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21.01.2004

07:00 Uhr

Europaabgeordnete will Kurszettel säubern

Sex und die Börse

VonChristian Schnell

Der Vorschlag stammt tatsächlich aus dem Jahr 2004 und keinesfalls aus den prüden Fünfzigern des vorigen Jahrhunderts, wie zu vermuten wäre: Aktien der Sexindustrie – also von Beate Uhse, deren Tochter Erotic Media oder der spanischen Private Media – sollten nicht mehr an europäischen Börsen gelistet werden dürfen.

HB FRANKFURT. Dieser Vorschlag stammt keineswegs von religiösen oder ethischen Fundamentalisten, sondern von der Schwedin Marianne Eriksson, die Europaabgeordnete der „Nordischen Grünen Linke“ ist.

Die stellte einen so genannten Initiativbericht vor, in dem es allen Ernstes heißt, „dass es Unternehmen, deren Gewinn aus dem Verkauf von Menschen stammt, angesichts der hohen Marktdurchdringung der Sexindustrie und den teilweise hohen Umsatzquoten verboten werden soll, sich in irgendeinem EU-Land an der Wertpapierbörse etablieren zu können“. Wohlgemerkt: Es handelt sich hierbei nicht um die Einzelmeinung einer Hinterbänklerin – über das Börsenverbot für Sexaktien wurde während einer öffentlichen Anhörung im EU-Parlament diskutiert! Und die irische EU-Ratspräsidentschaft signalisierte sogleich, dass sich sich des Problems während ihrer Amtszeit bis Ende Juni annehmen will.

Trotzdem besteht bei Tageslicht betrachtet wohl keine Gefahr, dass Beate Uhse & Co. bald von den europäischen Kurszetteln verschwinden werden. Der irische Staatsminister in Brüssel, Willey O’ Dea, räumte bereits ein, dass es schwer sein werde, einen gemeinsamen Nenner zu diesem Thema zu finden. Und die europäischen Grünen stellten klar, dass es sich bei der „Nordischen Grünen Linken“ um eine Splittergruppe handele, die nichts mit ihnen zu tun habe.

Interessant ist der Gedanke trotzdem, was denn wohl passieren würde, sollte unerwarteterweise der „Initiativbericht“ von Frau Eriksson doch die Hürden über Ausschuss und Plenum nehmen. Beate Uhse beispielsweise müsste ihre Papiere nicht mehr über die Börse, sondern in den eigenen Shops handeln. Erfahrungen hat man ja, wurden doch bei Börsengang im Mai 1999 auch effektive Stücke dort verkauft. Bei Private Media böte sich der Handel über das Internet an.

Des weiteren darf bereits spekuliert werden, was nach dem erzwungenen Börsenverbot der Sex-Industrie als nächstes folgen wird. Die Alkohol-, aber auch die Tabakindustrie gelten bereits als heiße Kandidaten für den Rauswurf von der Börse. Die Rüstungsindustrie selbstredend auch. Dann müsste natürlich über die gesamte chemische Industrie nachgedacht werden, da diese allerhand Gesundheitsschädliches bis hin zu chemischen Waffen herstellt. Hotels stehen ebenfalls auf der Ausschlussliste, sie laden mit ihren vielen Betten geradezu zu unsittlichem Handeln ein. Und auch die Flughafenbetreiber sind kaum mehr tragbar, geben sie doch in ihren Dutyfree-Shops vor allem Alkohol und Zigaretten zu günstigen Preisen ab.

Am Ende würden an der Börse nur noch Aktien gehandelt, die den Anforderungen von Sitte und Moral entsprächen. Viele wären es nicht mehr, und ob mit ihnen Geld zu verdienen wäre, ist eher unwahrscheinlich. Doch glücklicherweise wird dies eine Fiktion bleiben, die unter Börsianern mehr Erheiterung denn Entsetzen auslöst. Ein Kurseinbruch bei Beate Uhse & Co. aus obigen Gründen blieb jedenfalls bislang aus. Nicht zu erwarten ist außerdem, dass schon bald von Börsenseite der Vorschlag kommt, man möge sich doch bitte künftig unter Europaabgeordneten nur noch mit wirklich wichtigen Dingen beschäftigen.

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