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15.08.2011

08:33 Uhr

Finanzmärkte

Einträgliche Gerüchte

VonFrank Wiebe

Gerüchte um Frankreich und seine Banken haben in der vergangenen Woche eine Wucht entfaltet, die man nur selten erlebt. Doch es gibt ein wirksames Mittel, um unlauteren Spekulanten das Handwerk zu legen.

Die Dax-Tafel an der Frankfurter Börse Quelle: dpa

Die Dax-Tafel an der Frankfurter Börse

Gerüchte an der Börse zu verbieten ist wahrscheinlich so aussichtsreich wie der Versuch, Prostitution mit strafrechtlichen Mitteln spürbar einzudämmen. Börsengerüchte gibt es noch nicht so lange wie die Prostitution, die ja schon im Alten Testament mehrfach erwähnt wird – aber mit Sicherheit so lange, wie es Börsen gibt, also schon seit Jahrhunderten. Der schnelle Handel lebt geradezu davon, dass einzelne Anleger plötzlich ihre Meinung ändern, dass es einen Run auf bestimmte Werte oder eine Flucht aus ihnen gibt. Und alle, die Berufe rund um die Börse ausüben, kennen das Phänomen der unglaublich guten Tipps, mit denen man reich werden kann – die aber vor allem dazu dienen, Kunden zu ködern.

Frank Wiebe ist Kolumnist Quelle: Pablo Castagnola

Frank Wiebe ist Kolumnist

In der vergangenen Woche aber haben Gerüchte um Frankreich und seine Banken eine Wucht entfaltet, die man nur selten erlebt. Tatsächlich macht sich in den meisten Ländern strafbar, wer falsche Informationen streut, um daraus einen Kursgewinn zu erzielen. Und das wirksamste Mittel gegen diese Art von Spekulation wäre, wenn ab und zu tatsächlich mal jemand, der sich in dieser Weise schuldig gemacht hat, für ein paar Jahre ins Gefängnis wandert. Aber das Risiko beim Streuen von Gerüchten ist gering, und der Ertrag kann sehr hoch sein. Denn letztlich ist es sehr schwierig nachzuweisen, wer wann was mit welcher Absicht erfunden oder einfach nur weitergesagt hat.

Die modernen Kapitalmärkte beschleunigen die Wirkung von Gerüchten noch. Das Tempo der Nachrichten, die Hebelwirkung zahlreicher „innovativer“ Produkte und die erweiterten Möglichkeiten, an fallenden Kursen zu verdienen, sind geradezu ein Paradies für die Erfinder von bösen Gerüchten. Die Politik kann nur versuchen, dieses Räderwerk hier und da etwas zu bremsen oder wenigstens transparenter zu machen. Ganz abstellen kann sie es nicht.

Was tun gegen Spekulanten?

Verbote

Leerverkäufe werden jetzt in einigen Euro-Staaten verboten. Immer wieder gibt es auch den Vorschlag, Wetten auf die Pleite einzelner Unternehmen oder sogar Staaten – bekannt unter dem Kürzel CDS – zu verbieten. Häufig bringen solche Verbote nur kurzfristig etwas, zumal sie sich oft auch umgehen lassen. Außerdem haben einige der anrüchigen Instrumente auch ihre guten Seiten, dienen etwa anderen Marktteilnehmern zur Absicherung.

Gebote

Hier gibt es eine Fülle von möglichen oder bereits beschlossenen Regeln. Die Banken werden gezwungen, ihre Geschäfte mit mehr Eigenkapital zu unterlegen. Außerdem müssen sie künftig mehr Liquidität vorhalten. In der Debatte sind auch Vorschriften, die Struktur der Konzerne so weit zu vereinfachen, dass sie im Krisenfall leichter zu zerlegen sind. Vorschriften können auch für einzelne Geschäfte sinnvoll sein – etwa das Gebot, beim Verkauf von Krediten einen Teil des Risikos in den eigenen Büchern zu behalten. Die Gefahr ist hier, dass die Geschäfte in Hedge-Fonds abwandern, die weniger Auflagen haben.

Zentrale Abwicklung

Viele Marktteilnehmer fordern selbst, bestimmte Geschäfte auf Börsen oder ähnliche Abwicklungsstellen zu konzentrieren und den unregulierten Handel zu verbieten – vor allem mit Blick auf Options- und Termingeschäfte. Eine solche zentrale Abwicklung schafft Transparenz. Sie erhöht die Sicherheit, dass auch bei einer Krise Geschäfte ordentlich abgewickelt werden. Und sie gibt der Finanzaufsicht bessere Eingriffsmöglichkeiten. Sie kann zum Beispiel die Anforderung an Sicherheitsleistungen für die Marktteilnehmer erhöhen, was manchmal eine überschießende Spekulation schlagartig stoppt.

Abgaben

Beschlossen sind in vielen Staaten schon zusätzliche Abgaben für Banken. Das allein dämmt die Spekulation allerdings nicht ein. Gut gemeint ist auch der alte Vorschlag einer Finanzmarkt-Transaktionssteuer, Tobin Tax genannt. Dabei gibt es zwei Probleme: Erstens wirkt so eine Steuer nur, wenn sie international eingeführt wird, was wenig realistisch ist. Zweitens gibt es kaum einen Steuersatz, der für alle Bereiche des Kapitalmarkts passt, weil das Verhältnis Umsatz zu Gewinnmargen sehr unterschiedlich ist. Daher wäre eine solche Steuer nur für einzelne Segmente der Märkte denkbar – wie die altbekannte Börsenumsatzsteuer –, oder sie würde ein kompliziertes System mit einer Unmenge von Steuersätzen.

Letztlich gibt es nur ein wirksames Mittel gegen Gerüchte: klare Kommunikation. Wer eindeutig sagt, was er vorhat und wo er steht, der schützt sich am besten vor unlauteren Spekulanten. Wer das Gegenteil tut, lädt sie geradezu ein, ihre schmutzigen Spielchen zu treiben. Das gilt für Politiker wie für Manager.

Europas Politiker sind auf das Gegenteil von klarer Kommunikation spezialisiert. Das liegt nicht nur an den handelnden Personen, sondern auch an den politischen Strukturen, die die Gesprächigkeit fördern, aber klare Entscheidungen behindern. Solange sich daran nichts ändert, werden Gerüchte ein einträgliches Geschäft bleiben.


Kommentare (7)

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Predominant_Core_Capital

15.08.2011, 09:37 Uhr

Der Autor unterliegt dem Irrglauben, Kommunikation und Transparenz könnten Abhilfe schaffen. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Noch nie hat es so viel gestzlich verordnete Transparenz und Mitteilungspflichten gegeben, wie dieser Tage. Und was ist das Resultat? Das die Anleger (beabsichtigt) mit einer Vielzahl von Informationen erschlagen werden, mit deren Beurteilung sie überfordert sind. Man muss die Leute nur mit Masse erschlagen, damit man den Blick für das wesentliche verliert. Nein, knallharte Gesetze und deren konsequente Kontrolle müssen her. Und als Sanktion sollten nicht nur Freiheitsstrafen sondern die Abschöpfung der Gewinne sowie der Einzu des Vermögens des Delinquenten dienen. Die Märkte verhalten sich wie ein unartiges Kind, das nach einer handfesten Bestrafung schreit. Und statt hier mit konsequenten erzieherischen Maßnahmen einzuschreiten, übt sich der Staat als Erziehungsberechtigter der Märkte in Methoden der antiautoritären Erziehung.

Muendiger_Buerger

15.08.2011, 10:01 Uhr

Und wer überwacht die Einhaltung der Gesetze und kontrolliert die Durchführung der Kontrolle? das sollten die Leidtragenden, also die Bürger selbst tun. Und dafür brauchen sie das Wissen und Fachkenntnisse. Es wird also den Bürgern nichts anderes übrigbleiben, als sich das Wissen anzueignen um entsprechend agieren zu können.
Frei nach dem Motto: Lernen hält fit, bis ins hohe Alter!

w.schwachtel@gmx.de

15.08.2011, 10:01 Uhr

Ich streu mal folgendes Gerücht:

Alles Papierwährungen sind Klopapier. Alle Staaten sind so massiv überschuldet, daß sie die Schulden niemals zurückzahlen werden.

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