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14.09.2012

12:30 Uhr

Geldrausch

„Die Droge wirkt, doch sie macht süchtig“

VonJörg Hackhausen

Europa tut es. Und die Amerikaner tun es. Sie drucken noch mehr Geld, um der Krise Herr zu werden. Die Finanzmärkte sind begeistert. Doch was ist der Preis? Experten fürchten erhebliche Nebenwirkungen.

DüsseldorfErst die Europäische Zentralbank, jetzt die Federal Reserve: Die Notenbanken überschwemmen die Welt mit billigem Geld. Damit wollen sie die Krise bekämpfen. Doch der Plan birgt erhebliche Risiken. Kritiker sagen: Das Geld, das die Notenbanken drucken, kommt nicht dort an, wo es hin soll. Es kurbelt nicht die Wirtschaft an, es schafft keine Arbeitsplätze. Stattdessen fließt es in die Finanzmärkte – und könnte zu unerwünschten Nebenwirkungen führen.

„Was haben die bisherigen quantitativen Maßnahmen der Fed gebracht?“, fragt Christoph Balz von der Commerzbank in einer Analyse. Er gibt die Antwort gleich selbst: „Vor allem haben sie an den Märkten für Jubel gesorgt.“

Nachdem die EZB erklärt hatte, dass sie unbegrenzt Anleihen der hochverschuldeten Euro-Staaten aufkaufen wird, ist nun die US-Notenbank nachgezogen. Fed-Chef Ben Bernanke kündigte gestern ebenfalls ein Programm zum Aufkauf von Staatsanleihen an, es ist bereits das dritte innerhalb weniger Jahre, im Fachjargon Quantitative Easing 3 (QE3) genannt.

Was aus 1.000 Euro in zehn Jahren wurde

Deutscher Aktienindex (Dax)

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren: +88,8 Prozent (ohne Dividenden)

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1.888 Euro

Dow Jones

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +52,7 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1.527 Euro

EuroStoxx 50

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +31,3 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1.313 Euro

Nikkei

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +10,1 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1101 Euro

Chinesische Aktien (Shanghai B-Index)

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +10,3 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1.103 Euro

MSCI Emerging Markets

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +228 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 3.285 Euro

Gold

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +314 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 4.142 Euro

Silber

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +428 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 5.275 Euro

Öl

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +221 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 3.205 Euro

Weizen

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +92 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1.916 Euro

Kaffee

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +151 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 2.509 Euro

Staatsanleihen (Rexp)

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +67 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1.666 Euro

Unternehmensanleihen (Citigroup World BIG Corporate Index)

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +56 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1.559 Euro

Sparbuch

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1.095,90 Euro*

*bei einem durchschnittlichen jährlichen Zinssatz von 0,92 Prozent (Spareckzins)

Tagesgeld

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1.209 Euro*

*bei einem durchschnittlichen jährlichen Zinssatz von 1,92 Prozent

Festgeld

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1.266 Euro*

*bei einem durchschnittlichen jährlichen Zinssatz von 2,39 Prozent

An den Börsen herrscht schon wieder Jubelstimmung. „Wieder einmal hat die Fed die EZB überboten“, erklärt Trevor Greetham, Leiter Anlagestrategie bei Fidelity Worldwide Investment. Ben Bernanke habe alles richtig gemacht.

„Das ist genau das, was die Wall Street und eigentlich auch die breite Masse von der Fed erhofft hatten“, sagte auch Todd Schoenberger, Geschäftsführer des Brokerhauses Blackbay Group in New York. „Hätte die Fed sich für das Abwarten entschieden, wäre die Gefahr sehr viel höher gewesen. Glücklicherweise wird diese geldpolitische Lockerung das Land vor einem deutlichen Abwärtstrend bewahren.“

Analysten-Reaktionen auf die Fed-Entscheidung

Jeff Savage, Wells Fargo Private Bank

„Die Märkte sind in einer anderen Situation zum Beginn von QE3 [dem dritten Lockerungsprogramm der Federal Reserve, Anm. d. Redaktion] im Vergleich zu QE2 und QE1. Es wird ein wenig schwieriger einen Schub nach oben zu geben mit demselben Werkzeug.“

Chris Jarvis, Caprock Risk Management

„Die Tatsache, dass die Fed nur Immobilienbonds kauft und keine zusätzlichen Staatsanleihen, wird einige Marktteilnehmer enttäuschen“

Anthony Valeri, LPL Financial

„Die Fed hat weniger geliefert als erwartet. Das ist kein vollständiges QE3-Programm. Sie haben nur ihren Zeh ins Wasser gehalten.“

William Larkin, Cabot Money Management

„[Der Schritt] schafft einen bedenklichen Inflationsausblick ... Meine größte Frage ist, was wird mit der Inflation passieren in zwei Jahren?“

Nach der Ankündigung der Fed legten die Kurse an den Aktienmärkten zu. In New York stieg der Dow Jones um 1,6 Prozent auf 13.539 Punkte, in Tokio legte der Nikkei um 1,8 Prozent auf 9.159 Zähler zu und in Frankfurt machte der Dax einen Satz um 1,5 Prozent auf 7.423 Punkte – den höchsten Stand in diesem Jahr. Auch die Preise für Rohstoffe legten deutlich zu.

Ob die Begeisterung lange anhalten wird, ist nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre fraglich. „In den vergangenen Jahren nahmen die Finanzmärkte jede weitere Liquiditätsspritze mit großer Begeisterung auf. Diese Phasen der Euphorie wurden allerdings immer kürzer, der Ruf nach weiteren Spritzen immer lauter. Mit anderen Worten: Die Droge wirkt, doch sie macht süchtig“, sagt Ad van Tiggelen, Chefanlagestratege von ING Investment Management. Selten zuvor sei die Weltwirtschaft einer solchen Droge ausgesetzt. Die von den Zentralbanken insgesamt gehaltenen Aktiva haben sich in den letzten vier Jahren mehr als verdoppelt und erreichten Ende 2011 rund 18 Billionen Dollar.

Kommentare (45)

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mmnews

14.09.2012, 12:47 Uhr

Mathematatisch muss der Irrsinn jetzt exponentiell verlaufen. Es ist wie eine Explosion. Die Inflationsspirale wird uns verarmen, denn sie haben aus der Geschichte nichts gelernt.

RamonGaluptra

14.09.2012, 12:58 Uhr

Was leider überhaupt nicht beachtet wird:
Das gigantische um den Globus ziehende Kapital will verzinst werden. Diese Zinsen müssen am Ende von der Realwirtschaft erwirtschaftet werden. Das ist aber längst nicht mehr möglich, weil die dazu erforderlichen Wachstumsraten in großen Industrienationen nicht mehr erreicht werden können. Das ist z.B. ein Grund für die vielen Niedriglohn-Jobs. In den USA benötigen die Menschen bereits zwei Jobs um über die Runden zu kommen.

Die Luft wird immer dünner. Das einzig richtige wäre das Tilgen der Schulden durch das Anzapfen großer Vermögen oder eine kräftiger Schuldenschnitt. Dadurch würde die Geldmenge reduziert und die Staaten hätten die Chance auf einen ausgeglichenen Haushalt, da die Zinsen wegfallen.

Was bleibt ist die Bankenproblematik. Hier ist längst klar, dass sie verstaatlicht und zerschlagen werden müssen. Ein "too big to fail" darf es nicht geben.

Zinseszins

14.09.2012, 13:03 Uhr

Wer das Geldsystem verstanden hat, weiss, dass die Geldmenge, also Schulden (und damit auch Guthaben!) exponentiell ansteigen (natürlich nicht gleichermaßen verteilt...). Das Wirtschaftswachstum kann nicht exponentiell mitwachsen, daher resultiert mit mathematischer Konsequenz ein exponentieller Kaufkraftverlust des Geldes. Also schön weiter zu 2% anlegen :-) mal sehen, was in 10 Jahren davon noch übrig ist.

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