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16.05.2012

12:11 Uhr

Deutsche Staatsanleihen

Ausnahmezustand mit Verfallsdatum

VonAndrea Cünnen

Die Renditen von Bundesanleihen liegen wegen der Schuldenkrise so niedrig wie nie. Laut Experten könnte die Zinsen theoretisch sogar „Richtung Null“ fallen. Nachhaltig sei das Zinstief aber nicht. Heute

Euro-Banknoten in einer Geldbörse. Womöglich wird der Segen des billigen Gelds für den deutschen Staat nicht mehr lange anhalten. dapd

Euro-Banknoten in einer Geldbörse. Womöglich wird der Segen des billigen Gelds für den deutschen Staat nicht mehr lange anhalten.

FrankfurtDie Renditen deutscher Bundesanleihen haben in den vergangenen Wochen ein Rekordtief nach dem anderen markiert. Erst heute brachte die Versteigerung zehnjähriger Papiere eine Renditen von 1,77 Prozent. Dieser Trend könnte sich nach Ansicht von Volkswirten zumindest kurzfristig fortsetzen. Dabei liegt selbst die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe schon jetzt unter 1,50 Prozent. „Nach unten gibt es keine Grenze“, meint dazu Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank. Der Grund: Die Nachfrage nach Bundesanleihen werde derzeit nicht nur durch die Erträge - also die zu erzielenden Renditen -, sondern durch die Risikofurcht der Investoren bestimmt.

Die heutige Auktion war 1,5-fach überzeichnet. Im April hatte die Nachfrage das Angebot nur um das 1,1-Fache übertroffen. Die Finanzagentur nahm rund 4,1 Milliarden Euro ein.

„Das Bietungsverhalten spiegelt aber auch die sehr große Volatilität im Markt“, hieß es. DZ-Bank-Analyst Michael Leister sagte, Bundesanleihen würden als sicheres Investment in unruhigen Zeiten gesucht. Andere Volkswirte, die der Bundesverband öffentlicher Banken gestern zur halbjährlichen Zinsprognose-Pressekonferenz eingeladen hatte, sehen das ähnlich. Bei noch größerer Krisenangst könne selbst die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe theoretisch in „Richtung null Prozent“ fallen, sagt Jens Kramer von der NordLB. Für Peter Merk von der Landesbank Baden-Württemberg spielen dabei auch Spekulationen auf ein Auseinanderbrechen des Euro-Raums und auf Gewinne mit Staatsanleihen in einer wie auch immer gearteten neuen deutschen Währung eine Rolle. Laut Kater sind diese Spekulationen indes eine „grobe Fehleinschätzung“. Der politische Wille zum Erhalt des Euros sei schließlich groß.

Dass der Euro auseinanderbricht, glauben auch die anderen Ökonomen nicht. Auch deshalb gehen sie davon aus, dass die Renditen der Bundesanleihen auf Sicht von sechs Monaten wieder leicht anziehen. Die Prognosen variieren dabei von 1,8 Prozent, die die NordLB erwartet, bis zu 2,3 Prozent, mit denen die Helaba und die WestLB rechnen.

Aber auch diese Renditestände sind extrem niedrig und ökonomisch nicht zu rechtfertigen. Schon allein angesichts der auf zuletzt 2,6 Prozent gestiegenen Inflation hätten die Renditen eigentlich steigen müssen, meint Thomas Meißner von der DZ Bank. Makroökonomische Fakten spielten aber keine Rolle mehr.

„Die Renditen sind im Ausnahmezustand, und der kann nicht ewig anhalten“, sagt auch Ulf Krauss von der Helaba. Doch in der Krise um die Euro-Länder, die mit der Diskussion um einen möglichen Austritt Griechenlands aus dem Euro-Raum eine neue Dimension angenommen hat, hätten die Bundesanleihen immer mehr "Fluchtcharakter" gewonnen. Cyrus de la Rubia von der HSH Nordbank findet dabei Aussagen, wonach die Euro-Zone den Austritt Griechenlands verkraften könne, erstaunlich. Denn dies wäre ein Signal, dass Gleiches auch in Portugal, Spanien oder sogar Italien passieren könne. Eine Kapitalflucht aus diesen Ländern wäre die Folge. Torge Middendorf von der WestLB hält deshalb schon die Diskussion, ob Griechenland den Euro aufgibt, für schädlich.

Von daher steckt hinter den Prognosen für leicht steigende Renditen laut DZ-Mann Meißner auch „das Prinzip Hoffnung“, und zwar darauf, dass die Reformen in den schwachen Euro-Ländern allmählich greifen und die Krise nicht noch weiter um sich greift.

Mit Material von Reuters.

Kommentare (7)

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Klare_Sicht

16.05.2012, 11:26 Uhr

Merkwürdig ist, daß nur "Volkswirte" von Banken gefragt werden. Die erzählen nur Dinge, die im Interesse ihrer Arbeitgeber liegen. Wer darauf einen Pfifferling gibt, ist selbst schuld!

Wirtschaftlich unabhängige Ökonomen äußern sich zum Euro ganz anders. Da gibt es keinen, der an die Zukunft des Euros glaubt. Da geht's nur um die Kosten beim Auseinanderbrechen - ob mit oder ohne deutschen(!) Staatsbankrott. Allerdings gibt es hier auch mittlerweile Konvergenz: Es läuft auf den deutschen Staatsbankrott hinaus. Nur die Dummen können es sich nicht vorstellen. Die trommeln weiter ForzaEuro - so ist es eben wenn man analytisch eher schwach ist und ideologiegebeutelt geradezu eingeschränkt.

Ramon.Galuptra

16.05.2012, 11:43 Uhr

Das Schlimme ist, dass unsere Masenmedien diesen Unsinn ungeprüft weiter verbreiten. Wenn Bankangestellte solche Aussagen tätigen, ist das genauso, als wenn Zigarettenhersteller vermelden "Rauchen ist gesund".
Die Medien haben den Auftrag aufzuklären, aber sie machen sich zum Sprachrohr der Finanzindustrie.

Rene

16.05.2012, 11:59 Uhr

Warum refinanziert Herr Schäuble nicht den Großteil der Schulden langfristig zu diesen Zinsen?

Ja, die Renditen werden wieder steigen. Und ja, Anleger muß Diversifikation d.h. unterschiedliche Laufzeiten angeboten werden.

Aber mich wundert, warum die Finanzagentur diese Chance der niedrigen Zinsen auf 10 Jahre nicht großvolumiger nutzt.

Ende letztes Jahres konnte man sehen, wie schnell die Niedrigzinsphase vorbei ist, wenn das Gespenst "Eurobonds" wieder Einzug hält.

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