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06.01.2005

06:30 Uhr

Frustrierte Anleger

Am Agrarboom Brasiliens lässt sich kaum verdienen

VonAlexander Busch

Eine Branche boomt, erobert Spitzenplätze weltweit bei Produktion, Kosten und Qualität - und die Investoren können daran nicht teilhaben, weil die entsprechenden Unternehmen nicht an der Börse notiert werden.

HB RONDONÓPOLIS. Diese frustrierende Erfahrung machen die Investoren regelmäßig, wenn sie versuchen, von Brasiliens Agrarboom zu profitieren. Das größte Land Südamerikas hat sich in wenigen Jahren zum führenden Anbieter von zahlreichen Agrarprodukten auf dem Weltmarkt entwickelt. Bei Orangensaftkonzentrat, Zucker, Tabak, Kaffee, Sojaprodukten, Rind- und Hühnerfleisch sind brasilianische Unternehmen die Nummer eins und bei fast allen anderen Agrarstoffen von Baumwolle bis Rizinusöl spielen sie in der Spitze der internationalen Liga mit.

Dennoch gibt es an der Börse kaum "Agraraktien". Der Grund: Die meisten Konzerne sind private Familiengesellschaften - und selbst wenn sie als öffentliche Aktiengesellschaften geführt werden, ist der Handel an der Börse in São Paulo dünn. Daran wird sich so schnell kaum etwas ändern. Für Anleger bleibt daher nur der Umweg über Aktien von Unternehmen, die indirekt am Aufschwung der Agrarindustrie verdienen. Das sind einerseits Großhändler wie Bunge oder ADM, deren Kurse jedoch seit Mai stark gestiegen sind, was Analysten zufolge weiteren Gewinnen Grenzen setzt. Auch die Aktien der Produzenten von Maschinen und Anlagen für die Landwirtschaft dürften 2005 nicht mehr so steigen wie in diesem Jahr. Das gilt etwa für die Traktor- und Erntemaschinenbauer John Deere, CNH, AGCO sowie Caterpillar, die auf dem brasilianischen Markt allesamt stark vertreten sind. Die Region ist für die meist in Nordamerika ansässigen Produzenten wichtig, weil damit im Süden ein Markt heranwächst, der sich in Kürze mit dem der USA messen kann. Allerdings wird Brasilien in den nächsten Monaten kaum kurstreibend wirken, weil sich viele Farmer wegen der gesunkenen Erträge für ihre Produkte derzeit mit Investitionen zurückhalten.

Deutlich positiv wirkt dagegen Brasiliens Landwirtschaftsboom auf die Aktienkurse der Chemiekonzerne, die stark im Agrarbereich vertreten sind: Bayer, Dow, DuPont, Monsanto, BASF und Syngenta sind hier die wichtigsten Namen. Alle diese Konzerne haben mit den Abwertungen und wirtschaftlichen Stagnation in Südamerika 2000 Geld verloren. Doch inzwischen haben sie ihre Portfolios bereinigt und erwirtschaften hohe Gewinne mit der brasilianischen Landwirtschaft. BASF etwa macht in Südamerika ein Fünftel des weltweiten Umsatzes in der Sparte Agrarchemie, Bayer rund ein Viertel.

Die größte Kursphantasie besitzen dabei fokussierte Agrarchemiefirmen, die nicht von den Schwankungen des gesamten Chemiemarktes abhängig und gleichzeitig stark im Bereich Gentechnik vertreten sind. Denn Brasilien steht als letzte große Anbauregion der Welt vor einer Liberalisierung des Anbaus für genveränderte Saaten. Gelingt Herstellern wie Monsanto oder Syngenta mit den Produzenten ein Abkommen über die Zahlung von Royalties - wie es derzeit in Südbrasilien ausgehandelt wird - dann könnte ganz Südamerika bald zu einem wichtigen Profitbringer der Anbieter von Genprodukten werden.

Gute Aussichten haben auch die wenigen gelisteten Lebensmittelkonzerne wie Sadia oder Perdigão. Der Agrarboom sichert den beiden Geflügelmästern die notwendigen Rohstoffe. Brasilien muss heutzutage beispielsweise keinen Mais mehr importieren wie noch vor kurzem. Der hohe Exportanteil beider Gesellschaften reduziert außerdem das Wechselkursrisiko. Allerdings werden beide Papiere werden auch an der Wall-Street vergleichsweise wenig gehandelt. Das Risiko ist also hoch. Die Alternative lautet Abwarten - etwa bis Logistik-Titel wie das Bahnunternehmen ALL seine Aktien an einer US-Börse notieren lässt und ausländische Anleger damit ungehindert Zugang bekommen. Doch das kann dauern.

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