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05.10.2016

17:06 Uhr

Gläubigerversammlung von German Pellets

Leibolds Vermächtnis

VonGertrud Hussla, Andreas Dörnfelder

Die Insolvenzverwalterin von German Pellets glaubt, dass der Brennstoffhersteller lange vor der offiziellen Pleite zahlungsunfähig war – zum Schaden Tausender Anleger. Die Staatsanwaltschaft ermittelt noch.

Wie es tatsächlich um das Unternehmen stand, könnte Geschäftsführer Leibold über viele Monate verschleiert haben. dpa

German Pellets

Wie es tatsächlich um das Unternehmen stand, könnte Geschäftsführer Leibold über viele Monate verschleiert haben.

SchwerinDer ältere Herr erhob sich als einer der ersten von seinem Sitz. „Befindet sich die Staatsanwaltschaft im Tiefschlaf?“, rief der Gläubiger der Insolvenzverwalterin zu. „Nein“, antwortete Bettina Schmudde. Sie rechne damit, dass in Kürze Ergebnisse vorlägen und aus den Ermittlungen Konsequenzen gezogen würden.

Seit fast acht Monaten arbeitet Bettina Schmudde die Insolvenz des Wismarer Brennstoffherstellers German Pellets auf. Es ist eine der größten Pleiten Deutschlands im laufenden Jahr. An diesem Mittwoch stand die Juristin im „Goldenen Saal“ des Justizministerium von Schwerin und berichtete den Gläubigern. Der prächtige Raum passte nicht ganz zu ihren düsteren Nachrichten. Kronleuchter, klassizistische Säulen, vergoldete Kapitäle umgaben die Insolvenzverwalterin, während sie im schwarzen Kostüm eher traurige Zahlen vortrug.

„Womöglich schon Mitte 2015 zahlungsunfähig“

Mit dem Verkauf mehrerer Werke haben sie und ihr Team zwar mehr als hundert Arbeitsplätze gerettet. Für die 17.000 Anleger, die German Pellets rund eine viertel Milliarde Euro anvertrauten, kam bisher aber nur ein Bruchteil ihres Einsatzes zusammen. Mindestens 480 Millionen Euro Schulden haben Gründer und Geschäftsführer Peter Leibold bis zur Insolvenzeröffnung angehäuft. Die angemeldeten Forderungen betragen sogar mehr als zwei Milliarden Euro. Doch vorsichtig gerechnet hat das Verwalterteam erst zwölf Millionen Euro aus dem Unternehmen gerettet. Damit dürfte Leibold mehrere hundert Millionen Euro verbrannt haben.

Mehr noch: Wie es tatsächlich um das Unternehmen stand, könnte Leibold über viele Monate verschleiert haben. Am 9. Februar hat der Geschäftsführer Insolvenz angemeldet. „Doch möglicherweise war der Konzern schon Mitte 2015 zahlungsunfähig“, erklärte Schmudde den Gläubigern. Trifft das zu, hätte sich Leibold strafbar gemacht. Ist eine Firma überschuldet oder zahlungsunfähig, muss der Chef binnen drei Wochen Insolvenzantrag stellen. Unterlässt er dies bewusst, drohen bis zu drei Jahren Haft. Fachbegriff: Insolvenzverschleppung. Wer dazu noch Vermögen beiseite schafft oder Bilanzen fälscht (Bankrott),muss mit bis zu fünf Jahren Gefängnis rechnen.

German Pellets: Chronik einer Pleite

Wie alles begann

2005 gründet Peter Leibold im Alter von 47 Jahren in Wismar an der Ostsee ein Werk für Holzpellets. Die aus Sägespänen und Holzresten gepressten Stifte werden vor allem als Brennmittel in Heizöfen verwendet.

Exzessives Wachstum

2012: German Pellets hat FireStixx übernommen und betreibt inzwischen mehrere Werke. Das Unternehmen erhöht den Umsatz angeblich von 286,1 Millionen (2011) auf 519,1 Millionen Euro. Nach einer ersten Anleihe, mit der das Unternehmen 80 Millionen Euro einsammelte, begibt der Brennstoffhersteller nun verstärkt (eigenkapitalähnliche) Genussrechte. Das Volumen an Genussrechten steigt in den kommenden Jahren von fünf auf 44 Millionen Euro.

Private US-Geschäfte

2013: Familie Leibold eröffnet ein Werk in Texas (USA) und startet den Bau des US-Werks Louisiana, das 2015 in Betrieb geht. German Pellets sammelt mit einer neuen Anleihe 72 Millionen Euro ein und begibt Genussrechte für 13,2 Millionen Euro. Das Anleihevolumen steigt später auf mehr als 226 Millionen Euro.

Die Krise beginnt

Sommer 2015: Peter Leibold meldet zum Halbjahr ein Umsatzplus um elf Prozent auf 294 Millionen und einen operativen Gewinn von 26 Millionen Euro. Doch das Unternehmen hat inzwischen 443 Millionen Euro Schulden. German Pellets braucht frisches Eigenkapital. Im Herbst will der Brennstoffhersteller Anleger dazu verleiten, ihre (vorrangigen) Anleihen in (nachrangige) Genussrechte zu wandeln. Creditreform errechnet eine Eigenkapitalquote von nur noch 5,4 Prozent.

Der Insolvenzantrag

10. Februar 2016: German Pellets beantragt Insolvenz in Eigenverwaltung. Das Amtsgericht Schwerin lehnt ab und ordnet vorerst ein klassisches Verfahren an. Bettina Schmudde wird vorläufige Verwalterin. Mehrere Töchter und das US-Werk Louisiana sind später ebenfalls insolvent. Zuvor hatten Lieferanten und Mitarbeiter vergeblich auf Geld gewartet. Die Finanzaufsicht Bafin untersagte dem Unternehmen den Handel mit Genussrechten. Eine für 10. Februar angesetzte Gläubigerversammlung sagte German Pellets kurzfristig ab.

Der Wirtschaftskrimi

12. Februar 2016: Die Staatsanwaltschaft Rostock ermittelt gegen Peter Leibold wegen Verdachts auf Unterschlagung. Der Wiener Finanzier MCF Commodities hatte Strafanzeige gestellt, weil ihm wegen unbezahlter Rechnungen angeblich ein Schaden in Höhe von 27 Millionen Euro entstanden sein soll. Peter Leibold schweigt zu den Vorwürfen. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Zum möglichen Zeitpunkt der tatsächlichen Insolvenz jedenfalls ließ sich Peter Leibold nach außen hin nichts anmerken. Mitte des Jahres 2015 verkündete er einen Halbjahresgewinn von 4,7 Millionen Euro. Noch im November warb German Pellets bei Anlegern mehrere Millionen Euro frisches Genussrechtskapital ein und stellte acht Prozent Rendite in Aussicht. Die Ratingagentur Creditreform bescheinigte dem Unternehmen noch im Oktober eine „befriedigende Bilanzbonität“. Die Entwicklung zeige „grundsätzlich einen positiven Trend“. Eine Fehleinschätzung. Keine drei Monate nach dem Rating war German Pellets offiziell pleite.

Die Staatsanwaltschaft Rostock ermittelt seit Monaten gegen Gründer Peter Leibold unter anderem wegen des Verdachts der Insolvenzverschleppung und des Bankrotts. Ein eigens beauftragter Gutachter sei noch immer dabei, den exakten Zeitpunkt der Zahlungsunfähigkeit zu bestimmen, erklärte ein Sprecher der Behörde. Bisher gebe es nur Vermutungen aber keine belastbaren Ergebnisse. Peter Leibold war am Mittwoch für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Eine schriftliche Anfrage ließ er bis zum späten Nachmittag unbeantwortet.

Schmudde sieht nun „Anhaltspunkte für Haftungsansprüche gegen den Geschäftsführer“. Nicht nur weil er die Zahlungsunfähigkeit über Monate verschleiert haben könnte. Auffällig sei auch, dass Leibold umfangreiche Darlehen an Dritte geleitet hat, ohne jede Sicherheit. Allein an die Pele-Stiftung in Wien ist ein dreistelliger Millionenbetrag geflossen, der wiederum in Werke in die USA weitergeleitet wurde.

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