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12.07.2011

15:40 Uhr

Eurozone

Schuldenkrise hält Märkte in Atem

Eine Lösung der Probleme der Eurozone ist in weiter Ferne. Dabei gibt es kaum eine Nische im gesamten Markt, die die Nervosität der Anleger noch nicht berührt. Heute ist ein Beben durch die Märkte gegangen.

Der Euro ist derzeit schwer gebeutelt. Quelle: dpa

Der Euro ist derzeit schwer gebeutelt.

FrankfurtDie Schuldenkrise in Europa hat die Finanzmärkte am Dienstag durchgerüttelt. Anleger fürchteten, dass sich ein Übergreifen auf andere Sorgenkinder der EU kaum noch vermeiden lässt. „Weil nun auch Italien massiv unter Druck steht, ist die Unsicherheit einfach wahnsinnig groß“, sagte ein Händler. Im Handelsverlauf machten sich aber Hoffnungen auf Fortschritte bei der Bekämpfung der Krise breit, nachdem ein EU-Diplomat in Brüssel einen Sondergipfel zu dem Thema für Freitag ankündigt hatte.

Sorge um Italien erschüttert die Börsen

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Der Dax rutschte bei hohen Umsätzen zeitweise um mehr als drei Prozent ab unter die Marke von 7000 Punkten. Bis zum Nachmittag notierte der deutsche Leitindex noch 0,8 Prozent schwächer bei 7173 Punkten. Bereits am Vortag hatte er über zwei Prozent verloren. Der italienische Leitindex rauschte in der Spitze um 4,8 Prozent die Tiefe und notierte damit so niedrig wie seit April 2009 nicht mehr. Seit Monatsbeginn hat er mehr als neun Prozent verloren. An den US-Börsen zeichnete sich ein etwas schwächerer Handelsstart ab.

Die Rendite der italienischen zehnjährigen Staatsanleihen kletterte mit sechs Prozent auf den höchsten Stand seit 14 Jahren. Auch hier beruhigten sich die Kurse wieder, nachdem eine Auktion von italienischen Staatsanleihen mit zwölfmonatiger Laufzeit nach Meinung von Börsianern erfolgreich verlaufen war. Allerdings war die Rendite der Papiere mit 3,67 Prozent so hoch wie seit September 2008 nicht mehr. Der Euro fiel auf ein Vier-Monats-Tief von 1,3838 Dollar, kämpfte sich am Nachmittag aber wieder an die Marke von 1,40 Dollar heran.

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Wie Dominosteine fällt ein europäischer Finanzwert nach dem anderen: Nervosität um den Stresstest und das italienische Kapitel der Euro-Schuldenkrise haben die Aktien in den vergangenen Tagen weit nach unten gedrückt.

Die wachsenden Sorgen vor einem Staatspleite Italiens hatten den Ausverkauf an den Märkten zuletzt beschleunigt. Das Mittelmeerland drückt ein Schuldenberg von rund 120 Prozent des jährlichen Bruttoinlandprodukts.Sollte Italien nun in den Teufelskreislauf steigender Zins- und Schuldlasten geraten, wären die Folgen weitaus gravierender als beim kleineren Griechenland. Experten gehen davon aus, dass der Euro-Rettungsschirm mit einer faktischen Staatspleite dieser Größe überfordert wäre.

Der Schuldenberg Italiens

Gegenwind an den Kapitalmärkten

Mit bangem Blick verfolgt Italien die steigende Nervosität an den Märkten, denn mit höheren Risikoaufschlägen für Italiens Anleihen steigen auch die Refinanzierungskosten. Hier ein kurzer Überblick über den Schuldenberg des Landes und wie es an frisches Geld kommt.

Italien in „schlechter Gesellschaft“

Ende 2010 erreichte der Schuldenstand des Staates bereits 119 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und wird wohl dieses Jahr 120 Prozent übersteigen. Damit wäre die Quote doppelt so hoch wie im Maastrichter EU-Vertrag erlaubt. Italiens Schuldenberg reicht aber noch nicht an die gigantische Quote des von EU und IWF vor der Pleite bewahrten EU-Partners Griechenland (2010: 142,8 Prozent) heran. Auch Irland (EU-Prognose für 2011: 112,0 vH) und Portugal (101,7 vH) werden voraussichtlich Ende dieses Jahres mehr Schulden angehäuft haben, als sie an Wirtschaftsleistung auf die Waage bringen.

Inländische Gläubiger stützen

83 Prozent der Schuldensumme Italiens von 1,843 Billionen Euro wurden 2010 nach Informationen des Wirtschafts- und Finanzministeriums über Staatstitel abgedeckt. Den Großteil davon halten Gläubiger im Inland. Damit konnte sich das Land bislang sozusagen am eigenen Schopf aus dem Schuldensumpf ziehen.

Absturzgefahr

Doch das Freiburger Centrum für Europäische Politik (CEP) verweist darauf, dass das Land schon seit zwei Jahren mehr Kapital im Ausland leiht als es für Investitionen in die Erweiterung der Produktionskapazitäten ausgibt. „Wenn sich um Italien nicht schnell etwas tut, gleitet das Land bereits 2011 in die unterste Risikokategorie ab, in der sich Griechenland, Portugal, Zypern und Malta befinden“, warnte CEP-Vorstandschef Lüder Gerken.

Anstehende Emissionen

Paolo Bonaiuto, der Berater des italienischen Regierungschefs Silvio Berlusconi, beziffert die Gesamtsumme an Emissionen „in den kommenden Monaten“ auf 120 bis 130 Milliarden Euro. Von Juli bis September sollen allein mit der Ausgabe neuer Anleihen insgesamt 40 Milliarden Euro in die Staatskasse wandern. Zudem behält sich die Regierung vor, weitere Neuemissionen aufzulegen. Außerdem will der Staat durch die Aufstockung laufender Anleihen zusätzlich frisches Geld bei Investoren einsammeln.

Nach Einschätzung von Händlern hoffen die Märkte jedoch, dass die EU die Krise doch noch in den Griff bekommt. Auch Aussagen des luxemburgischen Finanzministers Luc Frieden, wonach in der Euro-Zone kein Land pleite gehe, beruhigte die Investoren etwas. Sein niederländische Finanzminister Jan Kees de Jager hatte am Morgen mit der Aussage, dass ein selektiver Zahlungsausfall Griechenlands nicht mehr ausgeschlossen sei, die Nervosität der Märkte erhöht.

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