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23.04.2015

17:25 Uhr

Festnahme von Flash-Crash-Händler

Schwäche der Aufsicht im Fokus

Nach der Verhaftung des Börsenhändlers Navinder Singh Sarao im Zusammenhang mit dem „Flash Crash“ stehen die Aufsichtsbehörden in der Kritik. Möglicherweise war lange vor 2010 bekannt, dass Sarao die Märkte manipulierte.

In Großbritannien wurde ein Wertpapierhändler verhaftet. ap

„Flash Crash“

In Großbritannien wurde ein Wertpapierhändler verhaftet.

Shayne Stevenson ist Anwalt eines Whistleblowers im Fall des festgenommenen, mutmaßlichen Flash-Crash-Verursachers. Er behauptet, erst die Hinweise seines Mandanten hätten die Behörden auf die Spur Saraos gebracht. Die Möglichkeit, dass ein Einzelner die Verwerfungen ausgelöst haben könnte, hätten die Aufsichtsbehörden gar nicht erwogen.

Aufseher seien auf das Handelsgebaren von Sarao bereits 2009 aufmerksam geworden. Damals hätten Vertreter von CME Group, dem in Chicago ansässigen Betreiber des Handelsplatzes, auf dem Sarao seine problematischen Geschäfte betrieb, beobachtet, wie er Aufträge in großer Zahl platziert und widerrufen habe.

Sie hätten Sarao davor gewarnt, Aufträge in betrügerischer Absicht zu erteilen. Dies geht aus einer eidesstattlichen Erklärung hervor, die gegenüber dem amerikanischen FBI abgegeben wurde. Nach Angaben der Behörde fuhr Sarao fort, die Märkte bis März 2014 zu manipulieren.

„Wie das sechs Jahre weitergehen konnte, wenn die CME offenbar davon Kenntnis hatte, das bereitet mir regelrecht Kopfzerbrechen“, sagte Dave Lauer von der Lobbying- und Researchfirma Kor Group in Beverly Hills im US-Bundesstaat Kalifornien. „Es ist in etwa das einfachste Szenario, und sie haben so lange gebraucht, um etwas zu unternehmen.“

Nach Angaben des FBI hatten Börsenbetreiber in den USA und Europa, darunter CME, beobachtet, dass Sarao möglicherweise die Märkte manipulierte. Sie setzten dessen Broker davon in Kenntnis. Daraufhin teilte Sarao seinem Broker mit, er habe sich bei CME gemeldet und ihnen sinngemäß mit dem Zitat des Götz von Berlichingen geantwortet, heißt es in der eidesstaatlichen Erklärung dazu.

Ein möglicher Grund dafür, dass Saraos Aktivitäten den Aufsehern verborgen blieben, könnte nach Angaben des ehemaligen Chefökonomen der US-Terminmarktaufsicht Commodities Futures Trading Commission (CFTC), Andrei Kirilenko, darin begründet sein, dass die Aufseher unvollständige Daten untersuchten. Kirilenko war Mitautor des Berichts.

Die größten Börsenpannen

Nasdaq lahmgelegt

Ein Softwarefehler führt dazu, dass die US-Börse Nasdaq im August 2013 einige Stunden den Handel komplett einstellen muss. Nach der Wiederaufnahme des Handels steigt der Markt – die Aktie des Börsenbetreibers aber verliert.

Dow Jones (2013)

Am 23. April 2013 meldete der Twitter-Account der US-Nachrichtenagentur eine Explosion im Weißen Haus. Die Meldung war jedoch falsch – Hacker hatten das Nutzerkonto übernommen. Dennoch brach die Börse innerhalb von Sekunden um mehr als ein Prozent ein. Möglicher Grund: Computer werteten die Meldung als wahr und lösten Verkaufssignale aus.

Kraft-Aktie (2012)

4. Oktober 2012: Die Nasdaq und mehrere andere Börsen haben nach einem ungewöhnlichen Kurssprung von Kraft Foods einen Teil des Handels mit der Aktie annulliert. Grund für den plötzlichen Anstieg der Papiere von 45,55 auf 58,54 Dollar war nach Angaben der US-Technologiebörse der Fehler eines Börsenmaklers. Nähere Angaben machte sie nicht. „Die Systeme von Nasdaq haben normal funktioniert und der Prozess der Industrie zum Umgang mit solchen Angelegenheiten verlief wie geplant“, hieß es in einer Erklärung.

Software-Panne bei Knight Capital (2012)

Durch einen Fehler hatte die Knight-Software enorm viele Orders platziert, die heftige Kursschwankungen auslösten. Dem Treiben konnte erst nach einer Dreiviertelstunde ein Ende gesetzt werden. In dieser Zeit hatten sich bereits 440 Millionen Dollar Verlust angehäuft, die das US-Brokerhaus fast zum Zusammenbruch brachten.

Das Facebook-Desaster (2012)

Die Erfolgsstory von Facebook bekam an der Börse einen starken Dämpfer. Nach gravierenden Pannen im Handelssystem der Technologiebörse Nasdaq in New York stürzte der Kurs des Börsenneulings rapide in die Tiefe. Beteiligte Firmen erlitten Millionen-Verluste. Die Schweizer Großbank UBS, die 290 Millionen Euro verlor, drohte sogar mit einer Klage gegen die Börse.

Pannen-Start für BATS (2012)

Die Erstnotiz der drittgrößten US-Börse BATS Global Markets im März 2012 endete mit einem Totalschaden. Die neuen BATS-Aktien sackten innerhalb weniger Minuten von 16 Dollar auf unter einen Cent. Schuld daran war eine neue Software. BATS musste die falschen Transaktionen zurücknehmen - und nahm dabei die eigenen Aktien gleich mit von der Börse

Fünf-Minuten-Chaos bei der Citigroup durch Kursrutsch

Die Aktien der Citigroup fielen im Juni 2010 nach Massenverkäufen durch elektronische Handelssysteme zeitweise um 17 Prozent. Doch da die Börsenaufsicht SEC nach dem „Flash Crash“ bereits zuvor beschlossen hatte, Aktien aus dem Index S&P 500 vom Handel auszusetzen, falls diese innerhalb von fünf Minuten mehr als zehn Prozent steigen oder fallen, stoppte das Sicherungssystem den Kursrutsch. Der Handel stand fünf Minuten lang still. Am Ende des Tages lag die Citigroup-Aktie sieben Prozent im Minus.

Flash Crash, 2010

Der „Flash Crash“ wurde im Mai 2010 durch den Hochfrequenzhandel ausgelöst: Durch einen blitzartigen Kurseinbruch lösten sich innerhalb weniger Minuten fast eine Billion Dollar Marktwert in Luft auf. Der Kurs des Dow Jones fiel um rund 1.000 Punkte. Einige Aktien verloren in der Zeit rund die Hälfte ihres Wertes. Der Spuk dauerte eine halbe Stunde lang an. Der sogenannte Hochfrequenzhandel, bei dem Tausende Transaktionen binnen Millisekunden durch Computer ausgelöst werden, stand schon vorher in der Kritik.

Strafe für Morgan Stanley (2007)

Morgan Stanley musste im Februar 2007 für den Fehler eines Händlers 300.000 Dollar Strafe an die Börse New York zahlen. Der Banker wollte einen Order über 100.000 Wertpapiere abgeben, übersah aber automatischen Multiplikator von 1000. Dementsprechend hatte seine Order einen Wert von 10,8 Milliarden Dollar statt der gewünschten 10,8 Millionen Dollar. Erst nachdem Aktien im Wert von 875,3 Millionen Dollar den Besitzer gewechselt hatten, wurde der Fehler bemerkt. Die Bank hat die Handelsvorschriften am Desk seitdem deutlich verschärft.

Football vermasselt 50 Millionen Dollar Deal

Ein äußerst ungewöhnliches Missgeschick passierte einem Händler der Bank of America im September 2006. Er wartete auf die Anordnung seines Vorgesetzten, um einen fertig vorbereiteten Deal über 50 Millionen Dollar abzuschließen. Es fehlte nur noch der Druck auf die Enter-Taste. Während er wartete, warf ein Trainee einen Football durch den Raum und traf die Tastatur, inklusive der Enter-Taste.

Milliarden statt Millionen, 2002

Ein Händler von Bear Stearns verzählte sich im Oktober 2002 beim Verkauf von Aktien bei den Nullen und handelte sie für vier Milliarden Dollar anstelle von vier Millionen. Bevor der Vertipper auffiel, gingen bereits Wertpapiere im Wert von 600 Millionen Dollar an neue Besitzer. Dadurch sank der Leitindex Dow Jones um 2,3 Prozent.

100 Millionen für Verdreher

Im Dezember 2001 begleitete UBS Warburg den Verkauf neuer Aktien des japanischen Unternehmens Dentsu. Ein Händler vertippte sich und verkaufte statt 16 Dentsu-Aktien zu 600.000 Yen 610.000 Aktien zu je 6 Yen. Innerhalb kürzester Zeit verkaufte die USB dadurch 61.915 Aktien, was etwa der Hälfte des Emissionsvolumens entspricht. Die UBS verlor durch die Panne 100 Millionen Dollar, weil sie die Aktien zum Marktpreis zurückkaufen musste.

Lehman Banker verkauft zu viel (2001)

Ein Händler der Investmentbank Lehman Brothers verkaufte 2001 aus Versehen hundertmal mehr Aktien als er wollte. Darunter waren auch Schwergewichte wie AstraZeneca und BP. Der Banker vernichtete damit zeitweise 30 Milliarden Pfund an Börsenwert.

Tippfehler mit Folgen (1999)

Ein Aktienhändler der UBS gab im Januar 1999 zu viele Nullen in seinen Rechner ein und handelte damit innerhalb von nur zwei Minuten zehn Millionen Aktien des Pharmakonzerns Roche, obwohl nur sieben Millionen Stück existierten. Das Handelsvolumen überstieg die Marktkapitalisierung von Roche um knapp die Hälfte.

Der Schwarze Montag (1987)

Am 19. Oktober 1987 bricht der Dow Jones um fast 23 Prozent auf 1.728 Punkte ein, der größte prozentuale Tagesverlust in der Geschichte des Index. Der seinerzeit beliebte Programmhandel - eine Art Vorläufer des heutigen Algo-Tradings - hat den Absturz noch verschlimmert.

In einem Interview sagte Kirilenko, mittlerweile Professor an der Sloan School of Management, die CFTC und die US-Börsenaufsicht SEC hätten ihr Augenmerk in erster Linie auf abgeschlossene Transaktionen gerichtet. Diese hätten nicht jene der zahlreichen Aufträge erfasst, die Sarao in betrügerischer Absicht erteilt und kurz darauf storniert hatte.

Diese auch als 'Spoofing' bekannte Handelsstrategie sei nicht einmal Bestandteil der CTFC-Analyse beim Kursrutsch gewesen, sagte James Moser, Finanzprofessor an der American University, der im Mai 2010 bei der CFTC kommissarisch als Chefökonom arbeitete.

Die Prüfung im Zusammenhang mit dem Flash Crash sei die erste gewesen, bei der die Behörde das umfangreiche Orderbuch der CME durchforstet habe, sagte Moser in einem Interview. Spoofing sei 2010 nicht weit oben gestanden auf der Liste jener Themen, denen sie Beachtung schenkten, führte Moser weiter aus. Er ergänzte, dass er Zweifel daran habe, dass die Aktivitäten von Sarao die Hauptursache für den Kursrutsch gewesen seien.

Der für Überwachung bei der CFTC zuständige Direktor Aitan Goelman sagte am Dienstag in einer Telefonkonferenz mit Journalisten, Sarao habe einen erheblichen Faktor für die Ungleichgewichte am Markt dargestellt. Sarao soll sogenannte E- mini-Futures auf den S&P 500 Index gehandelt haben. Diese Terminkontrakte sind exklusiv von der CME Group gelistet.

Am Mittwoch sagte der CFTC-Vorsitzende Timothy G. Massad, die zeitliche Verzögerung zwischen der Analyse 2010 und der Verhaftung in dieser Woche sei der Komplexität der Märkte geschuldet. „Viele Faktoren haben ursächlich zu dem Flash Crash beigetragen“, sagte Massad vor Journalisten in Chicago. „Manchmal erfordert es viel Zeit, bis diese Fälle zusammengetragen werden.“

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