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17.06.2015

14:24 Uhr

Eckhard Sauren im Interview

„Die große Unsicherheit ist das Problem“

VonJessica Schwarzer

Die Grexit-Angst lässt die Kurse an den Bondsmärkten schwanken. Doch die Ausschläge sind überzogen, meint Eckhard Sauren. Trotzdem ist die Angst vor dem Platzen der Anleiheblase nicht übertrieben.

Kommt der Grexit? dpa

Den Griechen läuft die Zeit davon.

Kommt der Grexit?

Anleihekurse schwanken aktuell fast so kräftig wie Aktienkurse, bestes Beispiel dafür ist die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe. Im April fiel sie auf nur noch 0,05 Prozent Rendite, stieg dann wieder auf ein Prozent und ist mittlerweile wieder im Sinkflug. Solch heftige Schwankungen an den Anleihemärkten hat Eckhard Sauren selten erlebt. Der Dachfondsmanager rät Anleger, die Finger von Anleihen zu lassen. Auch nach dem Ausverkauf am Markt sind die Renditen zu niedrig. Für konservative Anleger gibt es Alternativen.

Dachfondsmanager Pressebild

Eckhard Sauren

Dachfondsmanager

Erst der Ausverkauf, jetzt wieder Flucht in Bundesanleihen. Was ist da los am Rentenmarkt?
Von Flucht zu sprechen ist etwas übertrieben. Wir sind bei zehnjährigen Bundesanleihen von einem Niveau von einem Prozent Rendite auf 0,8 Prozent zurückgekommen. Das ist erstmal eine normale Gegenbewegung nach dem starken Renditeanstieg und Kursverfall. Hinzu kam die Unsicherheit an den Aktienmärkten. In dem Moment als die Aktienkurse bröckelten, wurden Anleihen gekauft.

Müssen Anleger sich an solch heftige Schwankungen am Bondmarkt gewöhnen?
Die Schwankungen in den letzten Tagen und Wochen waren schon sehr deutlich, wobei Anleger aber grundsätzlich mit Volatilität an den Märkten rechnen müssen.

Als Dachfondsmanager sprechen Sie mit vielen Fondsmanagern. Wie reagieren die Experten auf die Grexit-Angst?
Es gibt schon Experten, die sehr vorsichtig geworden sind. Ein Fondsmanager, den ich sehr schätze, wenn es um die südeuropäischen Krisenländer geht, ist Marc Dowding von Bluebay Asset Management, einem großen britischen Anleihehaus. Er hat erstmals seit langem die PIIG- Länder, also Portugal, Irland, Italien und Griechenland, untergewichtet. Er sagt, dass der Markt das Risiko eines Grexits vielleicht im Moment unterschätzt. Solange die Diskussion im Gange ist, möchte er vorsichtiger positioniert sein.

Die Positionen im Schuldenstreit

Die Geldgeber fordern... I

- die Privatisierung öffentlicher Betrieb
- eine grundlegende Reform der Alterssicherung und die Senkung der Renten
- die Erhöhung der Mehrwertsteuern in zwei Stufen

Die Geldgeber fordern... II

- das Ende der MWS-Vorzugsbehandlung für die Touristeninseln

- eine Erhöhung des MWS-Satzes für Energie um zehn Prozent
- den Abbau des Arbeitnehmerschutzes, insbesondere die Öffnung von Tarifverträgen und Lohnsenkungen

Die Geldgeber fordern... III

- einen Primärüberschuss (ohne Schuldzinsen) im Haushalt 2015 von 1,0 Prozent des BIP, nachdem zuvor für 2015 ein Primärüberschuss von 3,0 Prozent und für 2016 und 2017 sogar von 4,5 Prozent verlangt worden waren, um die Staatsschuldenquote bis 2020 von 180 Prozent auf 124 Prozent des BIP zu senken

Griechenland bietet... I

- eine Fusion der Rentenkassen und die Abschaffung von Frührenten, aber keine generelle Senkung der schon um 40 Prozent gekürzten Renten
- einen Primärüberschuss 2015 von 0,75 Prozent des BIP, nachdem Athen zuvor selbst schon 1,0 Prozent angeboten haben soll

Griechenland bietet... II

- eine dreistufige Mehrwertsteuer mit Sätzen von 7, 13 und 23 Prozent
- eine begrenzte Privatisierung von Staatsbetrieben

Zudem fordert Griechenland... I

- Steuerprivilegien für die Ägäis-Inseln möglichst zu bewahren
- sollte es keine andere längerfristige Lösung geben, die Verlängerung des laufenden Rettungsprogramms bis März 2016

Zudem fordert Griechenland... II

- die Umwidmung von nicht genutzten 10,9 Milliarden Euro aus dem Programm der Rekapitalisierung der Banken für die Haushaltssanierung
- die Umlegung der in den kommenden Jahren fällig werdenden Anleihen Griechenlands bei der EZB auf den Rettungsfonds ESM und die Koppelung der dort ab 2021 fälligen Zins- und Tilgungszahlungen an das Wachstum

Und andere?

Sie reagieren ganz unterschiedlich und schätzen die Lage auch unterschiedlich ein. Hauptsächlich ist wie so oft die Ungewissheit das Problem. Grexit – ja oder nein? Ich glaube, der Markt kann am Ende mit beiden Lösungen leben. Er braucht einfach nur Klarheit, bevor er sich stabilisieren kann.
Bis vor wenigen Tagen waren „sichere Häfen“ wie Bundesanleihen kaum gefragt. Von einer Rendite nahe Null auf ein Prozent in nur acht Wochen. War das die Zinswende?

Das ist schwer zu sagen. Zinswende heißt ja nicht, dass es in einem Schritt nach oben geht. Zwischenzeitliche Gegenbewegungen sind ganz normal. Es könnte aber sein, dass wir die Tiefststände gesehen haben, wahrscheinlich sogar. Die Risiken haben zugenommen, die Ertragschancen sind aber noch immer minimal. Auf ein neues Zinstief zu spekulieren macht keinen Sinn, auf steigende Zinsen aber auch nicht.

Sind Anleihen überhaupt noch interessant für Anleger?
Zehnjährige Bundesanleihen bringen eine Rendite von unter einem Prozent, bei Fünfjährigen sind wir nur noch bei 0,1 Prozent. Europäische Unternehmensanleihen rentieren im Schnitt mit 1,4 Prozent. Vor Kosten und Steuern wohl gemerkt. Ist das noch eine sinnvolle Anlage? Nein, nicht wenn man langfristig denkt.

Und kurzfristig?
Kurzfristig haben wir ein Schwankungspotenzial von fünf bis zehn Prozent, was viel ist. Die Diskussion über eine Zinswende überlagert die Gedanken über eine langfristig sinnvolle Strategie. Und es macht in der aktuellen Niedrigzinsphase keinen Sinn, in Renten zu investieren.

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