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20.03.2012

11:49 Uhr

Griechenland-Pleite

Was Privatanleger jetzt beachten müssen

VonAndrea Cünnen, Anke Rezmer, Christian Schnell

Der Schuldenschnitt Griechenlands ist vollzogen. Auf der Wertpapierabrechnung macht sich das bereits bemerkbar. Was man über die neuen Papiere wissen sollte - die wichtigsten Fragen und Antworten.

Im Hafen von Piräus: Eine griechische Megjacht. dapd

Im Hafen von Piräus: Eine griechische Megjacht.

Der größte Schuldenschnitt in der Geschichte Griechenlands ist Realität. Inzwischen ist der Anleihetausch vollzogen – die neuen Papiere sind in den Depots eingebucht. Statt einer satten Rendite, auf die viele noch vor einem Jahr spekulierten, steht nun ein deutlich geringerer Betrag auf der Wertpapier-Abrechnung. Mit vielen Detailfragen fühlen sich gerade Privatanleger überfordert. Das Handelsblatt hat die wesentlichen Aspekte zusammengetragen, auf die Anleger achten müssen.

>>Wie hoch ist der Abschlag beim Umtausch?
Investoren bekommen nur 46,5 Prozent ihrer Anlagen ausbezahlt. Für alte griechische Anleihen im Wert von 1000 Euro bekamen sie also neue Bonds im Wert von 465 Euro – allerdings nicht als ein neues, sondern als gleich 24 neue Wertpapiere, die in die Depots eingebucht wurden. Außerdem liegt der wahre Verlust durch die schlechteren Konditionen der neuen Anleihen deutlich höher – bei etwa 80 Prozent.

>>Wie setzen sich die neuen Wertpapiere zusammen?
31,5 Prozent des ursprünglichen Nennwerts – also 315 Euro je Ursprungsanleihe von 1000 Euro – gibt es in Form von 20 neuen griechischen Anleihen im Nennwert von 15 bis 16 Euro und mit Laufzeiten von elf bis 30 Jahren. 15 Prozent – also 150 Euro – gibt es theoretisch als neue Anleihen des Europäischen Rettungsschirms EFSF.

Was Anleger beim Schuldenschnitt 2012 erhalten

Frische 30-jährige Anleihe

Exakt 31,5 Prozent des ausstehenden Nennwerts der bisherigen Anleihen erhalten Gläubiger in Form des folgenden Papiers:

Anleihe mit Laufzeit bis 2042:

In den Jahren 2013, 2014 und 2015 beläuft sich die Zinszahlung (Koupon) auf: 2,0 Prozent

In den Jahren 2016 bis 2020 einschließlich beläuft sich die Zinszahlung (Koupon) auf: 3,0 Prozent

Im Jahr 2021 beläuft sich die Zinszahlung (Koupon) auf: 3,65 Prozent

Ab dem Jahr 2022 beläuft sich die jährliche Zinszahlung (Koupon) auf: 4,3 Prozent

Die Zinsen werden ab dem 24. Februar 2012 berechnet.

Die neuen Anleihen werden eine Umschuldungsklausel (CAC) enthalten.

An das BIP gekoppeltes Papier

Zu der frischen 30-jährigen Anleihe mit EFSF-Absicherung erhalten die Anleger ein getrennt handelbares Wertpapier:

Der Wert dieses Papiers wird von der Entwicklung des Wirtschaftswachstums in Griechenland abhängen. Ab welchem Wachstumswert des Bruttoinlandsprodukts (BIP) diese Papiere greifen, war in der ersten veröffentlichten Übersicht des griechischen Finanzministeriums nicht vermerkt. Mittlerweile liegen die Schwellenwerte vor, ab denen es zusätzliche Zahlungen geben wird.

Eine Auszahlung wird es erstmals für das Jahr 2014 geben, die Überweisung dafür erfolgt am 15. Oktober 2015. Bezugsgröße ist das bis dahin von der europäischen Statistikbehörde Eurostat veröffentlichte BIP für Griechenland. Spätere Revisionen finden keine Berücksichtigung. Die letzte Zahlung kann es im Jahr 2042 für das Jahr 2041 geben.

Die Auszahlung errechnet sich wie folgt:

[(Nominales BIP - nominaler BIP-Referenzwert] - realem BIP-Referenzwert] x 1,5 = Y
Sollte Y den Wert 0,01 überschreiten, gilt Y=0,01
Auszahlung für jeweils 100 Euro Nennwert des Papiers = 100 € x Y
Maximal werden also 1 Euro je 100 Euro Nennwert ausgeschüttet.

Die Wachstumsrate berechnet sich aus dem nominalen BIP im betreffenden Jahr im Vergleich zu nominalen Referenz-BIP-Werten.

Die realen BIP-Referenzwerte sind folgende:
2014 - 2,345 %
2015 - 2,896 %
2016 - 2,845 %
2017 - 2,797 %
2018 - 2,597 %
2019 - 2,497 %
2020 - 2,247 %
2021-2041 - 2 %

Die nominalen BIP-Referenzwerte lauten (in Mrd. €)
2014 - 210,1
2015 - 217,9
2016 - 226,4
2017 - 235,7
2018 - 245,5
2019 - 255,9
2020-2041 - 266,5

Aus den nominalen und realen BIP-Referenzwerten für 2014 leitet sich folgendes Beispiel ab: Das nominale BIP im Jahr 2014 muss mindestens 215,03 Milliarden Euro betragen, damit es eine Zahlung auf die Papiere gibt. Ab einem nominalen BIP-Wert von 217,13 Milliarden Euro im Jahr 2014 gibt es für dieses Jahr die maximale Zahlung von einem Euro pro 100 Euro Nennwert.

Zur Erinnerung: Das nominale BIP Griechenlands hat im Jahr 2010 laut den jüngsten Zahlen von Eurostat 230 Milliarden Euro betragen, ist im vergangenen Jahr aber deutlich geschrumpft. Bei einem angenommenen Minus von sieben Prozent hat das nominale BIP 2011 etwa 214 Milliarden Euro betragen. Die Stagnation des BIP-Referenzwerts ab 2020 lässt Auszahlung in den Jahren danach wahrscheinlicher werden.

Die Angaben erfolgen ohne Gewähr.

EFSF-Papier statt Bargeld

Gläubiger mit Sitz in den USA erhalten 15 Prozent des ausstehenden Nennwerts ihrer Anleihen in bar ausgezahlt. Alle anderen Gläubiger erhalten diese 15 Prozent in Form eines EFSF-Wertpapiers:

EFSF Note:

Es wird zwei Varianten dieser „Notes“ geben, beide mit einem Gesamtvolumen von bis zu 15 Milliarden Euro.

Die Laufzeit endet am 12. März 2013 beziehungsweise am 12. März 2014.

Der Zinssatz auf diese Papiere steht noch nicht fest.

>>Warum nur theoretisch?
Weil die Auszahlungen bei den beiden EFSF-Anleihen abgerundet werden. Die EFSF-Bonds werden in Zehn-Euro-Stückelungen ausgezahlt. Wenn also jemand eine ungerade Zahl EFSF-Anleihen eingebucht bekommt, verliert er durch die Buchung Geld: Wer beispielsweise nur eine alte Griechenland-Anleihe besaß, sollte nun zwei neue EFSF-Papiere zum Nennwert von je 75 Euro bekommen. Wegen der Stückelung in zehn Euro, bekommt dieser Anleger aber nur zwei EFSF-Anleihen zu je 70 Euro verbucht.

Kommentare (14)

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tchierchill

20.03.2012, 12:10 Uhr

Das ist ja mal ein richtig aktueller Artikel! 2 Wochen NACHDEM der Umtausch stattgefunden hat nimmt sich das Handelsblatt dem Thema an und erklärt allen Privatanlegern was sie zu erwarten haben. TOLL, dieser schnelle und aktuelle Journalismus.

Didi

20.03.2012, 12:16 Uhr

Es kommt so ein wenig Schadenfreude auf, wenn diejenigen die noch vor etwas mehr als einem Jahr öffentlich verkündeten sie hätten Griechenpapiere gekauft, jetzt den Schaden haben. Insbesondere gilt das für Politiker die uns sagten alles wäre sicher, der Euro stabil, sie hätten ja selbst investiert.
Der gläubige Michel sollte jetzt endlich aufwachen und selbst denken, indem er seine Ersparnisse schnell rettet.

Account gelöscht!

20.03.2012, 12:58 Uhr

Die steuerliche Betrachtung scheint mir etwas rosig. Statt Verluste werden einige Gewinne versteueren müssen. Der Nominalwert der eingebuchten Anleihen beträgt 78 (15 EFSF, 31,5 GR-Anleihen, 31,5 Besserungsschein). Bei der bekannten Bürgerfreundlichkeit des Fiskus sollten sich also alle, die unter 78 eingestiegen sind, schonmal auf eine Steuerzahlung gefasst machen. Alternativ besteht natürlich die Möglichkeit, den Gewinn mit dem durch Verkauf (wegen der niedrigen Marktbewertung und hohen Gebühren) entstehenden Verlust zu "kompensieren". Der, der weiter auf sein Glück baut, darf hoffen, dass zumindest der Besserungsschein nicht mit Nominalwert angesetzt wird, da er ja max. 28x 1€ und nicht 31,5€ bringt ;-)
Dumm ist unser Finanzminister ja nicht. Aber wer viel zaubert verheddert sich auch schonmal. Es würde die Schadenfreude bedienen, wenn das Ziehen der CAC, durch das natürlich souveräne Griechenland, auf das Deutschland bekanntermaßen gerade in der letzten Zeit überhaupt keinen Einfluss hatte, die künftige Refinanzierung verteuert. 0,1% mehr Zins macht bei 2 Billionen 2 Mrd pro Jahr. Ich glaube, dass nennt man auch hegden. Echt schlau. Schade nur, dass diese Intelligenzleistung am Ende wieder aus meiner Tasche bezahlt werden wird.
P.S. schnell noch eine gute Nachricht. Seit Sonntag dürfen wir wieder allen Politikern trauen, wegen Gauk. Der Leumund ist wieder hergestellt. Quasi wie bei Griechenland. Hat auch wieder ein B-Rating. War leider nicht der Gauk-Effekt, sondern Enteignung.

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