Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

14.02.2012

15:32 Uhr

Ein Tag als Daytrader

Ein Selbstversuch mit schnellem Geld

VonClaudia Schumacher

Das Geschäft, mit dem Traum per Knopfdruck reich zu werden, boomt. Dabei packt die Gier auch solche, die sonst mit Vorliebe die Zockermentalität der Banken beklagen. Wie schnell das geht, zeigt ein Experiment.

Beruf: Freier Trader

Freie Trader - spekulieren auf eigene Gefahr

Beruf: Freier Trader: Freie Trader - spekulieren auf eigene Gefahr

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Der Traum von der ersten Million ist nur acht Kilobyte groß. Eine E-Mail, versandt von Markets.com. Man freue sich, dass ich mich für sie entschieden habe, schreibt die Dame aus dem Kundenservice. Ich freue mich auch, denn jetzt kann es losgehen. Markets.com ist eine Online-Handelsplattform für Daytrader; für Anleger, die versuchen, aus Geld noch mehr Geld zu machen. Und das in kurzer Zeit.

„In 20 Minuten können Sie traden! Auch für Einsteiger geeignet“, wirbt die Plattform. Also genau das Richtige für mich. Klar, ich weiß, wo der Dax steht, und kenne auch Dollar-Kurs und Ölpreis. Aber dann hört es fast schon auf. Ich investiere nicht an der Börse. Geld verdienen will ich aber trotzdem. 2,5 Prozent Zinsen auf dem Tageskonto oder das bisschen Rendite, das der Bausparvertrag abwirft, reichen mir nicht. Ich will mehr. Schnell.

Claudia Schumacher

Handelsblatt-Reporterin Claudia Panster.

Mir geht es da wie vielen Deutschen. Sie haben ein eigenartiges Verhältnis zum Kapital. Sie beschimpfen Banker, die ihrer Meinung nach zu hohe Boni kassieren, sie vermuten an den Finanzmärkten Zocker am Werk, sie klagen, dass ihre Banken sich zu kurzfristig orientieren. Mit sich selbst aber sind die Deutschen nicht so kritisch. Sie legen ihr Geld gerne bei einer isländischen Direktbank an, wenn es einen Prozentpunkt mehr an Zinsen gibt, sie erwarten von ihrer Lebensversicherung Renditen, die diese mit konventioneller Geldanlage nicht erreichen kann – und sie zocken selbst mal gerne, wenn man sie lässt.

Das Geschäft mit dem Traum vom schnellen Geld boomt. 3,9 Millionen Deutsche haben im vergangenen Jahr mit Aktien gehandelt. Vor allem aber steigt die Zahl derer, die kurzfristig handeln, die Zahl der Daytrader. Schätzungen zufolge liegt allein die Zahl der Nutzer von Online-Plattformen, die täglich mit Währungen spekulieren, bei bis zu 70000.

Privatanleger können auf exotische Währungen wetten, darauf, dass der Uranpreis ein bestimmtes Niveau nicht unterschreitet oder Gold sich schneller verteuert als Silber. Jeder Privatanleger kann seinen eigenen kleinen Handelssaal eröffnen und spekulieren wie die Profis.

Die grössten Fehler der Anleger

Risikotoleranz

Die Neigung, Risiken einzugehen, ist mit zwei demografischen Faktoren verbunden: Geschlecht und Alter. Frauen sind normalerweise vorsichtiger als Männer und ältere Menschen sind weniger bereit, Risiken einzugehen, als jüngere Leute. Die Konsequenzen der Verhaltensökonomik für Anleger sind klar: Wie wir uns bei der Geldanlage entscheiden und wie wir uns bei der Verwaltung unserer Anlage entscheiden, hängt sehr davon ab, wie wir über Geld denken. [...] Sie demonstriert, dass Marktwerte nicht ausschließlich von den gesammelten Informationen bestimmt werden, sondern auch davon, wie menschliche Wesen diese Informationen verarbeiten.

Übertriebene Zuversicht

An sich ist Zuversicht ja keine schlechte Sache. Aber übertriebene Zuversicht ist etwas ganz anderes, und sie kann besonders im Umgang mit unseren Finanzangelegenheiten Schaden anrichten. Übertrieben zuversichtliche Anleger treffen nicht nur für sich selbst dumme Entscheidungen, sondern diese wirken sich auch sehr stark auf den Mark als Ganzes aus.

Kurzfristiges Denken

Menschen [legen] zu viel Wert auf wenige mehr oder wenige zufällige Ereignisse [...] und meinen, sie würden darin einen Trend erkennen. Insbesondere sind Anleger tendenziell auf die neuesten Informationen fixiert, die sie bekommen haben, und ziehen daraus Schlüsse. So wird der letzte Ergebnisbericht in ihrem Denken zum Signal für künftige Gewinne. Und da sie meinen, sie würden etwas sehen, das andere nicht sehen, treffen sie dann aufgrund oberflächlicher Überlegungen schnelle Entscheidungen.

Verlustaversion

Der Schmerz durch einen Verlust [ist] viel größer als die Freude über einen Gewinn. Bei einer 50:50-Wette, bei der die Chancen exakt gleich sind, riskieren die meisten Menschen nur dann etwas, wenn der potenzielle Gewinn doppelt so groß ist wie der potenzielle Verlust. Das nennt man asymmetrische Verlustaversion. [...] Auf den Aktienmarkt bezogen bedeutet dies, dass sich die Menschen beim Verlust von Geld doppelt so schlecht fühlen, wie sie sich gut fühlen, wenn sie einen Gewinn erzielen. Diese Abneigung gegen Verluste macht Anleger übertrieben vorsichtig, und das hat einen hohen Preis. [...] Wir wollen alle glauben, wir hätten gute Entscheidungen getroffen, und deshalb hängen wir zu lange an schlechten Entscheidungen, in der vagen Hoffnung, die Dinge werden sich noch wenden.

Verdrängen

Wir neigen dazu, das Geld geistig auf verschiedene Konten zu buchen, und dies bestimmt, wie wir es verwenden. [...] Zudem wurde die geistige Buchhaltung als Grund angeführt, weshalb Menschen schlecht laufende Aktien nicht verkaufen: In ihren Augen wird der Verlust erst real, wenn sie ihn realisieren.

Quelle: Robert G. Hagstrom, Warren Buffett. Sein Weg. Seine Methode. Seine Strategie., Börsenbuchverlag 2011.

Die Idee von André Kostolany, man solle sich Aktien kaufen, Schlaftabletten nehmen und sich dann zehn Jahre hinlegen – sie klingt heute so alt wie die Schlager von Roy Black. Damals, in der guten, heilen Zeit, ging es den Anlegern darum, ihr Erspartes stetig zu mehren. Heute gibt es immer mehr Menschen wie mich, die hoffen, mit dem schnellen Geschäft schnelles Geld zu machen. Die eifrigsten Daytrader kommen auf bis zu 200 Orders im Monat.

Wie aber passt das zusammen? Eine Gesellschaft, die Banker als Zocker beschimpft und der Finanzindustrie Gier vorwirft, gleichzeitig aber selbst eben jener Gier verfallen scheint?

Kommentare (53)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

byrdie

14.02.2012, 16:29 Uhr

Meine These (selbst erlebt): mittel bis langfristig macht jeder Daytrader unter dem Strich einen Verlust. Warum? Gier und – trotz aller Lektüre – Informations- und Geschwindigkeitsdefizite im Vergleich zu den Handelstischen der Banken, Hedge Fonds etc. Wäre froh, wenn jemand diese These fundiert wiederlegen könnte

byrdie

14.02.2012, 16:29 Uhr

Meine These (selbst erlebt): mittel bis langfristig macht jeder Daytrader unter dem Strich einen Verlust. Warum? Gier und – trotz aller Lektüre – Informations- und Geschwindigkeitsdefizite im Vergleich zu den Handelstischen der Banken, Hedge Fonds etc. Wäre froh, wenn jemand diese These fundiert wiederlegen könnte

tetsuo

14.02.2012, 17:02 Uhr

Regel 1: nicht aus Zwang/Überlebensdrang handeln
Regel 2: täglich Informationen sammeln, bedeutet nicht jeden Tag zu traden.
Regel 3: Dokumentation der Arbeitsschritte/Entscheidungsprozesse.
Regel 4: Verluste aushalten können
Regel 5: sobald Gier als Motiv, oder "Zockerfeeling" auftreten SOFORT aussteigen, evt. auch dauerhaft

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×