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19.04.2014

16:17 Uhr

Essay

Gefährliche Zahlenspiele

VonRoman Tyborski

Mathematik verrät uns die Zukunft. So jedenfalls sehen es Analysten, die mit Finanzmodellen arbeiten. Dabei ist das blinde Vertrauen auf Formeln gefährlich – und nicht selten vernebeln sie den gesunden Menschenverstand.

Ein Gewirr aus Zahlen und griechischen Buchstaben. An Universitäten werden finanzmathemische Formeln entwickelt, die in der Finanzwelt allerdings kaum einer versteht. Angewendet werden sie trotzdem. dpa

Ein Gewirr aus Zahlen und griechischen Buchstaben. An Universitäten werden finanzmathemische Formeln entwickelt, die in der Finanzwelt allerdings kaum einer versteht. Angewendet werden sie trotzdem.

DüsseldorfWer kann heutzutage noch erklären, wie sein Handy funktioniert? Oder sein Fernseher? Oder sein Auto? Vermutlich nur noch die wenigsten. Und dennoch vertrauen wir diesen Gerätschaften jeden Tag aufs Neue blind. Das Smartphone lässt uns ständig in Kontakt mit Freunden und Bekannten bleiben. Der Fernseher informiert und unterhält uns. Das Auto bringt uns von A nach B.

All diese Geräte erleichtern und verbessern unseren Alltag – aber wir haben keine Ahnung, wie sie es tun. An den Finanzmärkten geht es ähnlich zu. Selbst große Investoren haben keinen Schimmer davon, wie die Algorithmen funktionieren, nach denen sie tagtäglich Milliardensummen hin- und herschieben. Sie verlassen sich auf Modelle, die von Mathematikern und Physikern erdacht und von Maschinen ausgeführt werden. An den US-Börsen machen Computer inzwischen rund 70 Prozent des Handels unter sich aus.

Eine neue Studie der American Mathematical Society belegt, dass die Finanzmodelle längst nicht so viel taugen wie gemeinhin angenommen. „Wir unterstellen nicht, dass diese technischen Analysten, quantitativen Forscher oder Fondsmanager ‚Quacksalber‘ sind“, erklären David H. Bailey, Forschungsstipendiat der University of California, Davis, und seine drei Mitautoren in einer Abhandlung der Zeitschrift „Notices“.

„Die Manager von Hedgefonds wissen oft nicht, dass die meisten Tests mit Rückvergleichen, die ihnen Wissenschaftler und Analysten vorlegen, nutzlos sein dürften.“ Die meisten Anleger hätten keine Antwort auf die Frage, wie das Handelsmodell funktioniert, mit dem ihre Computer arbeiten. Und dennoch verwenden sie diese Modelle.

Die größten Börsenpannen

Nasdaq lahmgelegt

Ein Softwarefehler führt dazu, dass die US-Börse Nasdaq im August 2013 einige Stunden den Handel komplett einstellen muss. Nach der Wiederaufnahme des Handels steigt der Markt – die Aktie des Börsenbetreibers aber verliert.

Dow Jones (2013)

Am 23. April 2013 meldete der Twitter-Account der US-Nachrichtenagentur eine Explosion im Weißen Haus. Die Meldung war jedoch falsch – Hacker hatten das Nutzerkonto übernommen. Dennoch brach die Börse innerhalb von Sekunden um mehr als ein Prozent ein. Möglicher Grund: Computer werteten die Meldung als wahr und lösten Verkaufssignale aus.

Kraft-Aktie (2012)

4. Oktober 2012: Die Nasdaq und mehrere andere Börsen haben nach einem ungewöhnlichen Kurssprung von Kraft Foods einen Teil des Handels mit der Aktie annulliert. Grund für den plötzlichen Anstieg der Papiere von 45,55 auf 58,54 Dollar war nach Angaben der US-Technologiebörse der Fehler eines Börsenmaklers. Nähere Angaben machte sie nicht. „Die Systeme von Nasdaq haben normal funktioniert und der Prozess der Industrie zum Umgang mit solchen Angelegenheiten verlief wie geplant“, hieß es in einer Erklärung.

Software-Panne bei Knight Capital (2012)

Durch einen Fehler hatte die Knight-Software enorm viele Orders platziert, die heftige Kursschwankungen auslösten. Dem Treiben konnte erst nach einer Dreiviertelstunde ein Ende gesetzt werden. In dieser Zeit hatten sich bereits 440 Millionen Dollar Verlust angehäuft, die das US-Brokerhaus fast zum Zusammenbruch brachten.

Das Facebook-Desaster (2012)

Die Erfolgsstory von Facebook bekam an der Börse einen starken Dämpfer. Nach gravierenden Pannen im Handelssystem der Technologiebörse Nasdaq in New York stürzte der Kurs des Börsenneulings rapide in die Tiefe. Beteiligte Firmen erlitten Millionen-Verluste. Die Schweizer Großbank UBS, die 290 Millionen Euro verlor, drohte sogar mit einer Klage gegen die Börse.

Pannen-Start für BATS (2012)

Die Erstnotiz der drittgrößten US-Börse BATS Global Markets im März 2012 endete mit einem Totalschaden. Die neuen BATS-Aktien sackten innerhalb weniger Minuten von 16 Dollar auf unter einen Cent. Schuld daran war eine neue Software. BATS musste die falschen Transaktionen zurücknehmen - und nahm dabei die eigenen Aktien gleich mit von der Börse

Fünf-Minuten-Chaos bei der Citigroup durch Kursrutsch

Die Aktien der Citigroup fielen im Juni 2010 nach Massenverkäufen durch elektronische Handelssysteme zeitweise um 17 Prozent. Doch da die Börsenaufsicht SEC nach dem „Flash Crash“ bereits zuvor beschlossen hatte, Aktien aus dem Index S&P 500 vom Handel auszusetzen, falls diese innerhalb von fünf Minuten mehr als zehn Prozent steigen oder fallen, stoppte das Sicherungssystem den Kursrutsch. Der Handel stand fünf Minuten lang still. Am Ende des Tages lag die Citigroup-Aktie sieben Prozent im Minus.

Flash Crash, 2010

Der „Flash Crash“ wurde im Mai 2010 durch den Hochfrequenzhandel ausgelöst: Durch einen blitzartigen Kurseinbruch lösten sich innerhalb weniger Minuten fast eine Billion Dollar Marktwert in Luft auf. Der Kurs des Dow Jones fiel um rund 1.000 Punkte. Einige Aktien verloren in der Zeit rund die Hälfte ihres Wertes. Der Spuk dauerte eine halbe Stunde lang an. Der sogenannte Hochfrequenzhandel, bei dem Tausende Transaktionen binnen Millisekunden durch Computer ausgelöst werden, stand schon vorher in der Kritik.

Strafe für Morgan Stanley (2007)

Morgan Stanley musste im Februar 2007 für den Fehler eines Händlers 300.000 Dollar Strafe an die Börse New York zahlen. Der Banker wollte einen Order über 100.000 Wertpapiere abgeben, übersah aber automatischen Multiplikator von 1000. Dementsprechend hatte seine Order einen Wert von 10,8 Milliarden Dollar statt der gewünschten 10,8 Millionen Dollar. Erst nachdem Aktien im Wert von 875,3 Millionen Dollar den Besitzer gewechselt hatten, wurde der Fehler bemerkt. Die Bank hat die Handelsvorschriften am Desk seitdem deutlich verschärft.

Football vermasselt 50 Millionen Dollar Deal

Ein äußerst ungewöhnliches Missgeschick passierte einem Händler der Bank of America im September 2006. Er wartete auf die Anordnung seines Vorgesetzten, um einen fertig vorbereiteten Deal über 50 Millionen Dollar abzuschließen. Es fehlte nur noch der Druck auf die Enter-Taste. Während er wartete, warf ein Trainee einen Football durch den Raum und traf die Tastatur, inklusive der Enter-Taste.

Milliarden statt Millionen, 2002

Ein Händler von Bear Stearns verzählte sich im Oktober 2002 beim Verkauf von Aktien bei den Nullen und handelte sie für vier Milliarden Dollar anstelle von vier Millionen. Bevor der Vertipper auffiel, gingen bereits Wertpapiere im Wert von 600 Millionen Dollar an neue Besitzer. Dadurch sank der Leitindex Dow Jones um 2,3 Prozent.

100 Millionen für Verdreher

Im Dezember 2001 begleitete UBS Warburg den Verkauf neuer Aktien des japanischen Unternehmens Dentsu. Ein Händler vertippte sich und verkaufte statt 16 Dentsu-Aktien zu 600.000 Yen 610.000 Aktien zu je 6 Yen. Innerhalb kürzester Zeit verkaufte die USB dadurch 61.915 Aktien, was etwa der Hälfte des Emissionsvolumens entspricht. Die UBS verlor durch die Panne 100 Millionen Dollar, weil sie die Aktien zum Marktpreis zurückkaufen musste.

Lehman Banker verkauft zu viel (2001)

Ein Händler der Investmentbank Lehman Brothers verkaufte 2001 aus Versehen hundertmal mehr Aktien als er wollte. Darunter waren auch Schwergewichte wie AstraZeneca und BP. Der Banker vernichtete damit zeitweise 30 Milliarden Pfund an Börsenwert.

Tippfehler mit Folgen (1999)

Ein Aktienhändler der UBS gab im Januar 1999 zu viele Nullen in seinen Rechner ein und handelte damit innerhalb von nur zwei Minuten zehn Millionen Aktien des Pharmakonzerns Roche, obwohl nur sieben Millionen Stück existierten. Das Handelsvolumen überstieg die Marktkapitalisierung von Roche um knapp die Hälfte.

Der Schwarze Montag (1987)

Am 19. Oktober 1987 bricht der Dow Jones um fast 23 Prozent auf 1.728 Punkte ein, der größte prozentuale Tagesverlust in der Geschichte des Index. Der seinerzeit beliebte Programmhandel - eine Art Vorläufer des heutigen Algo-Tradings - hat den Absturz noch verschlimmert.

Der ehemalige Goldman-Sachs-Analyst Emanuel Derman schreibt in seinem Buch „Models. Behaving. Badly.“: „Problematisch ist die weitverbreitete Überzeugung vieler Börsianer, dass die Finanzmodelle und Algorithmen die Welt des Handels beschreiben und menschliche Reaktionen antizipieren würden.“

Weiter heißt es bei Derman: „Es ist so gut wie unmöglich, auf der Grundlage der Informationen, die wir heute haben, erfolgreich und beständig vorherzusagen, was morgen auf dem Aktienmarkt geschehen wird.“

Belege für diese These gibt es zuhauf. Um nur ein Beispiel zu nennen: Über einen gehackten Twitter-Account der Nachrichtenagentur AP wurde im April 2013 die Falschmeldung verbreitet, das Weiße Haus sei explodiert und der US-Präsident Barack Obama gestorben. Im Anschluss leerten algorithmisch programmierte Handelscomputer im großen Stil ihre Depots aus, ohne die Richtigkeit dieser Meldung zu prüfen, denn darauf waren die Computer nicht programmiert. Wie in einer Kaskade gingen die Leerverkäufe solange weiter, bis der „Stecker gezogen“ wurde. Der Handel wurde ausgesetzt, die Meldung entpuppte sich als falsch und alles musste zurückgesetzt werden. 

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