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27.01.2012

20:15 Uhr

Europäische Staatsanleihen

Ist die griechische Grippe immer noch ansteckend?

VonMartin Dowideit

Spanien und Italien müssen deutlich weniger Zinsen für ihre Staatsanleihen bezahlen. In den vergangenen Wochen gab es eine Rally der Schuldpapiere. Warum der Optimismus trotz der Lage in Griechenland groß ist.

Investoren schicken jüngst wieder lieber Euros nach Italien und Spanien. dpa

Investoren schicken jüngst wieder lieber Euros nach Italien und Spanien.

DüsseldorfEs sind Zahlen, die beruhigend wirken. Am Freitag sind die Renditen italienischer und spanischer Staatsanleihen erstmals seit Monaten unter wichtige Schwellenwerte gefallen. So notierten zehnjährige Italien-Papiere bei 5,839 Prozent, nachdem sie am Vortag noch knapp über sechs Prozent abgeworfen hatten und Anfang Januar gar über sieben Prozent. Für  Anleihen aus Spanien ging es am Freitag gar unter die Grenze von fünf Prozent. Die zehnjährigen Titel notierten bei 4,941 Prozent – nach etwa 5,5 Prozent zu Jahresbeginn.

Die Märkte scheinen also durchzuschnaufen. Selbst die Herabstufung Italiens, Spaniens und anderer europäischer Länder durch die Ratingagentur Fitch am Freitagabend konnte die Stimmung nicht trüben. Ist also die viel beschworene Ansteckungsgefahr womöglich schon gebannt? Brauchen die größeren südlichen Euroländer die griechische Grippe nicht mehr zu fürchten? Darauf deuten tatsächlich einige Indizien hin.

Die Verhandlungen mit den privaten Gläubigern Griechenlands laufen wohl auf eine Einigung an diesem Wochenende hinaus. Damit wäre eine der größten Unsicherheiten in der Staatsschuldenkrise gebannt. „Viele Investoren hatten sich ja inzwischen auf eine Hängepartie bis Mitte März eingestellt. Jetzt keimt doch Hoffnung auf, dass schon vorher eine Lösung gefunden wird“, sagte ein Händler.

Fragen und Antworten zur Kreditwürdigkeit

Warum sind Bonitätsnoten für ein Land wichtig?

Die Noten der drei führenden Agenturen S&P, Moody's und Fitch sind maßgeblich für die Finanzierungskosten der Staaten am Kapitalmarkt. Die Faustregel: Je besser die Bonitätsnote, desto günstiger das Zinsniveau, zu dem ein Land Geld aufnehmen kann.

Gilt diese Faustregel immer?

Es gibt Ausnahmen: So haben die USA trotz immenser Verschuldung und einer Herabstufung durch S&P im vergangenen Sommer nach wie vor keine Probleme, günstig Mittel einzusammeln. Die weltgrößte Volkswirtschaft gilt weiter als „sicherer Hafen“, weil der US-Dollar die globale Leitwährung ist und die Notenbank Fed bereit ist, ihn in unbegrenzten Mengen zu drucken. Diese Quasi-Versicherung gegen einen Zahlungsausfall für US-Staatsschulden überzeugt internationale Gläubiger bislang noch - zumal die Alternativen rar sind.

Welche Konsequenzen hat die S&P-Drohung für die „AAA“-Euroländer?

Die Wahrscheinlichkeit liegt nun laut S&P bei 50 Prozent, dass die verbleibenden Euro-Staaten mit Spitzenbonität ihre Bestnote in den kommenden 90 Tagen verlieren. Das sind neben Deutschland Frankreich,Österreich, Luxemburg, die Niederlande und Finnland. Frankreich, das bereits seit längerem unter Abwertungsdruck steht, könnte sogar gleich um zwei Bonitätsstufen abgesenkt werden. Zudem hat in Moody's auch die zweite große Ratingagentur das Land auf dem Kieker. Für die Euro-Rettung ist dies äußerst brisant: Mit Frankreich wackelt die zweitwichtigste Finanzierungssäule des Krisenfonds EFSF.

Was wird ohne Top-Rating aus dem Euro-Rettungsschirm?

Für den EFSF hätte ein Verlust der Spitzenbonität weitreichende Folgen. Die Topnoten der Ratingagenturen sind Voraussetzung, damit der Krisenfonds mit maximaler Schlagkraft agieren kann. Eine Herabstufung der wichtigsten Garantiegeber Deutschland und Frankreich würde auch die Note des EFSF gefährden und damit das Aus des Rettungsschirms in seiner bisherigen Konstruktion bedeuten.

Wie begründet S&P seine Entscheidung?

Der Ratingagentur zufolge haben die Probleme im Euroraum ein Maß erreicht, das die Währungszone als Ganzes unter Druck setzt. S&P kritisiert auch unkoordiniertes und unentschlossenes Handeln der Politiker. Es gebe zudem das Risiko, dass die Eurozone im kommenden Jahr in die Rezession rutsche. Auch Deutschland könnte nach Einschätzung der Agentur in den Abwärtssog geraten.

Ist der Rundumschlag der Ratingagentur angebracht?

Experten sind sich uneins: Die Commerzbank-Analysten bezeichnen den Vorstoß als „aggressiv“, aber vertretbar. Er unterstreiche, „dass es in dieser Krise kein Entrinnen gibt - nicht einmal für die absoluten Top-Credits in der Eurozone“. Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank, hat dagegen kein Verständnis. Angesichts der jüngsten Entspannung in der Schuldenkrise liefere S&P in seiner Begründung „schlichtweg und ergreifend Unwahrheiten“.

Warum droht S&P direkt vor dem nächsten EU-Gipfel mit Abstufungen?

Damit setzt die Ratingagentur die Euro-Retter unter Handlungsdruck. Das Unternehmen weist darauf hin, dass die Gipfel-Ergebnisse entscheidend für die weitere Bewertung der Länder der Eurozone seien. Kanzlerin Angela Merkel und dem französischen Präsident Nicolas Sarkozy könnte die Drohung zur Unzeit sogar in die Karten spielen. Merkel liefert sie Argumente dafür, die europäischen Verträge zugunsten von mehr Haushaltsdisziplin und automatischen Schuldenbremsen zu ändern. Sarkozy stärkt sie innenpolitisch den Rücken, um die Sparanstrengungen zu forcieren.

Welche Länder haben überhaupt noch Top-Bonitätsnoten?

Weltweit verfügen noch nicht einmal 20 Staaten über ein „AAA“-Rating von S&P, dazu zählen aber auch einige Steueroasen und Zwergstaaten. In Europa verfügen - noch - zwölf Länder über ein Top-Rating. Von den großen Industrie- und Schwellenländern (G20) sind es fünf. Dazu gehören Deutschland, Frankreich, Kanada, Australien und Großbritannien. Industriegiganten wie die USA („AA+“), China („AA-“) oder Japan („AA-“) sind nicht darunter. Investoren reagieren jedoch häufig erst auf Herabstufungen, wenn mindestens zwei Agenturen sie vornehmen. Die USA beispielsweise werden von Fitch und Moody's bislang noch mit „Triple A“ bewertet.

Worauf gründen Ratingagenturen eigentlich ihre Entscheidungen?

Grundsätzlich legen die großen Agenturen ihre Methodik nicht im Detail offen. Kritiker bemängeln besonders im Zusammenhang mit der Schuldenkrise im Euroraum, dass die Ratingunternehmen lediglich den Marktentwicklungen folgen und auf neue Zuspitzungen reagieren, auch wenn diese fundamental nicht immer gerechtfertigt seien. Experten sehen den harten Kurs allerdings auch im Zusammenhang mit den laschen Bewertungsstandards während der US-Hypothekenkrise waren. Damals mussten sich die Bonitätsprüfer häufig den Vorwurf gefallen lassen, riskante Papiere tendenziell zu positiv zu bewerten.

Am 20. März muss Griechenland Schulden über 14,5 Milliarden Euro begleichen und braucht dafür neue Überweisungen von seinen internationalen Geldgebern. Diese haben ihre Zahlungen aber von einer Einigung mit den privaten Gläubigern abhängig gemacht.

Das erste Anzeichen für eine deutliche Beruhigung an den Märkten für Staatsanleihen hatte es am 12. Januar gegeben. Spanien hatte für Schuldpapiere mit einer Laufzeit bis Mitte Juni 2015 nur 3,38 Prozent Zinsen zahlen müssen nach über fünf Prozent für vergleichbare Papiere im Dezember.

Der Chart zeigt die Rendite zehnjähriger italienischer Staatsanleihen in den vergangenen vier Monaten. Seit Jahresbeginn gibt es für sie nur einen Weg - nach unten. Screenshot

Der Chart zeigt die Rendite zehnjähriger italienischer Staatsanleihen in den vergangenen vier Monaten. Seit Jahresbeginn gibt es für sie nur einen Weg - nach unten.

Marktbeobachter führten das zwar maßgeblich darauf zurück, dass die Europäische Zentralbank den Geschäftsbanken im Dezember erstmals über drei Jahren Geld geliehen hatte – und zwar gleich fast 500 Milliarden Euro. Die immense Summe konnten die Geldhäuser in wenigen Wochen nicht in Kredite umwandeln und suchten nach Anlagemöglichkeiten.

Zum einen schauten sie zur EZB selbst, die absolute Sicherheit verspricht, aber für Übernachteinlagen nur mickrige Zinsen bietet. Staatsanleihen könnten sich da als willkommene Alternative angeboten haben.

Kommentare (9)

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schlaumeier

27.01.2012, 20:16 Uhr

Das Handelsblatt sollte doch mal recherchieren, wer den Müll von Anleihen kauft. Natürlich die Banken, wie von der EZB vorgesehen. Mittlerweile schreibt das Handelsbaltt wie eine Schülerzeitung, allen voran ihr Oberschreiben GABOR. Der gute Mann hat nun wirklich den "Schuss" nicht gehört.

www.steuerembargo.co.de

27.01.2012, 20:32 Uhr

Das HB ist nichts anderes als als ein systemkonformes Blatt. Wer moeglichst objektiv informiert werden moechte, kann sich hier allenfalls die Themen holen um dann zu recherchieren.
So vorgegangen kommt man zu staunenswerten Ergebnissen!

@dummmeier

27.01.2012, 20:46 Uhr

Der einzige, der den Schuss noch nicht gehört hat sind Sie, Dünnbrettborer!

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