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01.04.2016

16:25 Uhr

German Pellets

Versteckspiel um ein Kohlekraftwerk

VonGertrud Hussla, Andreas Dörnfelder

Der Chef des insolventen Brennstoffherstellers German Pellets kaufte in Belgien ein Kohlekraftwerk und versprach der Belegschaft große Investitionen. Nun gehen die Öfen aus und Peter Leibold taucht nicht mehr auf. Der alte Eigentümer Eon kommt wieder ins Spiel.

Technische Pannen machten alle Umrüstungspläne zunichte.   (Foto: PR)

Früheres Eon-Kraftwerk Langerlo

Technische Pannen machten alle Umrüstungspläne zunichte. (Foto: PR)

Genk/WismarDie Männer waren voller Hoffnung. Am vergangenen Donnerstag trafen sich Manager und Arbeitnehmervertreter des alten Kohlekraftwerks im belgischen Genk. Sie warteten auf einen Mann aus Deutschland, der ihre Zukunft sichern soll. Doch der Retter kam nicht. Peter Leibold, Gründer und Chef des insolventen Brennstoffherstellers German Pellets, ließ sich mit einer Grippe entschuldigen. „Die Mitarbeiter sind wütend und verzweifelt“, berichtet ein Gewerkschafter. „Wir müssen jetzt abwarten. Es gibt keine Alternative.“

Das alte Kohlekraftwerk steht seit zwei Tagen still. Dabei könnte es ein wichtiger Vermögensposten im Imperium von German Pellets sein. Rund zwei Milliarden Euro will die belgische Regierung über zehn Jahre an Subventionen gewähren, falls das Werk wie von Peter Leibold geplant, erhalten und statt mit Kohle künftig mit Holzpellets beheizt wird. Doch derzeit ist unklar, wem das Kraftwerk überhaupt gehört. Die Mitarbeiter stehen vor dem Aus und wissen nicht, wem sie glauben sollen. Peter Leibold hatte ihnen vor vier Wochen neue Investitionen versprochen. Nun ist er verschwunden. Die belgische Zeitung „De Tjid“ meldet, der alte Eigentümer Eon habe das Kraftwerk wieder in Beschlag genommen.

Eon ließ Kraftwerk offenbar pfänden

Das Versteckspiel um das Kraftwerk beschäftigt Verwalterin Bettina Schmudde seit Beginn des vorläufigen Insolvenzverfahrens am 10. Februar. Leibold hatte das Kraftwerk im Ortsteil Langerlo im Januar für German Pellets gekauft und es wenige Tage später an eine Briefkastenfirma in Wien weitergereicht. Eon hat nach Informationen des Handelsblatts das Kraftwerk per Gericht gepfändet, weil bislang nur eine Rate des Kaufpreises bezahlt wurde. Der Kaufpreis soll im niedrigen zweistelligen Millionenbereich gelegen haben. Laut „Wirtschaftswoche“ hat Leibold bislang aber nur 2,5 Millionen Euro bezahlt. Mit einer erfolgreichen Pfändung wäre das Kraftwerk wieder im Besitz von Eon und der Energiekonzern könnte einen neuen Investor suchen. Eon gab dazu keine Stellungnahme ab.

German Pellets-Chef Leibold: Ein Pleitier hebt ab

German Pellets-Chef Leibold

Premium Ein Pleitier hebt ab

Während die Insolvenzverwalterin von German Pellets nach neuen Geldquellen sucht, tourt der alte Chef Peter Leibold in seinem Privatflugzeug quer durch Europa. Eine seltsame Rolle spielt dabei sein Wirtschaftsprüfer.

Die Wismarer German Pellets GmbH bezeichnete sich vor ihrer Pleite als weltgrößten Hersteller von Holzpellets mit einem Gesamtumsatz von rund 600 Millionen Euro und 650 Konzernmitarbeitern. Von der Insolvenz sind nun auch tausende Anleger betroffen. Sie glaubten an ein nachhaltiges Investment und haben allein in Deutschland Anleihen und Genussrechte in Höhe von mehr als 270 Millionen Euro gezeichnet. Als Verwalterin Schmudde die Regie übernahm, fand sie gerade mal 5000 Euro in der Kasse, sämtliche Maschinen standen schon seit Wochen still.

Zwei Konzerntöchter im Insolvenzverfahren

Inzwischen gelang es Schmudde, Teile der Produktion mithilfe eines Massekredits wieder in Gang zu bringen. Auch wird die Bundesagentur für Arbeit die Löhne der Mitarbeiter im April noch bezahlen. Damit dürfte German Pellets erst zum 1. Mai in die Regelinsolvenz gehen. Die Konzerntochter  German Pellets Sachsen GmbH, zu der das Werk in Torgau bei Leipzig gehört, ist bereits zum 1.April in die Regelinsolvenz gegangen, bestätigte das Amtsgericht Schwerin.

German Pellets: Chronik einer Pleite

Wie alles begann

2005 gründet Peter Leibold im Alter von 47 Jahren in Wismar an der Ostsee ein Werk für Holzpellets. Die aus Sägespänen und Holzresten gepressten Stifte werden vor allem als Brennmittel in Heizöfen verwendet.

Exzessives Wachstum

2012: German Pellets hat FireStixx übernommen und betreibt inzwischen mehrere Werke. Das Unternehmen erhöht den Umsatz angeblich von 286,1 Millionen (2011) auf 519,1 Millionen Euro. Nach einer ersten Anleihe, mit der das Unternehmen 80 Millionen Euro einsammelte, begibt der Brennstoffhersteller nun verstärkt (eigenkapitalähnliche) Genussrechte. Das Volumen an Genussrechten steigt in den kommenden Jahren von fünf auf 44 Millionen Euro.

Private US-Geschäfte

2013: Familie Leibold eröffnet ein Werk in Texas (USA) und startet den Bau des US-Werks Louisiana, das 2015 in Betrieb geht. German Pellets sammelt mit einer neuen Anleihe 72 Millionen Euro ein und begibt Genussrechte für 13,2 Millionen Euro. Das Anleihevolumen steigt später auf mehr als 226 Millionen Euro.

Die Krise beginnt

Sommer 2015: Peter Leibold meldet zum Halbjahr ein Umsatzplus um elf Prozent auf 294 Millionen und einen operativen Gewinn von 26 Millionen Euro. Doch das Unternehmen hat inzwischen 443 Millionen Euro Schulden. German Pellets braucht frisches Eigenkapital. Im Herbst will der Brennstoffhersteller Anleger dazu verleiten, ihre (vorrangigen) Anleihen in (nachrangige) Genussrechte zu wandeln. Creditreform errechnet eine Eigenkapitalquote von nur noch 5,4 Prozent.

Der Insolvenzantrag

10. Februar 2016: German Pellets beantragt Insolvenz in Eigenverwaltung. Das Amtsgericht Schwerin lehnt ab und ordnet vorerst ein klassisches Verfahren an. Bettina Schmudde wird vorläufige Verwalterin. Mehrere Töchter und das US-Werk Louisiana sind später ebenfalls insolvent. Zuvor hatten Lieferanten und Mitarbeiter vergeblich auf Geld gewartet. Die Finanzaufsicht Bafin untersagte dem Unternehmen den Handel mit Genussrechten. Eine für 10. Februar angesetzte Gläubigerversammlung sagte German Pellets kurzfristig ab.

Der Wirtschaftskrimi

12. Februar 2016: Die Staatsanwaltschaft Rostock ermittelt gegen Peter Leibold wegen Verdachts auf Unterschlagung. Der Wiener Finanzier MCF Commodities hatte Strafanzeige gestellt, weil ihm wegen unbezahlter Rechnungen angeblich ein Schaden in Höhe von 27 Millionen Euro entstanden sein soll. Peter Leibold schweigt zu den Vorwürfen. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Auch die Vertriebstochter Firestixx Holzenergie in der Nähe von Landshut befindet sich seit 1. April in einem regulären Insolvenzverfahren. Dabei handle es sich weiterhin um eine Insolvenz in Eigenverwaltung, bestätigte Sachwalter Robert Hänel von der Kanzlei Archor. Ziel sei es, Firestixx an einen Investor zu veräußern. Ob Firestixx separat verkauft wird oder im Gesamtpaket mit German Pellets an neue Investoren geht, sei noch offen.

Zu den Firestixx-Gläubigern zählt vor allem die Postbank, die der Vertriebsfirma direkt Kredite gewährt hat und zudem noch eine Haftung für mehr als zwei Millionen Euro übernommen hat. Firestixx ist wichtigster Vertriebspartner von German Pellets, arbeitet aber auch mit anderen Pellets-Herstellern zusammen. Sachwalter Hänel ist zuversichtlich, dass Firestixx fortgeführt werden kann, lässt sich aber nicht auf einen Firmenwert festlegen. „Ein erheblicher Teil des Wertes liegt im immateriellen Bereich, nämlich in der Marke und im Vertriebsnetz von Firestixx.“

Eine Flugstunde kostet nach Schätzungen von Experten rund 3000 Euro. (Foto: Mike Dietrich)

Leibolds Privatflugzeug vom Typ „Beech B 200 Super King Air“

Eine Flugstunde kostet nach Schätzungen von Experten rund 3000 Euro.

(Foto: Mike Dietrich)

Die Mitarbeiter von Firestixx haben damit vergleichsweise klare Perspektiven. Ganz anders als die Belegschaft des alten Kohlekraftwerks in Genk. Sie wartet weiter auf den Mann, der die Rettung versprochen hat. „Herr Leibold ist der einzige, der unsere Fragen beantworten kann. Aber er ist einfach nicht da“, klagt der Gewerkschafter. „Alles, was wir über die vertraglichen Hintergründe wissen, haben wir aus der Zeitung.“

„Der Chef ist auf jeden Fall gesund“

Nachzutragen bleibt: Die angebliche Grippe, mit der sich Peter Leibold in Belgien entschuldigen ließ, dürfte  - wenn überhaupt - glimpflich verlaufen sein. Leibolds Privatflugzeug jedenfalls war nach Handelsblatt-Informationen kurz vor dem geplanten Termin in Genk von München aus über dem Bodensee in Richtung Zürich unterwegs. Am Freitag dann war aus Unternehmenskreisen zu hören, dass der Geschäftsführer „auf jeden Fall gesund“ in der Zentrale in Wismar zugegen sei. Leibold selbst war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Eine Sprecherin des Unternehmens äußerte sich auf Anfrage nicht.

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