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20.11.2015

15:17 Uhr

Geldpolitik der EZB

Draghi macht sich locker

VonAndrea Cünnen

Viele Volkswirte erwarten, dass die EZB noch mehr Anleihen kaufen und den Einlagezins noch weiter senken wird – die Geldpolitik wird noch lockerer. Wie das die Märkte für Anleihen und Aktien durchrütteln dürfte.

Mit ihrem Anleihenkaufprogramm bringt die EZB die Märkte durcheinander. dpa

EZB-Chef Mario Draghi

Mit ihrem Anleihenkaufprogramm bringt die EZB die Märkte durcheinander.

FrankfurtLaut Mario Draghi, dem Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), ist die Notenbank mit ihrem Latein noch lange nicht am Ende. Dabei macht die EZB schon sehr viel, um die Inflation, die Kreditvergabe und die Wirtschaft anzukurbeln: Der Leitzins liegt bereit seit September 2014 bei nur 0,05 Prozent.

Der Einlagenzins zu dem Banken kurzfristig Geld bei der EZB anlegen können ist seit Juni 2014 negativ – zunächst lag er bei minus 0,1 Prozent, im September 2014 senkten die Währungshüter ihn auf bei minus 0,2 Prozent. Banken zahlen der Notenbank also eine Gebühr dafür, dass sie ihr Geld bei der EZB parken können. Und seit März diesen Jahres kauft die EZB monatlich Anleihen im Umfang von 60 Milliarden Euro.

Preise in Deutschland: Inflation feiert ein Mini-Comeback

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Vor allem wegen teurer gewordener Nahrungsmitteln steigen die Preise in Deutschland steigen. Dennoch ist das Plus noch weit von dem Wert entfernt, der von der Zentralbank angestrebt wird.

Gebracht hat dies alles bislang nicht allzu viel. Zwar fürchtet niemand mehr einen Zusammenbruch der Euro-Zone, und die Staaten kommen vor allem dank Draghi und Co wieder extrem günstig an frisches Geld über die Anleihemärkte. Doch die Wirtschaft im Euro-Raum wächst nur ganz leicht, und die Inflationsrate im Euro-Raum stagnierte zuletzt. Die EZB strebt aber eine Inflation im Währungsraum von knapp unter zwei Prozent an, da sie die als optimal für die Wirtschaft erachtet. Sinkende Preise auf breiter Front gelten als gefährlich, weil damit die Wirtschaft in einen lähmenden Abwärtssog geraten könnte.

Deshalb will Draghi jetzt noch einmal nachlegen: Vor vier Wochen kündigte er an, dass die Notenbank bei ihrer geldpolitischen Sitzung im Dezember, bei der sie neue Wachstums- und Inflationsprognosen vorlegen wird, überprüfen wird, ob die Geldpolitik nicht noch expansiver werden muss. Dabei könne könne kein geldpolitisches Instrument ausgeschlossen werden. Zur Verblüffung vieler Ökonomen erwähnte Draghi sogar die Möglichkeit, den Einlagenzins noch weiter zu senken – obwohl er im ersten Halbjahr mehrfach betont hatte, dass die Untergrenze dabei erreicht sei.

Sechs Monate Massenkauf von Staatsanleihen – Ist die EZB mit QE erfolgreich?

Kauf von Staatsanleihen

Die Notenpresse der Europäischen Zentralbank (EZB) läuft auf Hochtouren. Vor fast einem halben Jahr (9.3.) haben Europas Währungshüter im Kampf gegen Mini-Inflation und Konjunkturschwäche die Geldschleusen geöffnet. Seither kaufen sie Monat für Monat für 60 Milliarden Euro Staatsanleihen und andere Wertpapiere (Quantitative Easing). Erzielt das viele Geld die erhoffte Wirkung? (Quelle: dpa)

Warum hat die EZB QE gestartet?

Ziel der Notenbank sind stabile Preise. Darunter verstehen die Währungshüter eine Inflationsrate knapp unter zwei Prozent. Von diesem Wert ist der Euroraum allerdings seit Monaten weit entfernt. Zu Jahresbeginn sanken die Verbraucherpreise sogar. Deshalb befürchteten die Währungshüter eine Deflation, also einen anhaltenden Preisrückgang quer durch die Warengruppen. Mit dem Kauf von Vermögenswerten stemmt sich die EZB dagegen, dass Verbraucher und Unternehmen Anschaffungen in Erwartung weiterer Preissenkungen verschieben und die Wirtschaft erlahmen könnte. EZB-Vize-Präsident Vítor Constâncio ist überzeugt: „Die volle Umsetzung unserer Wertpapierkäufe wird die Inflation wieder auf ein Niveau zurückführen, das mit dem Ziel der EZB im Einklang steht.“

Hat die EZB keine anderen Mittel?

Im Prinzip schon, doch sie hat ihr Pulver weitgehend verschossen. Das gilt vor allem für den Leitzins, das wichtigste Instrument der Geldpolitiker: Eine Zinssenkung verbilligt Kredite und soll Konjunktur wie Inflation antreiben. Doch die EZB hat den Leitzins schon auf 0,05 Prozent gesenkt, also quasi abgeschafft.

Wie soll das Kaufprogramm funktionieren?

Die EZB kauft Wertpapiere bei Banken oder Versicherern. So wird Geld ins Finanzsystem geschleust. Die EZB erwartet, dass das Programm Unternehmen und Verbrauchern hilft, leichter Kredite zu bekommen. Das soll die Investitionstätigkeit steigern, Jobs schaffen und das Wirtschaftswachstum stützen. Dafür druckt sich die EZB quasi selbst Geld, die Menge (Quantität) des Zentralbankgeldes nimmt zu, daher der Begriff „Quantitative Lockerung“ (QE).

Wie viel Geld hat die EZB dafür bereits ausgegeben?

Bisher liegt das Volumen der gekauften öffentlichen Papiere bei knapp 290 Milliarden Euro. Zudem kauft die EZB Pfandbriefe (Covered Bonds) und forderungsbesicherte Wertpapiere (ABS).

Hat sich die Kreditvergabe verbessert?

Ja. Im Juli stieg die Kreditvergabe an den privaten Sektor um 1,4 Prozent, nachdem sie im Vormonat um 0,9 Prozent gewachsen war. Damit zeichnet sich ab, dass die lange Phase mit sinkender Kreditvergabe vorbei sein dürfte. Aus Sicht von BayernLB-Experte Johannes Mayr wächst die Hoffnung, dass der Kreditimpuls die Konjunktur künftig etwas stärker beflügeln wird.

Wirkt sich das bereits auf die Inflation aus?

Nein, jedenfalls nicht spürbar. Im August verharrte die jährliche Inflationsrate bei 0,2 Prozent – vor allem, weil die Energiepreise wieder kräftig gefallen sind. Erst kürzlich hatte EZB-Chefvolkswirt Peter Praet eingeräumt, dass das Risiko gestiegen sei, das Inflationsziel noch länger als vermutet zu verfehlen. Praet betonte aber, dass die EZB nachlegen könnte: „Es sollte keine Zweifel geben bezüglich des Willens und der Fähigkeit des EZB-Rates zu handeln, falls es nötig wird.“ Das Anleihenkaufprogramm weise sowohl beim Volumen als auch bei der Dauer genug Spielraum auf.

Was sagen Experten?

Angesichts des Ölpreisverfalls schließen Ökonomen in den kommenden Monaten sinkende Verbraucherpreise nicht aus. Die Allianz hält fest: „Obwohl die EZB bereits seit März dieses Jahres jeden Monat Staatsanleihen und andere Wertpapiere [...] mit dem erklärten Ziel kauft, so das Risiko einer Deflation abzuwenden, ist die Inflationsrate in den letzten sechs Monaten kaum gestiegen und notiert weiterhin nahe Null.“ Die Teuerung zeige sich unbeeindruckt von den geldpolitischen Lockerungsmaßnahmen der EZB. Trotzdem sei eine Ausweitung des Kaufprogramms nicht ratsam: „Die Verabreichung einer höheren Dosis der falschen Medizin dürfte kaum die Erfolgsaussichten der EZB-Strategie verbessern.“

Hat QE die Konjunktur befeuert?

Die Wirtschaft im Euroraum wuchs im zweiten Quartal um 0,3 Prozent. „Die Frühindikatoren signalisieren, dass das Expansionstempo auch im Sommer – trotz der zwischenzeitlichen Eskalation in Griechenland und der Sorgen um die chinesische Wirtschaft – in dieser Größenordnung liegt“, betonte Mayr. Ein Wachstumstreiber hat zuletzt aber an Zugkraft verloren, wie Commerzbank-Experte Michael Schubert betont: „Die Anleihenkäufe haben den Euro-Außenwert nicht wie von der EZB erhofft gedämpft.“ Seit April hat der Euro spürbar aufgewertet – das verteuert Exporte in Märkte wie China oder die USA. Anna Stupnytska von Fidelity Worldwide Investment warnt, dass könne der Erholung im Export das Wasser abgraben.

Was heißt das alles für Sparer?

Die Anleihekäufe haben keine direkte Auswirkung auf die Zinsen auf Sparbuch und Co. Doch die EZB wird die Leitzinsen nicht erhöhen, solange das Programm läuft. Die Zeiten bleiben also hart für Sparer. Aktionäre profitieren hingegen tendenziell von der Geldschwemme – auch wenn die jüngsten Börsen-Turbulenzen im Zusammenhang mit der China-Flaute die Kurse gedrückt haben. Auch Hausbesitzer können sich freuen, weil ihre Immobilien zuletzt an Wert gewonnen haben. Experten warnen allerdings vor Blasen an den Aktien- und Immobilienmärkten.

Damit ist es für Ökonomen so gut wie sicher, dass die EZB am 3. Dezember noch einmal zuschlägt – zumal Notenbanker die Ankündigungen in den vergangenen Wochen wiederholt haben. Draghi selbst äußerte sich entsprechend vor dem Europa-Parlament in Brüssel; EZB-Chefvolkswirt Peter Praet betonte die Gefahr, dass die langfristigen Inflationserwartungen nach unten driften, und Direktoriumsmitglied Benoit Coeure erklärte, die negativen Nebenwirkungen einer expansiven Geldpolitik seien begrenzt. Eine generelle Überbewertung bei Vermögenspreisen sieht Coeure jedenfalls nicht.

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