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01.01.2011

13:00 Uhr

Euro-Krise

Das Gefühl bietet mit

VonUwe Jean Heuser, Mark Schieritz
Quelle:Zeit Online

Europa ringt mit den Finanzmärkten und verkennt ihren Hang zum Irrationalen. Doch die Logik "Volksvertreter auf der einen, die Märkte auf der anderen Seite" stimmt so nicht mehr. Längst bilden Politik und Märkte eine unfreiwillige Schicksalsgemeinschaft.

Händler an der Börse: Die Logik "Volksvertreter gegen Märkte" stimmt in der aktuellen Eurokrise nicht mehr. dpa

Händler an der Börse: Die Logik "Volksvertreter gegen Märkte" stimmt in der aktuellen Eurokrise nicht mehr.

Der Ort: Berlin. Die Zeit: zehn Uhr morgens. Beamte im Bundesfinanzministerium haben die Kursbewegungen von Währungen, Staatsanleihen und Aktien bewertet, sie haben die Risiken auf vier Seiten analysiert und mit Grafiken veranschaulicht. So machen sie das jeden Tag. Dann schicken die Ministerialen ihren Bericht durchs Haus, und in normalen Zeiten wissen sie: Ihre Arbeit wird kaum beachtet. Seit einigen Wochen ist das anders. Da wird ihre morgendliche E-Mail bis hinauf in die Ministeriumsspitze aufmerksam gelesen. Es ist Euro-Krise , und die Finanzmärkte stehen im Zentrum der Politik. Sie sind der Feind. Angela Merkel will den »Primat der Politik« durchsetzen und das »Schlaraffenland« für Investoren zerstören, der luxemburgische Regierungschef Jean-Claude Juncker sprach von einer »weltweit organisierten Attacke gegen den Euro«, und Griechenland setzte gar seinen Geheimdienst auf die Spekulanten an.

Hier die Volksvertreter, dort »die Märkte«, womit der weltweite Finanzhandel gemeint ist. So verlaufen die Fronten auch in dieser Woche, wenn sich die Staats- und Regierungschefs der EU-Länder zum Gipfel treffen. Bloß der Realität wird eine solche Beschreibung nicht gerecht. Längst bilden Politik und Märkte eine unfreiwillige Schicksalsgemeinschaft. Mit riesigen Rettungsschirmen für Krisenländer wollen die Regierenden das Finanzkapital anlocken. Mit der Diskussion über überharte Regeln für den Insolvenzfall allerdings vertreiben sie es. Eine Strategie lässt sich da kaum erkennen.

Das Reich der Händler, Analysten und Investoren ist schwer zu durchschauen. Es gibt Hochleistungscomputer, die darauf programmiert sind, den Euro zu attackieren. Es gibt Hedgefonds, die sich gegen Staaten in Stellung bringen. Und doch ist der Einfluss von Zockern auf die Märkte für Staatsanleihen zumeist gering. Das Volumen der Anleihen beträgt in der Euro-Zone fast acht Billionen Euro, am Devisenmarkt werden täglich vier Billionen Dollar umgeschlagen. Das ist mehr als die jährliche Wirtschaftsleistung der Bundesrepublik! Dagegen kommt kaum ein Spekulant an. Es gebe wenig Indizien, dass die Euro-Krise durch »Spekulation ausgelöst worden sei«, heißt es bei der Bundesbank. »Wir erleben keine wilde Spekulation, sondern einen Käuferstreik«

Statt Gier treibt die Märkte gegenwärtig eher Furcht, wie Nadine Henschl weiß. Die 35- jährige Frau, die ihren wahren Namen nicht in der Zeitung lesen will, handelt für die Londoner Filiale einer Schweizer Großbank mit südeuropäischen Staatsanleihen. Im Auftrag ihrer Kunden - Pensionskassen, Versicherungen, Staatsfonds - kauft und verkauft sie solche Papiere. Eine Staatsanleihe ist ein Kredit an den Staat. Je mehr Anleihen Henschl kauft, desto billiger kommt der Staat an Geld. Und je mehr sie verkauft, desto teurer wird es für ihn. Bis 2008 ging sie auf Einkaufstour. Jeder wollte die Anleihen aus den europäischen Randstaaten haben. Die Investoren sprachen vom keltischen Tiger und vom griechischen Wirtschaftswunder. Und weil so viele kauften, konnten diese Länder fast genauso günstig Kapital aufnehmen wie Deutschland.

Kommentare (4)

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Stefan L. Eichner

01.01.2011, 14:52 Uhr

Zu sagen, Politik und Märkte bildeten eine „unfreiwillige Schicksalsgemeinschaft“, ist ein Euphemismus. Seit beginn der Krise hat die Politik alles getan, um die Finanzmärkte zu stützen und es ihnen zugleich, trotz einzelner korrigierender Maßnahmen, ermöglicht, genau so weiter zu zocken wie zuvor (siehe dazu: http://stefanleichnersblog.blogspot.com/2010/11/irland-krise-regierungen-bleiben-eine.html). Mehr noch hat sie all jene Praktiken, die das Finanzmarktdesaster verursachten und die von den Märkten beschönigend als „innovativ“ bezeichnet werden, nicht nur gebilligt, sondern sie überhaupt erst durch politische Entscheidungen ermöglicht und gefördert.

Die Politik will zwar gerne die Finanzmärkte zügeln. Aber zugleich möchten sie auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Finanzmarktakteure und banken fördern, wie sie das schon seit nunmehr vier Dekaden tut. Es kein Wunder, wenn die Politik an diesem Widerspruch bei der Aufgabe scheitert, eine neue Finanzmarktkrise wirksam zu verhindern. Denn im Wesentlichen ziehen Politik und Marktakteure an einem Strang – man denke an das Heer von Lobbyisten und ihren Einfluss auf die Politik (siehe dazu: http://stefanleichnersblog.blogspot.com/2010/01/finanzmarktkrise-und-wirtschaftssystem.html). Unser Wirtschaftssystem hat nicht mehr viel mit einer freien, wettbewerblichen Marktwirtschaft zu tun. im Gegenteil: Wir leben in einer von interessengruppen und Politik gesteuerten Marktwirtschaft und so etwas nennt man „Korporatokratie“.

Das Problem korporativistischer Wirtschaftssysteme ist, dass sie auf Dauer nicht stabil sind und zum wirtschaftlichen Kollaps tendieren. Das haben wir in der Geschichte wiederholt erlebt.

Der obige Artikel ist deswegen massiv beschönigend und verschleiert mehr als er aufdeckt. banker, Analysten und US-Ratingagenturen sorgen mit Unterstützung der Presse und der Massenmedien seit Anfang 2010 fortlaufend mit Äußerungen und bewertungen in hohem Maße dafür, dass sich die Finanzierungskrise der Euro-Staaten immer mehr zuspitzt. Der Euro wird dabei schlechter gemacht als er ist – jenseits des Atlantiks sieht die Lage viel dramatischer aus als hier. Wer dem Euro aber gezielt so sehr schadet, der stützt damit zugleich den Dollar als Leitwährung. Und das heißt letztlich nichts anderes, als die Weltgemeinschaft dazu zu verurteilen, auch künftig mehr und mehr wertlose amerikanische Schuldscheine namens „US-Dollar“ zu akzeptieren (siehe dazu auch: http://stefanleichnersblog.blogspot.com/2010/12/die-amerikanische-krise-wie-die-us.html). Und ben bernakes Gelddruckmaschine läuft auf weiter Hochtouren ....

Goldmund

02.01.2011, 01:19 Uhr

Genau Herr Eichner. ich stimme ihnen vollkommen zu. Wann erkennen die bürger endlich, dass sie sich gegen dieses System durch Protest zu Wehr setzen müssen.

Europa braucht weder einen starken Euro noch Deutschland.

02.01.2011, 05:00 Uhr

Sollte jemand mein Kommentar anderswo schon gelesen haben, braucht er es hier nicht nochmal lesen.
Europa braucht weder einen starken Euro noch Deutschland.
Die beste und einzige Lösung; Deutschland aus der EU und Eurozone. Erst dann wird eine harmonische Einigung Europas möglich.
Erst wenn wir die Einigung erreicht haben kann auch Deutschland, falls gewünscht, sich um Aufnahme bewerben und aufgenommen werden.
Solange aber Deutschland an der Gestaltung Europa beteiligt ist, wird es kein vereinigtes Europa geben können weil Deutschland immer die Vorherrschaft anstreben wird und die eigene Spielregeln durchsetzen wollen, das gesetzt des Stärkeren.
Es war ein Denkfehler von De Gaulle zu glauben dass der Deutsche seine Fehler eingesehen hatte. Deutschland wollte nur die Wiedervereinigung erreichen, jetzt spielt Deutschland das gleiche Spiel wie in den letzten Jahrhunderten.
Schon damals wäre es besser gewesen Europa ohne Deutschland zu einigen.
Der Deutsche versteht unter Europa ein zentral, von Deutschland dominierter Wirtschaftsraum.
Das ist aber nicht was wir wollen.

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