Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

11.03.2016

08:38 Uhr

EZB-Zinsentscheidung

Der Volkswirt, der (fast) alles kommen sah

Etwa 60 Volkswirte hatte eine Nachrichtenagentur im Vorfeld der EZB-Zinsentscheidung zu ihren Erwartungen befragt: Nur einer hatte eine verblüffende Treffergenauigkeit. Hier erklärt er, warum.

Entscheidung am Donnerstag: Leitzins 0,00 Prozent, Anleihekäufe aufgestockt, Strafzins auf minus 0,4 Prozent erhöht. dpa

EZB-Zentrale in Frankfurt

Entscheidung am Donnerstag: Leitzins 0,00 Prozent, Anleihekäufe aufgestockt, Strafzins auf minus 0,4 Prozent erhöht.

FrankfurtFrederik Ducrozet, leitender Ökonom Europoa bei Pictet Wealth Management in Genf, prognostizierte vier Komponenten der geldpolitischen Lockerung, die EZB-Präsident Mario Draghi am Donnerstag bekanntgab. Lediglich die Senkung des Hauptrefinanzierungssatzes sah er nicht voraus, sondern rechnete mit einem unveränderten Leitzinssatz.

Ducrozet erwartete eine Senkung des Einlagensatzes um zehn Basispunkte, eine Anhebung der Wertpapierkäufe der EZB um 20 Millilarden Euro monatlich, die Aufnahme von Unternehmensanleihen in das Kaufprogramm der Notenbank, und ein neues Programm gezielter längerfristiger Refinanzierungsoperationen (TLTRO) zu gelockerten Bedingungen. All dies verkündete Draghi am Donnerstagnachmittag.

Beschlüsse der EZB am 10. März 2016

Niedrigerer Leitzins

Die EZB senkt den Leitzins von 0,05 auf 0,00 Prozent. Der Schritt selbst hat wenig direkte Auswirkungen. Hierbei geht es vor allem um das damit verbundene Signal, dass die EZB entschlossen handelt.

Höherer Strafzins

Die EZB senkt den Einlagenzins im Euro-Raum von minus 0,3 auf 0,4 Prozent. Das heißt: Banken, die über Nacht Geld bei der EZB parken, zahlen dafür eine noch höhere Strafe. Damit will die Notenbank die Geldhäuser dazu animieren, mehr Kredite zu vergeben, statt überschüssige Liquidität bei ihr zu horten. Je höher die Strafe, desto stärker der Anreiz, so das Kalkül. Allerdings belastet dies den labilen Bankensektor. Deshalb war im Vorfeld der Ratssitzung auch über eine Staffelung des Einlagezinses diskutiert worden, ähnlich wie in der Schweiz. Dabei würde der negative Einlagenzins erst dann greifen, wenn die bei der Notenbank geparkte Liquidität einer Bank eine bestimmte Obergrenze überschreitet.
Draghi hat sich aber gegen ein solches Modfell entschieden. Dies sei in einer Währungsunion mit sehr unterschiedlichen Banken nur schwer umzusetzen, sagte er.

Mehr Anleihenkäufe

Die EZB weitet das Volumen ihrer monatlichen Anleihekäufe von 60 auf 80 Milliarden Euro aus. Dadurch erhöht sich Gesamtvolumen bis März 2017 um 240 Milliarden auf 1,74 Billionen Euro. Anleihekäufe seien ein Signal, das der Markt versteht, hatte der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding im Vorfeld gesagt.

Dieser Schritt galt aber als durchaus umstritten. Für die Deutsche Bundesbank, die eine weitere Lockerung der Geldpolitik kritisch sieht, ist diese Pille schwerer zu schlucken, als die Senkung des Einlagenzinses. Draghi sagte jedoch, der EZB-Rat habe die Maßnahmen mit einer „überwältigenden Mehrheit“ beschlossen. Durch das höhere Volumen stößt die EZB bei ihren Käufen schneller an Grenzen: Ihren selbst auferlegten Regeln zufolge darf sie keine Bonds kaufen, deren Zinsen unter dem Einlagesatz liegen (jetzt minus 0,4 Prozent). Und sie darf auch nicht mehr als 33 Prozent der ausstehenden Anleiheschulden eines Landes erwerben.

Bei Anleihen von internationalen Organisationen oder Entwicklungsbanken wie der Europäischen Investitionsbank (EIB) weitet sie dieses Limit nun auf 50 Prozent der ausstehenden Anleihen aus.

Firmenanleihen

Um Knappheit zu verhindern, weitet die EZB außerdem die Auswahl der von ihr gekauften Anleihen aus. Im Dezember hat sie das Sortiment bereits um Anleihen von Regionen und Kommunen im Euro-Raum erweitert. Nun kauft sie außerdem auch von in Euro notierenden Unternehmensanleihen mit gutem Rating (Investment Grade).

Kredite zum Traumtarif

Die EZB weitet ihr Programm aus, mit dem sie Banken zu sehr günstigen Konditionen langfristig Geld leiht, wenn sie mehr Kredite vergeben. Ab Juni sollen vier spezielle Kreditlinien – im Fachjargon TLTRO II genannt – für die Finanzinstitute mit einer Laufzeit von vier Jahren aufgelegt werden. Die Kosten orientierten sich am Einlagenzins, den die EZB jetzt auf minus 0,4 Prozent gesenkt hat. Banken können also Geld damit verdienen, sich Geld zu leihen.

Bereits seit 2014 bieten die Währungshüter gezielte Geldspritzen an. Sie sollen Geschäftsbanken dazu bewegen, mehr Kredite an Firmen zu vergeben. Allerdings brauchen viele Banken gar nicht mehr Liquidität. Dies hilft deshalb wohl lediglich einigen angeschlagenen Instituten.

„Ich habe gleich nach der Sitzung im Dezember mit einem weiteren Paket gerechnet, und nach der Pressekonferenz vom 21. Januar war ich noch stärker davon überzeugt“, sagte Ducrozet in einem Interview nach der EZB-Mitteilung.

Eine wichtige Größe, die er benutzte, sei die nachlassende Dynamik bei der Kerninflation gewesen, erläutert er. „Die Begründung für ein großes Maßnahmenpaket lag nicht in der aktuellen Konjunktur- und Finanzlage, die weiterhin recht ordentlich sind, sondern in den Risiken für den Ausblick, unter anderem was die Inflationserwartungen betraf.“

EZB-Chef Draghi und die Minuswelt: Das gefährliche Spiel mit dem Geld deutscher Sparer

EZB-Chef Draghi und die Minuswelt

Premium Das gefährliche Spiel mit dem Geld deutscher Sparer

Wie EZB-Chef Mario Draghi die größte Vermögensumverteilung im Europa der Nachkriegsgeschichte betreibt.

Lediglich beim Leitzins lag er daneben und rechnete mit einem unveränderten Wert – stattdessen senkte die EZB den Leitzins von 0,05 auf 0,0 Prozent. „Ich habe keine Senkung des Haupt-Refi-Satzes erwartet, oder einen negativen Zinssatz bei TLTROs, obwohl das Ergebnis meinen Hoffnungen recht nahe kommt“, beschreibt Ducrozet. „Die neuen Maßnahmen werden die Kosten der negativen Zinssätze reduzieren, vor allem für Banken aus der Euroraum-Peripherie, und gleichzeitig neue Anreize für die Banken schaffen, Kredite zu vergeben.“

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×