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31.05.2012

16:16 Uhr

Griechenland

Angst vor „Grexit“ trifft auch gesunde Firmen

Immer mehr Anleger setzen auf einen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone. Dies hat inzwischen auch gravierende Folgen für die wenigen gesunden Unternehmen des Landes wie die Telekom-Tochter OTE.

Die Anleger wetten über die Credit Default Swaps der griechischen Telekom-Tochter OTE auf den „Grexit“. dpa

Die Anleger wetten über die Credit Default Swaps der griechischen Telekom-Tochter OTE auf den „Grexit“.

LondonIn Griechenland zieht die Schuldenkrise auch gesunde Unternehmen in ihren Strudel. Eines davon ist OTE. Einige Anleger haben sich die Tochter der Deutschen Telekom ausgeguckt, um über sie auf einen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone - den „Grexit“ - zu wetten. Sie spekulieren dazu mit Kreditausfall-Versicherungen, den sogenannten Credit Default Swaps (CDS) des Telekom-Anbieters.

„An den Kreditmärkten wird die Pleite des Unternehmens als Folge eines Griechenlands-Austritts diskutiert, weil die Investoren ein großes systemisches Risiko einpreisen - mit Fundamentaldaten hat das aber wenig zu tun“ sagte Andrew Sheets, Chef der europäischen Kreditstrategie bei Morgan Stanley. Laut Analysten gilt OTE, die zu 40 Prozent der Deutschen Telekom gehören, eigentlich als gesundes Unternehmen. Der Konzern macht ein Drittel seiner Umsätze im Ausland und sollte über genug Liquidität verfügen, um in den nächsten Jahren über die Runden kommen.

Folgen einer Staatspleite für Gläubiger

Wie hoch waren die Verluste privater Gläubiger bei Staatspleiten?

Die Rating-Agentur Moody's hat 13 staatliche Zahlungsausfälle zwischen 1998 und 2008 untersucht. Danach mussten die Gläubiger 30 Tage nach dem Zahlungsverzug einen durchschnittlichen Abschlag von rund 50 Prozent hinnehmen.

Der Zahlungsausfall schwankte in den einzelnen Ländern aber stark. Gläubiger der Dominikanischen Republik kamen mit einem Minus von fünf Prozent noch glimpflich davon. Für Zeichner russischer Anleihen lag der Verlust mit 82 Prozent um ein Vielfaches höher.

Wurden ausländische Gläubiger benachteiligt?

Grundsätzlich werden ausländische Investoren nicht schlechter behandelt als einheimische Gläubiger. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Internationalen Währungsfonds (IWF).

Allerdings gibt es auch hier keine Regeln ohne Ausnahmen: Sowohl die Ukraine als auch Russland räumten den einheimischen Investoren „deutlich bessere Deals“ ein.

Wie schnell erholen sich Länder von einer Staatspleite?

„Sowohl die russische als auch die argentinische Wirtschaft konnten die Krise relativ schnell überwinden, profitierten dabei aber von außergewöhnlich günstigen Rahmenbedingungen“, heißt es in einer Commerzbank-Studie. In Russland brach die Wirtschaftsleistung im Krisenjahr 1998 um rund 5,5 Prozent ein, ehe sie in den Folgejahren wegen des Rohstoffbooms um durchschnittlich etwa sieben Prozent wuchs.

Auch Argentinien erholte sich dank der steigenden Rohstoffnachfrage rasch. „Anleger sollten diese Erfolge daher nicht bedenkenlos auf andere Länder übertragen“, warnen die Experten der Commerzbank.

Sind Hilfen des IWF eine Garantie gegen Staatspleiten?

Neben den Euro-Ländern hilft auch der IWF mit Geldern aus: Sowohl in Griechenland als auch in Irland ist der erfahrende Krisenhelfer mit im Boot. Aber auch IWF-Hilfen waren in der Vergangenheit keine Garantie gegen Staatspleiten, wie das Beispiel Russland zeigt.

IWF und Weltbank sagten dem vor dem finanziellen Kollaps stehenden Land im Krisenjahr 1998 Hilfen von 22,6 Milliarden Dollar zu. Dennoch bediente der Staat ab August 1998 seine Schulden nicht mehr.

Was passiert, wenn IWF-Auflagen missachtet werden?

Bedingung für IWF-Hilfen sind strenge Auflagen, die aber nicht immer eingehalten werden. Der IWF schnürte 2000/2001 mehrere Hilfspakete für Argentinien - er erhöhte die Kreditlinien, organisierte Kreditzusagen der Weltbank und der spanischen Regierung.

Die Regierung aber sparte nicht wie vereinbart, sondern fuhr ihre Ausgaben im Kampf gegen die Wirtschaftskrise sogar hoch. Argentinien verfehlte damit die mit dem IWF vereinbarten Haushaltsziele.

Der Fonds setzte deshalb im Dezember 2001 die Zahlungen aus. Am 3. Januar 2002 konnte Argentinien seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr erfüllen.

„Unsere Volkswirte sehen die Wahrscheinlichkeit eines griechischen Euro-Austritts bei 35 Prozent“, fügt Sheet hinzu. „Dies ist weniger, als durch den CDS-Kurs von OTE impliziert wird.“

Im Mai kostete die Absicherung eines 10 Millionen Euro schweren Kredits an OTE über fünf Jahre zeitweise die Rekordsumme von 3,846 Millionen Euro. Dies ist ungefähr drei Mal so viel wie noch im März. Noch deutlicher werden die Spekulationen bei CDS mit einer Laufzeit von nur einem Jahr. Wegen der Furcht vor einem unmittelbar bevorstehenden „Grexit“ verlangen die Anbieter zur Absicherung von 10 Millionen Euro eine Anzahlung von 3,6 Millionen Euro. Derartige Auftakt-Zahlungen werden üblicherweise nur bei CDS für Verbindlichkeiten von Staaten oder Unternehmen verlangt, die als am Rande der Zahlungsunfähigkeit stehend betrachtet werden.

Kreditausfallversicherungen (CDS)

Was sind Kreditausfallversicherungen?

Mit Credit Default Swaps (CDS) - zu deutsch Kreditausfallversicherungen - können sich Investoren gegen einen möglichen Zahlungsausfall zum Beispiel einer Staatsanleihe oder eines Firmenbonds absichern. Kann der Schuldner nicht zahlen, springt der Versicherer ein. Vorausgesetzt er hat ausreichend dafür vorgesorgt - was nicht immer der Fall ist. 2008 stand der damals größte Emittent solcher Produkte, der US-Versicherungsriese American International Group (AIG), kurz vor der Pleite. Damals ging es um CDS auf den Ausfall hochspekulativer Wertpapiere, die Kredite für den amerikanischen Häusermarkt bündelten. Der Versicherungskonzern konnte die Schadenssummen aus den Ausfällen nur zahlen, weil er vorher vom Staat gerettet wurde.

Wer verdient an den CDS?

Zuerst einmal derjenige, der das Risiko versichert - das kann beispielsweise eine Bank sein. Je schlechter ein Land da steht, desto höher die Summe, die für eine Kreditausfallversicherung gezahlt werden muss. Die Prämien für mögliche Ausfälle Griechenlands oder anderer hoch verschuldeter Euro-Staaten sind deutlich gestiegen. Mit Kreditausfallversicherungen wetten aber auch Zocker auf eine schlechtere Bonität der Schuldner, ohne die entsprechenden Staatsanleihen zu besitzen. Dem schiebt die EU weitgehend einen Riegel vor, weil die Praktiken nach gängiger Meinung den Kursverfall von Staatsanleihen künstlich beschleunigt haben. Prinzipiell sollen sich von November 2012 an nur noch Investoren den Schutz über CDS kaufen können, die entsprechende Staatsanleihen halten.

Warum stehen CDS in der Kritik?

CDS werden nicht an der Börse gehandelt, der Markt gilt als wenig transparent und es gibt bisher keine staatliche Kontrolle über die ausgegebenen Papiere. Welche Investoren wie viele CDS auf Griechenland-Anleihen in ihren Büchern haben, ist kaum zu durchschauen. Der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Mählmann von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt sieht daher „dringenden Handlungsbedarf“. „CDS sind durchaus sinnvoll. Aber es
muss klar sein, wer welches Risiko trägt. Es darf keinen zweiten AIG-Fall geben“.

Was ist das Risiko?

Viele Finanzhäuser haben ihr Engagement in Griechenland-Anleihen verringert. Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass sie die Papiere verkauft haben. Das Risiko lässt sich auch durch den Erwerb von CDS minimieren. „Die entscheidende Frage ist daher, wo das Risiko geblieben ist. Die Anleihen sind ja nicht verschwunden. Durch die CDS wurde das Risiko lediglich umverteilt“, sagt Mählmann. Zwar führt der amerikanische Finanzdienstleister
Depository Trust & Clearing Corp (DTCC) ein zentrales Register, das Auskunft über die Volumina der Produkte gibt. „Doch CDS müssen nicht darüber laufen. Es gibt nach wie vor keine richtige Transparenz“, kritisiert Mählmann. (Quelle: dpa)

OTE seien die einzigen liquiden griechischen Credit Default Swaps, erklärt Michael Hampden-Turner, Kreditstratege bei der Citigroup, den regen Handel mit den Ausfall-Versicherungen des Konzerns. CDS auf griechische Staatsanleihen kommen für derartige Wetten nicht mehr infrage. Da die privaten Gläubiger dem klammen Staat im März mehr als die Hälfte seiner Schulden erlassen hatten, wurden die Ausfallversicherungen für die Bonds des Landes fällig. Der Schuldenschnitt war zentrale Voraussetzung für die weiteren Hilfsgelder der Euro-Partner.

Nach der gescheiterten Regierungsbildung Mitte Mai steht Griechenland nun allerdings erneut im Rampenlicht. Immer mehr Investoren fürchten, dass bei den am 17. Juni anstehenden Neuwahlen die Gegner des Sparkurses die Oberhand gewinnen. Damit steigt das Risiko, dass EU und Internationaler Währungsfonds (IWF) den Geldhahn zudrehen, der Mittelmeer-Anrainer zahlungsunfähig wird und anschließend die Euro-Zone verlässt.

Von

rtr

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