Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

01.03.2004

06:03 Uhr

Die One-Man-Show bei Disney neigt sich dem Ende

High-Noon für Eisner

VonHans-Peter Siebenhaar

High-Noon in Philadelphia: Ausgerechnet am Sitz des Kabelriesens Comcast, der vor knapp drei Wochen mit einem feindlichen Übernahmeangebot für Disney das Management überraschte, hat der Unterhaltungsriese seine Aktionäre eingeladen.

DÜSSELDORF. 1994 war die Welt für Michael Eisner noch in Ordnung. Der gelernte Literatur- und Theaterwissenschaftler legte nach seinen ersten zehn Jahren an der Spitze von Mickey Mouse, Donald Duck & Friends eine glänzende Bilanz vor: Gewinn mehr als verfünffacht, Umsatz vervierfacht, Börsenbewertung versiebenfacht. Noch mal zehn Jahre später, im Jahre 2004, steht der durch unzählige Machtkämpfe gestählte Eisner mit dem Rücken zur Wand. Am Mittwoch entscheidet sich das Schicksal des am längsten amtierenden CEO der USA.

High-Noon in Philadelphia: Ausgerechnet am Sitz des Kabelriesens Comcast, der vor knapp drei Wochen mit einem feindlichen Übernahmeangebot für Disney das Management überraschte, hat der Unterhaltungsriese seine Aktionäre eingeladen. Hinter den Kulissen wird bereits kräftig Stimmung gegen das Raubein Eisner gemacht: Mismanagement, Fehlentscheidungen, Egomanie. Immer mehr einflussreiche Pensionsfonds entziehen dem Chef des zweitgrößten Medienkonzerns der Welt ihr Vertrauen. Mittlerweile zeichnet sich ab, dass sich gut ein Drittel des stimmberechtigten Kapitals gegen eine Wiederwahl Eisners als Chairman entscheiden wird. Eisners Intimfeinde Roy Disney, Neffe des Unternehmensgründers Walt Disney, und Stanley Golden, haben bereits eine Armee von Aktionären hinter sich gesammelt.

Die Motive vieler Aktionäre, sich schleunigst vom König der Medien- Löwen zu verabschieden, liegen auf der Hand. Die Anteilseigner versprechen sich von einem Abschied Eisners und vom 66 Mrd. $ schweren Übernahmeangebot des cleveren Comcast- Chefs Brian Roberts eine langfristige Wertsteigerung. Tatsächlich würde Comcast mit seiner Vertriebsmacht und Disney mit seiner Produktionsmacht ein wunderbares Gespann bilden. Eine Fusion würde sogar Time Warner vom Sockel des weltgrößten Medienkonzerns stoßen. Doch feindliche Übernahmen können sich auch schnell zur Mausefalle entwickeln. Das unrühmliche Ende des ungleichen Tandems Vivendi Universal im vergangenen Jahr sowie das Fiasko beim Verschmelzen von Time Warner und AOL sind offenbar bei vielen Investoren in Vergessenheit geraten. Denn die Phantasie der Finanzmärkte hat den Kurs von Mickey Mouse in den vergangenen Wochen in die Höhe getrieben. Derzeit pendeln die Titel um 27 $, knapp unter ihrem Jahreshöchststand. Manche Anleger rechnen sogar mit Kursen zwischen 35 bis 40 $ in absehbarer Zeit.

Die neu entfachte Phantasie der Aktionäre wird für Eisner Folgen haben. Seine One-Man-Show neigt sich ihrem Ende. Die Märkte glauben längst nicht mehr an eine wirtschaftlich erfolgreichere Zukunft von Mickey Mouse unter dem 61-Jährigen, dessen Vertrag offiziell noch bis 2006 läuft. Eisner wird für eine Reihe von Managementfehlern in den vergangenen Jahren zu Recht verantwortlich gemacht. Obwohl sich der Konzern nach schwierigen Jahren wieder auf Erholungskurs befindet, gibt es noch zahlreiche Baustellen. Die Senderkette ABC hat es bisher nicht geschafft, wieder ins TV-Triumvirat der USA aufzusteigen. Bei den Themenparks müssen nach Besucherrückgängen neue Konzepte her. Auch die Restrukturierung des früher so renditestarken Merchandising-Geschäfts kommt nur langsam vom Fleck.

An Ersatz für Eisner würde es nicht fehlen. Derzeit wird darüber spekuliert, ob Peter Chernin – rechte Hand von Rupert Murdoch – vom kalten New York ins sonnige Burbank, California, wechselt. Doch vielleicht werden die Gerüchte auch nur gestreut, um die eigenen Gehaltsforderungen durchzusetzen. Nichts ist unmöglich in diesem Poker- und Powerplay.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×