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15.11.2011

16:21 Uhr

Finanzmärkte

Investoren attackieren Kern-Europa

Die Investoren suchen das nächste Ziel: Nach den Schuldenstaaten sind jetzt auch die Länder in der Mitte Europas dran. Händler sprechen von Hysterie. Was die Märkte in Wahrheit wollen: Mehr Geld aus der Notenpresse.

Der Eiffelturm in Paris: Ausfallversicherungen auf Frankreich sind teuer wie nie. dpa

Der Eiffelturm in Paris: Ausfallversicherungen auf Frankreich sind teuer wie nie.

FrankfurtDas Misstrauen der Anleger hat Kern-Europa erreicht. Investoren trennten sich am Dienstag im großen Stil von Bonds der bisher als noch grundsolide geltenden Länder Frankreich, Niederlande und Österreich. Von der Verkaufswelle wurden auch belgische Papiere erfasst. Händler sprachen von „Panik“ und „Hysterie“. Die Risikoaufschläge gegenüber deutschen Bundesanleihen kletterten auf das höchste Niveau seit der Einführung des Euro im Jahr 1999. „Das spiegelt ein Misstrauen gegen die Währungsunion als ganzes wider“, fasste Helaba-Analyst Ulrich Wortberg zusammen. Einen konkreten Auslöser für den Ausverkauf habe es nicht gegeben. Der Euro verlor rund einen US-Cent auf 1,3540 Dollar.

„Internationale Investoren bauen ihr Risiko ab, da sie einfach nicht verstehen, warum Europa so lange braucht, um die Krise in den Griff zu bekommen“, sagte ein Händler. „Einem Anleger in Asien oder Amerika kann man nicht erklären, warum es in Europa Wochen oder Monate dauert, bis ein Beschluss gefasst ist. Und haben sich die Europäer dann mal bis zu einer Entscheidung durchgerungen, dauert die Umsetzung nochmal so lange“, sagte ein weiterer Börsianer. „Es scheint als ob die letzten Dämme brechen“, kommentierte ein dritter.

Fragen und Antworten zu italienischen Anleihen

Warum sind die Anleihe-Renditen so entscheidend?

Um ihren Finanzierungsbedarf zu decken, nehmen Staaten durch Anleihen Geld an den Finanzmärkten auf. Die Renditen dieser Papiere entsprechen der effektiven Verzinsung. Je riskanter Investoren ein Engagement einschätzen, desto mehr Zinsen muss ein Land bieten.

Weshalb sehen Investoren Italien so kritisch?

Mit einem ausstehenden Volumen von rund 1,8 Billionen Euro ist der italienische Markt für Staatsanleihen einer der größten der Welt. Italien trägt gemessen an der Wirtschaftsleistung die zweitgrößte Staatsschuldenlast aller Euro-Länder und steht unter hohem Spardruck. Anders als Griechenland verfügt Italien allerdings über eine hohe Wirtschaftskraft. Die Finanzmärkte trauen der aktuellen politischen Führung jedoch nicht zu, die zur Haushaltskonsolidierung nötigen Reformen durchzusetzen.

Was passiert, wenn die Lage am italienischen Anleihemarkt sich weiter zuspitzt?

In Italien werden bis Ende 2012 Anleihen unterschiedlichster Laufzeiten mit einem Gesamtvolumen von mehr als 300 Milliarden Euro fällig. Da die Anleihen mit festen Laufzeiten ausgegeben werden, muss das Land in regelmäßigen Abständen neue Papiere am Markt platzieren, um seine Schulden zu finanzieren. Sollten die Renditen auf den zuletzt erreichten Höchstständen verharren, könnte es für Italien unmöglich werden, neue Schulden aufzunehmen, um alte zu begleichen. Italien wäre dann wie Griechenland, Portugal und Irland vom privaten Kapitalmarkt abgeschnitten und müsste unter den Euro-Rettungsschirm flüchten, um sich aus Hilfsgeldern zu refinanzieren.

Würde Italien unter den Euro-Rettungsschirm passen?

An diesem Punkt würde die Situation richtig kritisch. Experten stimmen überein, dass der Krisenfonds EFSF nicht ausreichen würde, um die Konsequenzen eines Ernstfalls in Italien zu bewältigen. Die zuletzt beschlossenen Modelle zur Hebelung des EFSF-Kreditvolumens sind noch nicht im Detail ausgestaltet und einsatzbereit. Sollte sich die Situation in Italien extrem zuspitzen, wäre außerdem davon auszugehen, dass auch der spanische Anleihemarkt kollabieren würde. Die Eurozone dürfte bei diesem Szenario endgültig auf die Zerreißprobe gestellt werden.

Wie kann eine Eskalation verhindert werden?

Um dauerhaft zu gewährleisten, dass Italien seine Schulden an den Märkten platzieren kann, müssten zwei Bedingungen erfüllt werden: Potenziellen Investoren muss die Furcht vor einem Zahlungsausfall genommen werden. Zweitens müsste das Rendite-Niveau auf einem für Italien tragbaren Niveau gehalten werden. Kurzfristig kann dies nach Einschätzung von Experten letztlich nur die Europäische Zentralbank (EZB) sicherstellen. Mittel- bis -langfristig kann jedoch nur Italien selbst durch entsprechende Reformen und Haushaltsdisziplin die Lage entschärfen.

Welche Rolle spielt die EZB?

Die EZB versucht bereits seit August, die Renditen für italienische Anleihen durch Ankäufe zu drücken. Die Zentralbank agiert jedoch nur auf dem Zweitmarkt. Sie beeinflusst so lediglich das Kursniveau von Papieren, die bereits in Umlauf sind. Direkte Anleihekäufe von Staaten sind für die EZB ein Tabu, anders als für ihre Pendants in den USA oder Großbritannien. Die EZB lehnt es strikt ab, als Kreditgeber der letzten Instanz Käuferstreiks am Erstmarkt zu verhindern.

Was muss nun geschehen?

Fest steht: Muss Italien länger wesentlich höhere Renditen als bisher üblich zahlen, wird die Haushaltslage stark belastet und der ohnehin hohe Schuldenstand letztlich weiter nach oben getrieben.

Solange der EFSF nicht ausreichend einsatzfähig ist und die EZB von ihren geldpolitischen Grundsätzen nicht abweicht, liegt es allein an der italienischen Politik, das Vertrauen der Finanzmärkte zurückzugewinnen. Das ist jedoch ein ungewisses Unterfangen und dürfte einiges an Überzeugungsarbeit erfordern.

An den Terminmärkten stieg der Bund-Future um bis zu 81 Ticks auf 139,07 Punkte und notierte damit nur knapp unter dem Rekordhoch von 139,58 Punkten. Die Rendite der zehnjährigen deutschen Bundesanleihen - sie sind richtungsweisend für die Euro-Zone - fiel auf 1,743 von 1,787 Prozent am Vorabend. Im Gegenzug stiegen die Renditen vergleichbarer französischer Anleihen auf 3,674 von 3,437 Prozent, österreichischer Anleihen auf 3,704 nach 3,417 Prozent und belgischer Anleihen auf 4,973 von 4,611 Prozent am Vorabend. Wegen der höheren Unsicherheit an den Rentenmärkten verteuerten sich auch die Kreditausfallversicherungen (CDS, Credit Default Swaps) für französische und andere Papiere.

Kommentare (30)

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Account gelöscht!

15.11.2011, 16:32 Uhr

Es ist am Ende noch viel schlimmer als wir alle derzeit glauben: Europas Chaoswährung steht vor einem Scherbenhaufen - Europa selbst ist gefährdet. Italien wird vermutlich bereits Ende des Monats ohne EZB-Hilfe über 8 Prozent an Zinsen zahlen, Spaniens und Portugals Anleihen gehen in die gleiche Richtung. Frankreichs Ratingabstufung scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein - dann explodieren auch bei unseren Nachbarn die Zinsen. Belgien und Österreich fürchten ebenfalls um ihre Kreditwürdigkeit. Zypern, Griechenland und diverse Osteuropäer sind schon einen Schritt weiter und verabschieden sich vom geregelten Kapitalmarkt. Der Euro-Rettungsschirm EFSF, der dies alles verhindern soll, ist selbst drei Wochen nach seiner Schaffung bereits ein Pflegefall. Laut Marktgerüchten kauft er mangels Nachfrage seine eigenen Papiere - Absurdistan lässt grüßen. Die EZB ist aktuell mit Hunderten von Millarden in Vorkasse gegangen, sie kauft Anleihen der Krisenländer am Sekundärmarkt und federt (illegal) über Target2 die immensen Geldabflüsse aus den Krisenländern ab. Die Politik setzt stoisch auf weiteres Sparen und auf sozialistische Verallgemeinschaftung der Haushalte. Dies wird im SuperGau enden - eine Lost-lost-Situation für alle beteiligten Länder. Wir brauchen endlich eine alternative Politik. Entweder wir schaffen schnellstmöglich neue nationale Währungen für alle und inflationieren den Euro zu Tode oder wir verpassen dem Euro eine Art Kapitalerhöhung durch die Notenpressen. Auch mit dieser Regelung könnte Deutschland leben, wenn das Geld gleichmäßig an alle Euroländer (1/3 Deutschland) ausgeschüttet würde. Deutschland könnte dann Staatsschulden tilgen und die Binnenkonjunktur beleben.

goldhamster

15.11.2011, 16:38 Uhr

Na siehe mal an: die Märkte wollen mehr Geld. Wacht auf: Das Finanzsystem des Zinseszins ist der Grund allen Übels. Es ist angelegt für expo. Schulden. Der Organismus ist die Krake und gehört geändert. Vollständig. Wenn nicht, wird es weltweit alle in den Schuldensumpf, zu Zinssklaverei und Armut treiben.

Markus

15.11.2011, 16:51 Uhr

Das sind ganz gezielte spekulative Angriffe auf Europa, die aus London und New York gefahren werden! Das ist genauso unseriös, wie man es bei Irland und Portugal gemacht hat, diese Länder wurden solange angegriffen, bis man unter den Schirm musste, obwohl dies sachlich betrachtet vollkommen verfehlt war.

Insbesonder Spanien und Italien haben in keinster Weise so massive strukturelle Probleme, die eine Flucht unter dem EFSF rechtfertigen!

Die USA und England tun sich leicht, die verzerren ja ihre Bondmärkte in einem Außmaß, das diese nicht mehr die fiskalpolitische Realität dieser beiden darstellen. Ohne deren Zentralbanken, wären diese beiden Länder schon lange abgesoffen.

Diese Spekulation gegen die Eurozone wird nur durchgeführt, weil man von seinen eigenen Problemen ablenken möchte, und auch nicht bereit ist diese zu beheben.

Die EZB kann und darf sich niemals aber auch wirklich niemals dem Druck einiger Spekulanten beugen, welche die Zerstörung einer Währung durch QE fordern!

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