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16.10.2013

15:26 Uhr

Drohende US-Pleite

Das nächste Triple-A wackelt

Der Poker um den US-Haushalt geht in die entscheidende Runde. Kurz vor Erreichen der Schuldengrenze warnt die Ratingagentur Fitch, dass die USA ihre Bestnote verlieren könnten. Was Anleiheexperten erwarten.

Haushaltsstreit

Dirk Müller: „Wenn die US-Pleite kommt, wird es heftig“

Haushaltsstreit: Dirk Müller: „Wenn die US-Pleite kommt, wird es heftig“

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New York / DüsseldorfEs ist ein Schuss vor den Bug der US-Politiker: Die Ratingagentur Fitch droht den Vereinigten Staaten wegen der Finanzstreitigkeiten mit dem Verlust ihres Spitzenratings. Die Agentur setzte das begehrte „AAA“ oder „Triple-A“ unter Beobachtung. Die Aktienkurse und der Dollar gerieten daraufhin nach Börsenschluss in New York leicht unter Druck.

Fitch erklärte, dass durch die Unnachgiebigkeit der Politiker die Gefahr eines Zahlungsausfalls steige. An diesem Donnerstag wird die Schuldengrenze erreicht. Wenn sich die politischen Lager nicht auf eine Anhebung einigen, dürfen die Vereinigten Staaten sich kein frisches Geld mehr am Kapitalmarkt leihen. Das wiederum dürfte über kurz oder lang dazu führen, dass das Land seine alten Schulden nicht mehr begleichen kann.

„Die Ankündigung zeigt die Dringlichkeit, mit der der Kongress handeln sollte, um die Gefahr eines Zahlungsausfalls zu beseitigen“, sagte ein Sprecher des US-Finanzministeriums. Dieser Ausfall bedrohe die Wirtschaft, erklärte er. Die Haushaltsbilanz der USA ist schon lange in Schieflage geraten. „Die Staatseinnahmen der USA betragen rund 17 Prozent des BIPs, die Ausgaben liegen bei rund 21 Prozent des BIPs und die Zinslast beträgt rund zwei Prozent des BIP“, sagt Tilmann Galler, Kapitalmarktexperte bei JP Morgan Asset Management in Frankfurt. „Wenn die Regierung lediglich ausgeben würde, was sie auch einnimmt und den Zahlungsausfall für die öffentlichen Schulden vermeiden wollte, wäre eine Kürzung um 20 Prozent auf sämtliche Ausgaben außerhalb der Zinsausgaben erforderlich.“

Das droht den USA – der Zeitplan

So steht's um Amerikas Finanzen

Sollte der US-Kongress sich nicht in allernächster zeit auf eine Erhöhung der Schuldenobergrenze einigen, droht der Regierung der weltgrößten Volkswirtschaft die Zahlungsunfähigkeit. Um das abzuwenden, werden zwar Tricks wie das Prägen einer Ein-Billion-Dollar-Münze oder eine eigenmächtige Anhebung der Grenze gemäß des 14. Verfassungszusatzes durch Präsident Barack Obama diskutiert. Dieser hat beide Varianten jedoch abgelehnt.

Es ist daher wahrscheinlich, dass die Grenze nach dem 17. Oktober erreicht wird, sollten sich Republikaner und Demokraten nicht in den nächsten Stunden einigen. Das genaue Datum ist unklar, denn selbst das US-Finanzministerium weiß nicht, wie viel Geld es pro Tag genau einnimmt und ausgibt. Auf Grundlage der Daten von 2012 - sozusagen den Kontoauszügen der USA - kann folgendes Szenario aufgestellt werden:

17. Oktober

Die Schuldengrenze von 16,7 Billionen Dollar ist erreicht. Eine weitere Staatsverschuldung ist nicht mehr möglich. Das Finanzministerium hat am Morgen möglicherweise noch etwa 30 Milliarden Dollar auf dem "Konto". Die Einnahmen durch laufende Steuern liegen an diesem Tag unter den Ausgaben, so dass die Regierung an ihr Konto gehen muss. Am Abend sind dann noch 27,5 Milliarden Dollar darauf.

18. bis 29. Oktober

Die Reserven schmelzen weiter dahin, denn für jeden ausgegebenen Dollar nehmen die USA nur 70 Cent an Steuern ein. Eventuell gibt es überraschende Sondereinnahmen - wie im vergangenen Jahr beispielsweise am 22. Oktober, als überraschend 3,5 Milliarden Dollar in die Kasse kamen. Aber genauso kann es auch schlimmer kommen: Am 24. Oktober müssen allein für das Bundesrentensystem 11,1 Milliarden Dollar ausgegeben werden, während wohl nur 9,6 Milliarden an Steuern hineinkommen.

Die große Unbekannte ist die Reaktion des Anleihemarktes. Jede Woche können Investoren etwa 100 Milliarden Dollar an US-Anleihen eintauschen oder wieder neu anlegen. Sollten sie Geld sehen wollen, könnte das Finanzministerium sofort pleite sein. Die Stimmung lasse sich nicht vorhersagen, erklärt Brian Collins vom Bipartisan Policy Center.

30. Oktober

Es ist aus: Am Ende des Tages fehlen sieben Milliarden Dollar. Betroffen sind nach Darstellung der Regierung alle, die Geld vom Bund erhalten, denn das Finanzministerium hat keine Handhabe, Prioritäten zu setzen. Den Schulen fehlen 680 Millionen Dollar, Sozialhilfeempfänger warten vergeblich auf 553 Millionen Dollar und Rüstungsherstellern werden 972 Millionen Dollar vorenthalten. Wer viele Geschäfte mit dem Staat macht, den trifft es besonders hart. "Wenn man Lockheed Martin heißt, ist das ein ziemlich großes Ding", sagt der Cheflobbyist der US-Handelskammer, R. Bruce Josten.

31. Okober

Zu Halloween wird es richtig gruselig, denn es werden sechs Milliarden Dollar an Zinsen für Anleihen fällig. Die Staatsanleihen der USA sind eine wichtige Grundlage des weltweiten Finanzsystems, eigentlich sollen sie eine risikolose Anlageform darstellen. Ein Ausbleiben von Zinszahlungen könnte dieses Fundament erschüttern. Die Zinsen würden mit ziemlicher Sicherheit steigen, die Aktienmärkte könnten einbrechen und nervöse Verbraucher dürften ihr Geld zusammenhalten - ein Horror für die konsumabhängige US-Wirtschaft.

Für das Finanzministerium beginnen damit die wirklich schweren Entscheidungen - denn Analysten zeigen sich überzeugt, dass die Regierung irgendwann doch versuchen wird, Prioritäten zu setzen. Was ist dann wichtiger: Die Bezahlung der Anleihebesitzer in China oder der Truppen in Afghanistan?

1. November

Was dann passiert, ist kaum noch vorherzusagen. Theoretisch reichen die Einnahmen für die Zinszahlungen. Doch dann warten alle anderen auf ihr Geld. Soldaten können ihre Miete nicht zahlen und Rentner keine Lebensmittel kaufen. Sollte die Regierung dagegen die Zinszahlung an Halloween nicht geleistet haben und sollte sich die Krise weiter hinziehen, könnte fast jedes Finanzinstrument plötzlich infrage gestellt werden - ob der Dollar oder Kredite für Banken in Asien. Die Folgen für die Weltwirtschaft wären unvorhersehbar.

Allerdings, wenn Obligatorisches wie Krankenversicherungs- und Gesundheitskosten ebenfalls bezahlt würden, müsste die vierprozentige Finanzierungslücke auf andere Haushaltsposten verteilt werden. Eine Hälfte könnte bei der Verteidigung, die andere Hälfte bei zivilen Ausgaben eingespart werden. „Diese Ausgaben müssten um 70 Prozent gekürzt werden; eine Lösung, die für die Demokraten weder praktikabel noch verhandelbar erscheint", so Galler. Eine Lösung zu finden, ist also nicht so einfach.

Nach Ansicht von Fitch untergraben die andauernden Streitereien in Washington das Vertrauen in das Funktionieren des politischen Systems sowie – für die Ratingexperten noch schlimmer – in den Dollar als weltweite Reservewährung. „Und dieses Vertrauen ist ein wichtiger Grund, weshalb das „AAA“ der USA einen deutlich höheren öffentlichen Verschuldungsgrad aushält als das „AAA“ anderer Länder“, so Fitch. Obwohl die Zeit drängt, will noch niemand glauben, dass der Worst-Case wirklich eintritt. Auch die Experten der Ratingagentur Moody’s sind verhalten optimistisch: „Wir glauben immer noch, dass es eine gute Chance gibt, dass es zu einer Lösung bei der Schuldengrenze kommen wird“, sagte Moody’s-Chef McDaniel.

Kommentare (6)

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Account gelöscht!

16.10.2013, 15:57 Uhr

Das Versagen der sogenannten Ratingagenturen in der Finanzkrise war epochal; wir alle wissen, dass die Chancen gut stehe, dass die nächste echte Krise die letzte in unserem Finanz- und Geldsystem sein wird.

Und sie wird - natürlich wie immer völlig überraschend und komplett unvorhersehbar kommen und die "Ratingagenturen" natürlich total unvorbereitet treffen, wer hätte denn das vorhersehen können wird es wieder heißten. Wir doch nicht - mit einem Triple A für genau die Produkte, die als erstes implodieren werden. Triple A ist eine Kontraindikation, Triple A ist der Ausgangspunkt einer Krise, Triple A ist der Treppenwitz der Finanzweltgeschichte

Pipapo

16.10.2013, 16:39 Uhr

Was ich immer nicht verstehe ( vielleicht kann es mir auch einer erklären, danke), ist, warum die Staatsschulden immer relativ zum BIP angegeben werden.

Weil das BIP steht doch zur Tilgung gar nicht zur Verfügung.
Eigentlich müßte es doch relativ zu den Staatseinnahmen angeben werden, nur die stehen zur Tilgung zumindest theoretisch zur Verfügung.

sowat

16.10.2013, 16:46 Uhr

@marco99

"wir alle wissen, dass die Chancen gut stehen, dass die nächste echte Krise die letzte in unserem Finanz- und Geldsystem sein wird."

...und wir alle setzen dem nichts entgegen. "Occupy Wallstreet" war eine spontane Reaktion, baute sich in kürzester Zeit weltweit auf- und...fand im breiten Publikum kaum Unterstützung. Es wurde gleich wieder kritisiert: keine formulierten Ziele; ein Haufen ahnungsloser, etc etc.
Klar, weil es "aus dem Bauch" heraus kam - und damit auch (wenn auch nicht so ganz)irgendwo und irgendwie richtig lag!
Dabei wäre solch eine internationale Bewegung genau richtig, weil wir es mit einem internationalen Problem zu tun haben, dass wir weder in Deutschland, noch in Europa allein lösen können.
Scheinbar geht es den 99% aber solange am A**** vorbei, bis der finale Big Bang erlebt werden durfte...

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