore-Windparks an das Stromnetz auf dem Festland, die verspätete Auslieferung von ICE-Zügen, der Ausstieg aus dem Solargeschäft und andere Pannen verursachten im Konzern fast 900 Millionen Euro an Sonderaufwendungen.

Als Deutschlands größter Industriekonzern im Frühjahr 2001 in New York an die Börse ging, schaute der damalige Chef Heinrich von Pierer vorbei, um die Glocke zur Börseneröffnung zu läuten. Der Schritt sollte die Aktie bei Anlegern in den USA bekannter machen. Mit dem heutigen Tag darf dies als gescheitert angesehen werden.

Siemens will durch den Rückzug Kosten sparen und die Bilanzierung vereinfachen. Die aufwändigen Berichtspflichten gegenüber der amerikanischen Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) kosten nach Schätzungen einen zweistelligen Millionenbetrag.

Montagmorgen, 12. März 2001: Siemens-Chef Heinrich von Pierer (Mitte), Aufsichtsratschef Karl-Hermann Baumann (rechts) und Nyse-Chairman Richard Grasso bekräftigen den Börsengang in New York. ap

Montagmorgen, 12. März 2001: Siemens-Chef Heinrich von Pierer (Mitte), Aufsichtsratschef Karl-Hermann Baumann (rechts) und Nyse-Chairman Richard Grasso bekräftigen den Börsengang in New York.

Hinzu kommen juristische Auseinandersetzungen mit den US-Behörden. Wegen der Schmiergeldaffäre drohten schwere Strafen in den USA. Siemens musste sich auf teure Vergleiche einlassen, da sonst unter anderem ein Ausschluss von öffentlichen Aufträgen in den USA gedroht hätte. Mit dem Abschied von der US-Börse entzieht sich der Konzern ein Stück weit dem Zugriff der US-Aufseher. Joe Kaeser bekräftigte aber gleich, dass Transparenz weiterhin oberste Priorität habe.

In den vergangenen Jahren wurde immer wieder über den Rückzug spekuliert. Im Grunde ist es erstaunlich, dass der Konzern überhaupt so lange an einem Listing festgehalten hat. Zum Schluss ging es wohl nur noch darum, zu dokumentieren, dass man die USA als wichtigen Markt und Standort betrachtet. In den USA arbeiten 15 Prozent der weltweiten Belegschaft. Ein Fünftel des Umsatzes erwirtschaftet Siemens dort. Doch der Nutzen einer Börsennotiz in den USA war überschaubar. Für Großinvestoren spielt es keine Rolle mehr, ob sie eine Aktie in New York oder in Frankfurt handeln.

Mit dem Rückzug folgt der Münchener Konzern nun dem Beispiel anderer Dax-Konzerne: Der Versicherer Allianz, die Deutsche Telekom oder Daimler haben sich in der vergangenen Jahren ebenfalls von der Wall Street verabschiedet.

Einst waren 16 Dax-Konzerne in New York gelistet. Davon bleiben künftig nur noch drei übrig: Deutsche Bank, SAP und Fresenius. Für diese drei ist ein Rückzug von der Wall Street derzeit kein Thema. Die Softwarefirma SAP und das Gesundheitsunternehmen Fresenius haben in den USA den wichtigsten Absatzmarkt. Die Deutsche Bank muss schon aus Prestigegründen am wichtigsten Finanzplatz der Welt präsent sein

Siemens will das Delisting Ende April beantragen, es soll Ende August wirksam werden. Am Vormittag treffen sich die Aktionäre von Siemens in der Münchener Olympiahalle zur Hauptversammlung. Siemens hatte im Vorfeld aktuelle Quartalszahlen vorgelegt.

Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser

„Das wirtschaftliche Umfeld hat uns nicht geholfen“

Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser: „Das wirtschaftliche Umfeld hat uns nicht geholfen“

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Von

hac

Kommentare (7)

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HofmannM

28.01.2014, 14:01 Uhr

Kluger Schachzug von Kaeser. Mit dem Rückzug von der NY-Börse bekommt Siemens viel mehr Spielraum wieder zurück, wenn es in der Zukunft darum geht wieder mehr Aufträge an Land zu ziehen!
Die NY-Börse schreibt den Unternehmen sehr viel Regulierung und Verhaltensmaßnahmen vor, die zu meist, zum Nachteil des Unternehemens (hier besonders für ausländische Unternehmen) sich herausstellen. Siemens wird wieder etwas wirtschaftlich flexibler durch diesen Rückzug von der NY-Börse!

kfvk

28.01.2014, 14:45 Uhr

Herzlichen Glückwunsch. Damit ist Siemens dann wohl diesen SOX Unfug los, der den Wirtschaftsprüfern volle Kassen und den Anlegern wenig bringt. Wer betrügen will macht das mit und ohne SOX. Mit dem gesparten Geld lässt sich sicher etwas Vernünftigeres anstellen ...
Ich bin nur gespannt, ob der Kurs wegen dieser frohen Nachricht zuckt.

compact-magazin_com

28.01.2014, 14:54 Uhr

"Damit verabschiedet sich das nächste deutsche Unternehmen von der Wall Street"

Wieso "deutsche" Unternehmen???

Laut einer Studie der Unternehmensberatung Ernst & Young, sind ALLE 30 DAX-Unternehmen mehrheitlich in ausländischer Hand!

Wie die Unternehmensberater nachrechneten, waren im letzten Jahr 55% aller DAX-Aktien im Besitz ausländischer "Investoren".

Wer sind diese ausländischen "Investoren"?

Wieso erfahren wir nichts davon in den gleichgeschalteten "deutschen" Massenmedien?

Gehören die "deutschen" Massenmedien vielleicht auch diesen ausländischen "Investoren"?

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