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28.11.2011

15:47 Uhr

Euro-Schuldenstaaten

Der „Tag der Staatsanleihen“ floppt

VonAnnika Williamson

Die europäischen Schuldenstaaten wollen Anleger trickreich für ihre Anleihen begeistern - Italien rief heute sogar den "Tag der Staatsanleihen" aus. Doch es hilft nichts: Die Geldquellen für Euro-Schuldner trocknen aus.

Euromünzen der Länder Italien, Spanien, Portugal, Irland und Griechenland - einige von ihnen geben diese Woche neue Anleihen auf den Markt. dpa

Euromünzen der Länder Italien, Spanien, Portugal, Irland und Griechenland - einige von ihnen geben diese Woche neue Anleihen auf den Markt.

DüsseldorfEs ist die Woche der Wahrheit für die gebeutelte Euro-Zone: Innerhalb weniger Tage geben Belgien, Italien, Spanien und Frankreich geballt neue Anleihen auf den Markt. Weltweit schauen Investoren auf das Ergebnis der Auktionen. Die Renditen für Staatsanleihen sind das Barometer für das aktuelle Vertrauen in die Euro-Zone, in den vergangenen Wochen sagte dieses Barometer Sturm voraus.

Es dürften durchweg teure Anleiheemissionen werden: Im Vorfeld rentieren die Papiere der vier Euro-Schuldenstaaten zwischen 3,5 und sieben Prozent. Die Anleger sind nervös: Die Ratingagentur Moody's kündigte just heute Morgen an, die Bonität der gesamten Eurozone sei in Gefahr, selbst wenn es nicht zu Staatspleiten kommt.

Italien hat eine neue Emission schon hinter sich - mit beunruhigendem Ergebnis. Bei einer Emission eines an die Inflation gekoppelten Papiers mit Laufzeit bis September 2023 lag die Rendite am Montag bei 7,3 Prozent. Insgesamt brachte die vergleichsweise kleine Auktion dem italienischen Staat 567 Millionen Euro ein. Geplant war eine Kreditaufnahme bis zu 750 Millionen Euro. „Das einzig Positive an der Auktion war, dass der Staat alle Papiere losgeworden ist - allerdings sind die Renditen auf einem Niveau, das langfristig nicht tragbar ist“, betonte ING-Analyst Alessandro Giansanti.

Fragen und Antworten zu italienischen Anleihen

Warum sind die Anleihe-Renditen so entscheidend?

Um ihren Finanzierungsbedarf zu decken, nehmen Staaten durch Anleihen Geld an den Finanzmärkten auf. Die Renditen dieser Papiere entsprechen der effektiven Verzinsung. Je riskanter Investoren ein Engagement einschätzen, desto mehr Zinsen muss ein Land bieten.

Weshalb sehen Investoren Italien so kritisch?

Mit einem ausstehenden Volumen von rund 1,8 Billionen Euro ist der italienische Markt für Staatsanleihen einer der größten der Welt. Italien trägt gemessen an der Wirtschaftsleistung die zweitgrößte Staatsschuldenlast aller Euro-Länder und steht unter hohem Spardruck. Anders als Griechenland verfügt Italien allerdings über eine hohe Wirtschaftskraft. Die Finanzmärkte trauen der aktuellen politischen Führung jedoch nicht zu, die zur Haushaltskonsolidierung nötigen Reformen durchzusetzen.

Was passiert, wenn die Lage am italienischen Anleihemarkt sich weiter zuspitzt?

In Italien werden bis Ende 2012 Anleihen unterschiedlichster Laufzeiten mit einem Gesamtvolumen von mehr als 300 Milliarden Euro fällig. Da die Anleihen mit festen Laufzeiten ausgegeben werden, muss das Land in regelmäßigen Abständen neue Papiere am Markt platzieren, um seine Schulden zu finanzieren. Sollten die Renditen auf den zuletzt erreichten Höchstständen verharren, könnte es für Italien unmöglich werden, neue Schulden aufzunehmen, um alte zu begleichen. Italien wäre dann wie Griechenland, Portugal und Irland vom privaten Kapitalmarkt abgeschnitten und müsste unter den Euro-Rettungsschirm flüchten, um sich aus Hilfsgeldern zu refinanzieren.

Würde Italien unter den Euro-Rettungsschirm passen?

An diesem Punkt würde die Situation richtig kritisch. Experten stimmen überein, dass der Krisenfonds EFSF nicht ausreichen würde, um die Konsequenzen eines Ernstfalls in Italien zu bewältigen. Die zuletzt beschlossenen Modelle zur Hebelung des EFSF-Kreditvolumens sind noch nicht im Detail ausgestaltet und einsatzbereit. Sollte sich die Situation in Italien extrem zuspitzen, wäre außerdem davon auszugehen, dass auch der spanische Anleihemarkt kollabieren würde. Die Eurozone dürfte bei diesem Szenario endgültig auf die Zerreißprobe gestellt werden.

Wie kann eine Eskalation verhindert werden?

Um dauerhaft zu gewährleisten, dass Italien seine Schulden an den Märkten platzieren kann, müssten zwei Bedingungen erfüllt werden: Potenziellen Investoren muss die Furcht vor einem Zahlungsausfall genommen werden. Zweitens müsste das Rendite-Niveau auf einem für Italien tragbaren Niveau gehalten werden. Kurzfristig kann dies nach Einschätzung von Experten letztlich nur die Europäische Zentralbank (EZB) sicherstellen. Mittel- bis -langfristig kann jedoch nur Italien selbst durch entsprechende Reformen und Haushaltsdisziplin die Lage entschärfen.

Welche Rolle spielt die EZB?

Die EZB versucht bereits seit August, die Renditen für italienische Anleihen durch Ankäufe zu drücken. Die Zentralbank agiert jedoch nur auf dem Zweitmarkt. Sie beeinflusst so lediglich das Kursniveau von Papieren, die bereits in Umlauf sind. Direkte Anleihekäufe von Staaten sind für die EZB ein Tabu, anders als für ihre Pendants in den USA oder Großbritannien. Die EZB lehnt es strikt ab, als Kreditgeber der letzten Instanz Käuferstreiks am Erstmarkt zu verhindern.

Was muss nun geschehen?

Fest steht: Muss Italien länger wesentlich höhere Renditen als bisher üblich zahlen, wird die Haushaltslage stark belastet und der ohnehin hohe Schuldenstand letztlich weiter nach oben getrieben.

Solange der EFSF nicht ausreichend einsatzfähig ist und die EZB von ihren geldpolitischen Grundsätzen nicht abweicht, liegt es allein an der italienischen Politik, das Vertrauen der Finanzmärkte zurückzugewinnen. Das ist jedoch ein ungewisses Unterfangen und dürfte einiges an Überzeugungsarbeit erfordern.

Weitere Emissionen stehen am Dienstag an. Die Renditen der italienischen Papiere bewegen sich schon einige Tage im Umfeld der kritischen sieben-Prozent-Marke, für eine zweijährige Anleihe musste Italien vergangene Woche sogar einen Zins von 7,8 Prozent zahlen. Höhere Zinssätze wurden seit Einführung des Euros noch nie von Italien gezahlt. Im Oktober lagen sie mit 3,5 und 4,6 Prozent noch deutlich tiefer. Italien ist wegen seiner hohen Verschuldung ins Visier der Finanzmärkte geraten.

Auf einem Zinsniveau von über sieben Prozent brauchten bereits Irland, Griechenland und Portugal externe Finanzhilfe. Italien hat sich in dieser verzwickten Lage eine besondere Lösung für seine Refinanzierung ausgedacht: Kleinanlegern wurden heute die Gebühren beim Anleihekauf erlassen. Damit sollte das Interesse bei den Staatsbürgern geweckt und die Zinsen für die Regierung wieder gedrückt werden - doch der patriotische "Tag der Staatsanleihen" hatte wenig Erfolg. Italienische Banken und der Fußballverband unterstützen diese Kampagne. Am 12. Dezember haben Anleger nochmal die Chance, gebührenfrei zu investieren. Ein Bankdirektor des Geldinstituts Intesa Sanpaolo sagte AFP, er habe eigentlich „viel Bewegung“ erwartet. „Aber bislang ist die Nachfrage sehr gering, soviel ich weiß.“

"Die italienischen Sparer sind möglicherweise Anleihegläubiger letzter Instanz, nachdem die Banken und institutionellen Anleger ihre Bestände an Staatspapieren reduzieren", erläutert Wolfram Mrowetz, der Vorsitzende der Investmentgesellschaft Alisei SIM in Mailand. In Italien besitzen Privatanleger Staatsanleihen von 223 Mrd. Euro, das sind etwa 14 Prozent des Gesamtvolumens, rechnet die Nachrichtenagentur Bloomberg vor.

Als weiteren Krisenkandidaten haben die Finanzmärkte in den vergangenen Wochen Belgien ins Visier genommen. Das Euro-Land hat Investoren bei einer Auktion zehnjähriger Staatsanleihen so hohe Zinsen wie seit über zehn Jahren nicht mehr bieten müssen. Die Rendite lag bei 5,659 Prozent, wie die nationale Schuldenagentur in Brüssel mitteilte. Dies ist der höchste Wert seit Anfang 2000. Mit der Emission nahm der belgische Staat 450 Millionen Euro auf. Ende Oktober hatte die Rendite bei einer ähnlichen Auktion noch deutlich niedriger bei 4,372 Prozent gelegen. Neben der zehnjährigen Anleihe versteigerte Belgien am Montag weitere Papiere mit Fälligkeiten von 2018 bis 2041. Das Gesamtvolumen lag bei rund zwei Milliarden Euro.

Wegen des seit eineinhalb Jahren anhaltenden Tauziehens um eine neue Regierung ging das Vertrauen der Investoren zuletzt kontinuierlich zurück. Die Ratingangentur S&P hatte Belgiens Kreditwürdigkeit am Freitag auf „AA“ von „AA+“ herunter gestuft. Heute fand somit die erste Anleiheemission mit dem schlechteren Rating statt. Zumindest ein positives Signal hat die Politik am Wochenende gegeben: Die zerstrittenen Parteien haben sich auf Maßnahmen zur Reduzierung des Haushaltsdefizits geeinigt. In der vergangenen Woche waren die belgischen Renditen auf den höchsten Wert seit elf Jahren geklettert.

Kommentare (23)

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Account gelöscht!

28.11.2011, 13:37 Uhr

Es stellt sich mir immer wieder dies Fragen: Wem dient diese Euro-Krise? Ist der Nutznießer nicht auch derAuslöser?

Mazi

28.11.2011, 13:54 Uhr

Bevor die Ratingagenturen es ausgesprochen haben, haben die Märkte bereits reagiert.

Dass selbst der Bund seine Anleihen nur noch teilweise am Markt plazieren konnte, sollte Merkel der Warnung genug sein. Wenn offen gehandelt und nicht nur darüber gesprochen wird, dass sie nicht mehr in der Lage ist, Deutschland zu vertreten, dann geht's schnell.

Auf der verbalen Ebene traut niemand mehr Frau Merkel die Kompetenz zu, das Thema mangels Kompetenz zu lösen. Makaber kristisch wird es dann, wenn selbst richtige Schlussfolgerungen abgestraft werden. Typisches Beispiel ist unser Augenarzt, Herr Rösler. Er hat von der geordneten Insolvenz gesprochen und wurde dafür (seine Partei jedenfalls) gehörig abgestraft. Frei nach dem Motte: Ist der Ruf mal ruiniert ...

Profit

28.11.2011, 14:42 Uhr

Die Politik fährt die europäische Wirtschaft weiter voll gegen die Wand. Wenn der Euro ein politisches Projekt war, muß er auch politisch hinterfragt werden. Wie bei Stuttgart 21: Volksabstimmung in Deutschland über die Beibehaltung des Euros jetzt! Mal schauen wie das so ist mit der Bürgerbereiligung bei den ach so demokratischen Parteien.

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