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02.08.2016

15:24 Uhr

Fondsmanager im Gespräch

„Wir suchen nach Schnäppchen in der Türkei“

VonAndrea Cünnen

Dmitri Barinov ist Fondsmanager für Schwellenländer-Anleihen bei Union Investment und hat schon einige Emerging-Market-Krisen erlebt. So nimmt er auch die Unruhen in Ankara gelassen – und sieht Chancen für Anleger.

„S&P misst der politischen Lage eine größere Bedeutung zu als andere Ratingagenturen“, sagt Fondsmanager Dmitri Barinov. Imago

Demonstration in Istanbul

„S&P misst der politischen Lage eine größere Bedeutung zu als andere Ratingagenturen“, sagt Fondsmanager Dmitri Barinov.

Herr Barinov, die Ratingagentur S&P stuft die Türkei nach dem gescheiterten Putschversuch des Militärs und den harten Reaktionen von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan jetzt als Hochrisiko-Land ein. Was bedeutet das für Sie als Investor?
Nicht allzu viel. S&P misst der politischen Lage eine größere Bedeutung zu als die anderen Ratingagenturen. S&P bewertet die Bonität der Türkei deshalb auch schon länger im Non-Investment-Grade für schwache Schuldner und hat das Rating zuletzt noch einmal gesenkt. Überraschend kam das für uns nicht.

Die Kurse türkischer Anleihen und die Lira fielen aber nach der S&P-Aktion.
Genau das haben wir genutzt und zunächst türkische Euro- und Dollar-Anleihen zu den günstigeren Kursen nachgekauft. Inzwischen haben sich die Märkte wieder etwas erholt, aber wir sind weiter auf der Suche nach Schnäppchen.

Es besteht aber die Gefahr, dass die Ratingagentur Moody’s nachzieht und die Bonität der Türkei ebenfalls auf Non-Investment-Grade herabstuft.
Das stimmt und deshalb haben wir den Türkei-Anteil in den Fonds, die nur in Investment-Grade-Anleihen investieren dürfen, auch reduziert. Bei flexibleren Fonds kaufen wir aber eher zu.

„Mit dem Blick nur auf die wirtschaftliche Entwicklung der Türkei sehe ich keinen Grund zur Panik.“ Pressefoto

Dmitri Barinov

„Mit dem Blick nur auf die wirtschaftliche Entwicklung der Türkei sehe ich keinen Grund zur Panik.“

Hat S&P denn nicht Recht mit der Einschätzung?
Ich denke, S&P hätte zunächst noch das Ende des dreimonatigen Ausnahmezustands in der Türkei abwarten können.

Die Ansicht von S&P, dass politische und rechtliche Institutionen in der Türkei geschwächt werden, stimmt also ihrer Ansicht nach nicht?
Ich als Investor habe da einen anderen Blickwinkel: Sicherlich ist die Unsicherheit gestiegen, aber ich achte mehr auf die Makro-Daten. Und rein von den wirtschaftlichen Daten steht die Türkei besser da als viele andere Länder mit ähnlichen Ratings. Die Türkei ist zum Beispiel nur mit 33 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verschuldet und die Anschlussfinanzierungen funktionieren bislang problemlos. Investoren im Niedrigzinsumfeld sind weiter auf der Suche nach höheren Renditen, wie sie zum Beispiel die Türkei bietet. Die zehnjährige Lira-Anleihe rentiert aktuell mit 9,5 Prozent, die zehnjährige Dollar-Anleihe der Türkei mit 4,5 Prozent.

Ratingagenturen ABC

Wie arbeiten Ratingagenturen?

Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Anleiheemittenten; das können Unternehmen, Banken oder Staaten sein. Das Urteil der Bonitätsprüfer bestimmt letztlich den Kurs der Papiere. In die Bewertung fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen. Die weltweit einflussreichsten Ratingagenturen sind Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch.

Welche Auswirkungen hat ein schlechtes Rating?

Je schlechter Ratingagenturen die Bonität eines Marktteilnehmers beurteilen, desto schwieriger und teurer wird es für diesen, sich frisches Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, im schlimmsten Fall ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern beispielsweise auch institutionelle Investoren.

Was bedeuten Ratings wie „AAA“ oder „BB+“?

Für ihre Einstufungen verwenden die Agenturen Buchstabencodes. Bei Standard & Poor's und Fitch beginnt die Skala mit der Bestnote „AAA“ (englisch: „Triple A“). Es folgen „AA“, „A“, „BBB“, „BB“, „B“, „CCC“, „CC“, „C“. Die meisten Stufen können mit Plus- und Minuszeichen noch feiner unterteilt werden. Ab „BB+“ beginnt der spekulative Bereich, der auch „Ramsch“ (englisch: „Junk“) genannt wird. Die Skala reicht bis „D“ - das bedeutet, dass ein Ausfall des Schuldners eingetreten ist. Etwas anders verfährt die Ratingagentur Moody's, die bei der Bewertung große und kleine Buchstaben sowie Zahlen kombiniert. „Aaa“ bedeutet „erstklassig“ und ist die höchste Bewertung. Diese Note steht für höchste Qualität, geringstes Ausfallsrisiko, vergleichbar mit Staatsanleihen. Dann folgen „Aa1“, „Aa2“, „Aa3“ für „starke Zahlungsfähigkeit“ sowie in der nächsten Stufe „A1“, „A2“ und „A3“ für „gute Zahlungsfähigkeit“. Danach wird der erste Buchstabe durch ein „B“ ersetzt. Der «spekulative Bereich“ beginnt bei „Ba1“, die niedrigste Kategorie ist „E“.

Was bemängeln Kritiker an Ratingagenturen?

Kritiker bemängeln, es bleibe oft unklar, welcher Anteil der Bonitätseinstufungen Mathematik und was Meinung ist. In der Finanzkrise kamen Ratingagenturen in die Schusslinie: In vielen Fällen behielten Unternehmen, die ein hohes Risiko trugen, zu lange ihre Topnoten. Sie wurden erst herabgestuft, als die Krise bereits akut war; Anlegern blieb keine Zeit zu reagieren. Daher ist es wenig ratsam, allein auf das Urteil von Moody's & Co zu vertrauen.

Welche Alternativen gibt es zu Ratingagenturen?

Manche Profis verlassen sich inzwischen stärker auf das Urteil eigener Analysten. Deren Meinung findet umso mehr Beachtung, wenn sie eine abweichendes Urteil zu den Ratingagenturen fällen. Privatanleger können überlegen, wenig transparente Marktsegmente über Fonds abzudecken, statt direkt in Anleihen zu investieren. So profitieren sie quasi indirekt vom Know-How weiterer Experten.

Erdogan hat S&P vorgeworfen, dass die Rating-Herabstufung politisch motiviert sei. Stimmen Sie dem zu?
Nein. Die politischen Faktoren fließen zwar in das Rating ein, ebenso wie die Beurteilung des Rechtsrahmens. Aber das ist keine wertende Aussagen gegen das politische Regime, sondern eine Analyse mit Blick auf die Auswirkungen für die Bonität.

Sie klingen mit ihren Einschätzungen zur Türkei sehr optimistisch.
Mit dem Blick nur auf die wirtschaftliche Entwicklung der Türkei sehe ich zumindest keinen Grund zur Panik. Selbst wenn die Türkei auch von anderen Ratingagenturen auf Non-Investment-Grade herabgestuft werden sollte, ist das nicht dramatisch. Das gab es schon öfter, und die entsprechenden Länder haben sich dennoch wieder berappelt. Ein gutes Beispiel dafür ist Ungarn. Ende 2011 stuften S&P und Moody’s die Bonität Ungarns auf Non-Investmentgrade. Heute liegt die Rendite zehnjähriger ungarischer lokaler Staatsanleihen mit 2,8 Prozent so niedrig wie noch nie.

Herr Barinov, vielen Dank für das Interview.

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