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21.02.2012

11:18 Uhr

Die wahren Verluste

Was der Schuldenschnitt die Gläubiger kostet

VonYasmin Osman, Jörg Hackhausen

Banken und Fonds müssen dem „freiwilligen“ Schuldenschnitt für Griechenland zustimmen. Eine Wahl bleibt ihnen nicht. Dafür wird ein neues Gesetz sorgen. Die Verluste liegen weit höher, als es zunächst den Anschein hat.

Der Schuldenschnitt für Griechenland kommt die Gläubiger teuer zu stehen. dpa

Der Schuldenschnitt für Griechenland kommt die Gläubiger teuer zu stehen.

Frankfurt/DüsseldorfAnleihen galten einst als sichere Geldanlage. Sie schwanken kaum und am Ende bekommt der Anleger sein Geld zurück. So dachten viele. Doch seit der Staatsschuldenkrise in Europa ist klar: Staatsanleihen sind viel riskanter als gedacht - und jetzt ist das auch amtlich.

Damit Griechenland nicht gleich in die Pleite rutscht, sollen die privaten Gläubiger auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten. Darauf haben sich die Euro-Zone und der IWF mit dem internationalen Bankenverband IIF als Unterhändler der Gläubiger am Dienstag gegen 4 Uhr am frühen Morgen geeinigt.

Die Banken, Fonds und Versicherungen sollen auf 53,5 Prozent des Nennwerts ihrer Anleihen verzichten. Doch die tatsächlichen Verluste liegen noch weit höher. Die Banken müssten de facto Abschreibungen auf ihre griechischen Staatsanleihen von 73 bis 74 Prozent schultern, sagten mehrere mit den Gesprächen vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters.

Das neue Rettungspaket für Griechenland

Zweites Rettungspaket zugesagt

Schon im vergangenen Juli hatten die Europartner Griechenland ein zweites Rettungspaket zugesagt. Nach vier weiteren EU-Gipfeln und einem letzten, 13-stündigen Verhandlungsmarathon der Finanzminister bis zum Dienstagmorgen stehen die Einzelheiten fest.

Ausstehende Kredite verringert

Die Privatgläubiger erlassen Griechenland 53,5 Prozent der ausstehenden Kredite. Wenn sich ausreichend Banken beteiligen, sinkt die Schuldenlast um 107 Milliarden Euro.

Tausch in Anleihen

Der Rest der Privatschulden wird in neue Anleihen mit Laufzeiten von elf bis 30 Jahren umgetauscht. Dafür erhalten die Banken geringe Zinsen von zwei bis 4,3 Prozent. Insgesamt spart Athen dadurch in den kommenden acht Jahren 150 Milliarden Euro ein.

Schuldenumtausch wird versüßt

Die internationalen Geldgeber „versüßen“ den Banken den Schuldenumtausch, indem sie die neuen Anleihen mit 30 Milliarden Euro absichern.

Neue Notkredite gewährt

Athen erhält neue Notkredite von 100 Milliarden Euro. Ob der Internationalen Währungsfonds (IWF) davon - wie bei den Programmen für Portugal und Irland - jeweils ein Drittel übernimmt, ist noch nicht klar. IWF-Chefin Lagarde will den Beitrag auch davon abhängig machen, ob die Eurozone ihren dauerhaften Rettungsfonds aufstockt.

Gewinne gehen zurück

Die nationalen Notenbanken geben die Gewinne aus ihren Griechenland-Krediten an Athen zurück. Das soll die Schuldenlast Athens um 1,8 Prozentpunkte senken.

Zinsen werden gesenkt

Die Zinsen für die bereits gewährten Notkredite werden auf 1,5 Prozentpunkte oberhalb des Euribor gesenkt.

Schuldenlast wird kleiner

Der Schuldenerlass und die neuen Finanzspritzen sollen es Athen ermöglichen, seine Gesamtverschuldung bis 2020 von mehr als 160 auf 120,5 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung zu senken.

Sperrkonto für die Tilgung

Ein Teil der neuen Kredite fließen auf ein Sperrkonto, damit Athen seine anfallenden Schulden künftig auch zurückzahlen kann. Der Schuldendienst hat Vorrang vor anderen Staatsausgaben. Auf dem Konto muss ausreichend Geld für die Schuldentilgung der folgenden drei Monate liegen.

Kontrolle durch Experten

Die Umsetzung des Spar- und Reformauflagen wird von Experten der EU-Kommission permanent in Athen überwacht. Deutschland ist bereit, dazu Fachpersonal zu entsenden.

Im Detail könnte der Schuldenschnitt so aussehen: Die Gläubiger erhalten für ihre alten Griechen-Papiere von insgesamt 200 Milliarden Euro beispielsweise 30 Milliarden Euro sichere EFSF-Anleihen plus 70 Milliarden Euro neue griechische Staatsanleihen. Die neuen Anleihen sollen einen Zinskupon von 2 Prozent bis 2014 haben, der in den Folgejahren bis auf 4,3 Prozent steigen wird. Normalerweise müsste Griechenland für langfristige Anleihen viel höhere Zinsen zahlen. Deshalb dürfte der Kurs der neuen Anleihen am Markt deutlich fallen - was für Banken und Fonds weitere Abschreibungen zur Folge hätte.

Die meisten Institute dürften diese Abschreibungen noch in ihren Bilanzen 2011 verbuchen, die in den nächsten Wochen fertig gestellt werden. Die französische Großbank BNP Paribas hat ihre griechischen Anleihen im vierten Quartal bereits um 75 Prozent abgeschrieben.

Auch die Versicherer Allianz und der Rückversicherer Munich Re wollen prüfen, wie sich der Schuldenschnitt für sie auswirkt. Bei der Allianz standen Ende des dritten Quartals im September noch insgesamt 497 Millionen Euro in den Büchern. Das waren 39 Prozent des Nennwerts. Die Munich Re hatte Anfang Februar bei der Bekanntgabe der Eckzahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr mitgeteilt, die griechischen Papiere stünden noch mit rund 400 Millionen Euro in der Bilanz, was 23 Prozent des Nennwerts entspreche.

Kommentare (29)

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POPPER

21.02.2012, 11:42 Uhr

Staatsanleihen der Eurozone sind deshalb riskant, weil durch die Fehlkonstruktion der EZB jeder Staat für sie bürgen muss. Würde die EZB wie die FED in den USA oder die Zentralbanken Japans und Englands als Lender of last Resort fungieren, wäre die ganze Spekulation und Znstreiberei nie eingetreten. Das wussten die Gläubiger. Wenn sie sich jetzt beschweren, dass sie an den Verlusten beteiligt werden sollen, dann zeigt die, dass für sie Risiko und Haftung nicht mehr gelten sollen. Warum eigentlich?

Account gelöscht!

21.02.2012, 11:48 Uhr

Zählt das dann eigentlich als Default?

OldTrader

21.02.2012, 11:49 Uhr

Also noch einmal zusammengefasst: Die Gläubiger werden "gezwungen" sich "freiwillig" am Schuldenschnitt zu beteiligen?!?! Das wird natürlich unendliche Klagen der Investoren nach sich ziehen. Ganz abgesehen davon, dass das einem Default entspricht, wird die Reaktion globaler Investoren verheerend sein. Wenn Besitzer von Euroanleihen (egal ob Deutsch oder Portugiesisch) gezwungen werden auf ihr Geld zu verzichten, dann gute Nacht Marie. Sollten die Klauseln von einem Euro-Emittenten tatsächlich nachträglich geändert werden, dann wird sich das Euro-Gebilde nicht halten können. Wer auf der Welt ist denn so blöd noch in den Euro zu investieren? Ach ja, da gibt es noch jemand: die EZB. HAHAHAHA

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