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07.02.2012

14:44 Uhr

Genussscheine

Commerzbank muss Zinsen erstatten

Die Commerzbank muss nach einem nicht rechtskräftigen Urteil Zinsen im dreistelligem Millionenbereich für Eurohypo-Genussscheine nachzahlen. Wenn der Richterspruch Bestand hat, drohen dem Institut neue Bilanzsorgen.

Lichtspektakel: Der Commerzbanktower bei der Übernahme der Eurohypo im Jahre 2006. Reuters

Lichtspektakel: Der Commerzbanktower bei der Übernahme der Eurohypo im Jahre 2006.

Der Commerzbank drohen millionenschwere Zins-Nachzahlungen auf mehrere Genussscheine ihrer Tochter Eurohypo. Die Bank unterlag am Dienstag auch in zweiter Instanz gegen den Hedgefonds QVT, der vor dem Oberlandesgericht Frankfurt (OLG) einen noch größeren Erfolg feiern konnte als beim Landgericht.

Nach dem Urteil muss die Bank doch Zinsen auf Genussscheine der ehemaligen EssenHyp und einen Genussschein der vormaligen Rheinhyp zahlen und die Herabsetzung des Nennwerts zurücknehmen. In erster Instanz hatte sich QVT nur bei den EssenHyp-Scheinen durchgesetzt. Das Gericht ließ allerdings die Revision vor dem Bundesgerichtshof (BGH) zu. Die Commerzbank ließ offen, ob sie sich erneut gegen das Urteil zur Wehr setzen wird. „Wir sehen uns die Urteilsbegründung genau an“, sagte ein Sprecher.

Die Commerzbank hatte auf die Genussscheine in den Jahren 2009 und 2010 keine Zinsen mehr bezahlt, weil die Eurohypo in diesen Jahren Verluste geschrieben hatte. Genussscheine sind eine Anlageform zwischen Aktie und Anleihe. Die Bedienung dieser Kapitalinstrumente hängt vom Gewinn ab. Die Investoren wurden sogar zusätzlich an den Verlusten beteiligt, indem der Nennwert der Papiere herabgesetzt wurde. Damit sollten sie am Ende nicht mehr ihren vollen Einsatz zurückbekommen.

Aufstieg und Fall der Eurohypo

Die Grundsteinlegung - 6. November 2001

Deutsche Bank, Dresdner Bank und Commerzbank geben bekannt, ihre Hypothekentöchter Eurohypo, Deutsche Hyp und Rheinhyp zur neuen Eurohypo AG zu verschmelzen. Die gemeinsame Bilanzsumme liegt bei über 240 Milliarden Euro. Ziel ist es, den größten Immobilienfinanzierer in Deutschland und Europa zu schmieden und in Nordamerika zu expandieren. Dirk Wilhelm Schuh, Vorstandssprecher Deutsche Hyp: „Die neue Eurohypo wird für uns alle Chancen eröffnen, die sich keines der Vorgängerinstitute allein hätte erschließen können.“

13. August 2002

Die neue Eurohypo AG wird ins Handelsregister eingetragen. Sie bietet Immobilienfinanzierung, Immobilien-Investmentbanking (Verbriefungen, Syndizierungen) und Staatsfinanzierung an. Der Vorstandsvorsitzende Karsten von Köller gibt die Marschrichtung vor: „Die neue Eurohypo stellt sich als eine führende europäische Spezialbank mit internationalem Anspruch auf.“

Die Expansion - 1. Januar 2004

Bernd Knobloch übernimmt den Chefposten bei der Eurohypo. Er baut das internationale Geschäft aus und macht die Eurohypo zu einer Verbriefungsplattform. 2004 verdient sie vor Steuern gut 600 Millionen Euro - fast doppelt so viel wie im Jahr zuvor. Das Neugeschäft in der Immobilienfinanzierung liegt bei 17 Milliarden Euro. Spätestens seit Anfang 2005 schmiedet Knobloch Insidern zufolge Pläne für einen Börsengang.

15. November 2005

Die Commerzbank durchkreuzt die IPO-Pläne und kündigt an, der Deutschen Bank und der Dresdner Bank deren Anteile (66,2 Prozent) für 4,56 Milliarden Euro abzukaufen - die größte Akquisition für die Commerzbank in den letzten 50 Jahren. Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller spricht später von einem „Quantensprung“. 2006 wird zum besten Jahr der Eurohypo überhaupt: Sie verdient vor Steuern fast 700 Millionen Euro. Von den 35 Milliarden Euro Neugeschäft in der Immobilienfinanzierung bleiben nur 20 Milliarden auf den eigenen Büchern, der Rest wird verbrieft und weiterverkauft.

31. Januar 2008

Die Commerzbank will ihre Hypothekenbank in Essen (EssenHyp) mit der Eurohypo verschmelzen, um in der Staatsfinanzierung ein noch größeres Rad zu drehen. „Wir greifen an und streben künftig einen Platz unter den Top 2 der europäischen Staatsfinanzierer an“, erklärt Commerzbank-Vorstand Michael Reuther.

1. Oktober 2008

Knobloch legt den Chefposten bei der Eurohypo Ende September 2008 auf eigenen Wunsch nieder, weil ihm das Commerzbank-Korsett zu eng wird. Sein Nachfolger wird zum 1. Oktober Frank Pörschke.

Die Krise - 3. November 2008

Die Commerzbank kommt ohne staatliche Hilfe nicht durch die Finanzkrise. Der Hauptgrund laut Finanzkreisen: die Eurohypo und ihre Refinanzierungs-Praxis. Als erste deutsche Bank bekommt die Commerzbank Kapital vom Bankenrettungsfonds SoFFin: 8,2 Milliarden Euro. Dazu kommen 15 Milliarden Euro Garantien. Wenig später wächst die Kapitalspritze auf 18,2 Milliarden Euro.

18. Februar 2009

Die Krise am US-Immobilienmarkt hat tiefe Spuren bei der Eurohypo hinterlassen. Pörschke präsentiert für 2008 wegen drastischer Abschreibungen auf das amerikanische Subprime-Portfolio einen Verlust von 1,4 Milliarden Euro, die Risikovorsorge ist erdrückend. Der neue Chef stellt die Ausrichtung der Eurohypo auf den Prüfstand.

7. Mai 2009

Die EU-Kommission winkt die Staatshilfen für die Commerzbank durch, fordert vom neuen Commerzbank-Chef Martin Blessing dafür aber den Verkauf der Eurohypo bis 2014. Die Bilanzsumme der defizitären Tochter liegt wenige Monate zuvor noch bei fast 300 Milliarden Euro.

11. Mai 2009

Pörschke setzt bei der Eurohypo auf Drängen der Commerzbank die Axt an und kürzt die Bilanz. Die Immobilienfinanzierung wird auf zehn Kernmärkte beschränkt, das Portfolio soll bis Ende 2012 auf 60 Milliarden von 79 Milliarden Euro heruntergefahren werden. „Durch die Neupositionierung richten wir uns darauf aus, langfristig stabile Erträge bei geringerem Risiko zu erzielen“, heißt es nun.

25. Februar 2010

Die Sanierung zeigt erste Erfolge. Die Eurohypo kann ihren Vorsteuerverlust 2009 deutlich zurückfahren auf gut 500 Millionen Euro. Pörschke ist zuversichtlich, „im Jahr 2011 zur Profitabilität zurückzukehren“.

23.-24. Februar 2011

Die Euro-Schuldenkrise schlägt zu. Commerzbank-Chef Blessing muss auf die Eurohypo fast zwei Milliarden Euro abschreiben. Die unliebsam gewordene Tochter schreibt in der Staatsfinanzierung rote Zahlen und weitet ihren Vorsteuerverlust 2010 auf fast 800 Millionen Euro aus. Die Staatsfinanzierung wird eingestellt. Das Neugeschäft in der Immobilienfinanzierung liegt 2010 nur noch bei fünf Milliarden Euro und wird weiter gedrosselt. Blessing räumt ein, dass die Eurohypo im aktuellen Zustand unverkäuflich ist. Eine Abwicklung schließt der Commerzbank-Chef noch aus.

28. Juli 2011

Pörschke wirft hin. Nachfolger wird sein Vorstandskollege Thomas Köntgen, der die Sanierung fortsetzen soll.

10. August 2011

Die Eurohypo schreibt im ersten Halbjahr einen Verlust von fast 900 Millionen Euro. „Kein Analyst hält die Bank für verkaufbar“, sagt Commerzbank-Finanzvorstand Eric Strutz. Er deutet an, mit der EU möglicherweise neu verhandeln zu müssen.

4. November 2011

Blessing verordnet dem Konzern eine Gewaltkur, wozu auch die vorübergehende Einstellung des Neugeschäfts bei der Eurohypo gehört. Damit ist sie de facto am Immobilienfinanzierungsmarkt nicht mehr aktiv, sondern verwaltet nur noch Altbestände.

16. Dezember 2011

Laut Finanzkreisen spielt die Commerzbank eine Auslagerung der Eurohypo in eine staatliche „Bad Bank“ durch, um sich des Problems schneller zu entledigen. Vor allem die Staatsanleihen wolle sie damit loswerden.

 

17. Januar 2012

Blessing gibt den Plan einer externen „Bad Bank“ auf. Nun soll der gesunde Kern der Immobilienfinanzierung integriert werden, der Rest soll auslaufen. Das heißt: Die Eurohypo ist bald Geschichte.

Die Genussschein-Inhaber klagten dagegen. Sie argumentieren, dass die Eurohypo keine Verluste schreiben könne, weil sich die Commerzbank in einem Gewinnabführungs- und Beherrschungsvertrag 2007 verpflichtet habe, alle Verluste der Tochter auszugleichen. Dabei wollte die Bundesregierung, dass auch die Kapitalgeber der Commerzbank für die milliardenschweren Staatshilfen bluten müssen, die sie 2008 erhalten hatte.

Die Commerzbank unterliegt seither Beschränkungen bei der Auszahlung von Dividenden. Im Dezember hatte sich bereits der Investor Crown Ocean vor dem OLG gegen die Commerzbank durchgesetzt. Damals war es aber nur um den Rheinhyp-Genussschein im Volumen von 200 Millionen Euro gegangen. Ähnliche Klagen von QVT wegen ausgefallener Zinsen auf Trust Preferred Securities - eine andere Art gewinnabhängiger Wertpapiere - sind in den USA anhängig.

Die Commerzbank hatte das finanzielle Risiko aus möglichen Nachzahlungen im vergangenen Jahr auf mindestens 106 Millionen Euro beziffert. Schwerer wögen aber die Folgen auf die Anerkennung der Instrumente als Eigenkapital. Müssten die Trust Preferred Securities und die Genussscheine auf jeden Fall bedient werden, könnte die Bank sie nicht mehr zum Eigenkapital zählen.

Insgesamt drohten damit bis zu 3,7 Milliarden Euro an Eigenmitteln wegzubrechen. Für die laufende Kapitalaufstockungs-Aktion auf Geheiß der EU-Bankenaufsicht EBA dürfte das allerdings ohne Belang sein, weil sich die Prozesse noch länger hinziehen werden. Doch mit weniger Eigenmitteln könnte die Commerzbank künftig weniger Geschäft machen.

Von

rtr

Kommentare (1)

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Stehlen-mit-Genuss

07.02.2012, 19:08 Uhr

Während der Steuerzahler unfreiwillig für die Verluste der Finanzkünstler einstehen muss, stehlen sich die ungeschoren davon, die Prämien dafür eigestrichen haben, im Ernstfall zu haften.
Sie finden dieses Muster leider auch bei der WestLB:
Auch dort gibt es Kapitalgeber, die jahrelang Vorzugsrenditen eingestrichen haben im Ausgleich für das Risiko, im Ernstfall am Unternehmensschaden teilzuhaben.
Diese Kapitalgattung gibt es in verschiedenen Ausprägungen, gängig ist die Bezeichnung "Genussschein" oder auch "Hybridanleihe".
Der staunende Steuerzahler sieht nun, dass sich diese Risikoträger im Ernstfall mit allerlei Kniffen aus der Verantwortung stehlen.
Wird etwa eine im ganzen wertlose Bank aufgespalten in eine vom Steuerzahler zu tragende Bad Bank und eine Rest-Bank, die Gewinne schreibt , dann wandern die "Scheinrisikoträger" zum guten Teil des Unternehmensrestes. Dort verlangen sie weiterhin frech ihre Risikoprämie, da dort ja ein ( durch Subventionen) positives Umfeld herrscht.
Besonders pervertiert sind diese Zustände in der Commerzbank. Die ( ohne Staatshilfe) Pleitebankmutter erstattet dort mit Subventionen der Pleitebanktochter deren Verluste.Das Genusskapital behauptet daraufhin, es sei kein Verlust angefallen -
und besteht auf Prämienzahlungen+ Rücknahme von verlustbedingten Kürzungen.
Es mag nützliche Juristen geben, die dies bejahen ... dann muss eben das Volk die passende Antwort finden



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