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13.07.2015

12:00 Uhr

Griechenland und die Märkte

„Champagnerflaschen sollten vorerst im Kühlschrank bleiben“

VonJessica Schwarzer, Andrea Cünnen

Die zähen Verhandlungen mit Griechenland haben ein Ende und Investoren jubeln. Raus aus sicheren Häfen, rein ins Risiko lautet die Devise. Gebannt ist die Gefahr aber nicht, Experten warnen vor zu großem Optimismus.

Zu früh zum Feiern: Das glauben einige Experten, wenn es um die Griechen-Einigung geht. Imago

Kühler Champagner

Zu früh zum Feiern: Das glauben einige Experten, wenn es um die Griechen-Einigung geht.

DüsseldorfIn einer rund 17-stündigen Marathon-Sitzung haben sich die Staats- und Regierungschefs der 19 Euro-Länder auf die Bedingungen für weitere Griechenland-Hilfen geeinigt. An den Märkten hat das ein kleines Kursfeuerwerk ausgelöst. Der deutsche Aktienmarkt schnellte am Vormittag in die Höhe. Der Dax baute seine jüngsten Gewinne aus und stieg um mehr als 1,5 Prozent auf fast 11.500 Punkte.

Europäische Standardwerte legten noch stärker zu, der Euro Stoxx 50 sprang um mehr als 1,7 Prozent nach oben. Noch gibt es viele Fragezeichen, Details müssen noch verhandelt werden, aber so viel steht fest: Der europäische Rettungsfonds ESM soll dem Mittelmeer-Anrainer unter die Arme greifen. Binnen drei Jahren sollen weitere 82 bis 86 Milliarden Euro nach Athen fließen.

Mit der Einigung ist aber nur ein Etappenziel auf dem Weg zur Rettung Griechenlands erzielt. Denn nun muss das griechische Parlament erste Reformgesetze verabschieden. Experten rechnen damit, dass Tsipras trotz erheblicher Widerstände eine breite Mehrheit im Parlament erreicht. „Eine Ablehnung wäre wie russisches Roulette mit einer Kugel in jeder Kammer“, sagt Christian Lips, Analyst bei der NordLB.

Das griechische Schuldendrama von A bis M

A wie Austerität

Das Schlagwort der Krise. Umschreibt die Sparpolitik, um Haushaltsexzessen Einhalt zu gebieten. Weiteres Kürzen stürze die Menschen ins Elend und würge die Konjunktur ab, klagt Tsipras und steht damit nicht allein. Haushaltsdisziplin sei wichtig, um die Krise überwinden können, sagen Befürworter. Vor allem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) werfen Kritiker vor, für einen übertriebenen Sparkurs in Europa einzutreten.

B wie Bargeld

Äußerst knapp in Griechenland. Seit Ende Juni dürfen die Griechen an Bankautomaten nur noch täglich bis zu 60 Euro abheben. Weil viele aus Angst vor der Staatspleite ihre Konten leerräumten, droht den Banken das Geld auszugehen.

D wie Draghi

Mario Draghi, mächtiger Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), die über die Stabilität des Euro wacht. Draghi spielt eine Schlüsselrolle im Griechenland-Drama. Wenn die EZB den Geldhahn zudreht, weil es zu keiner Lösung kommt, stehen die Banken vor dem Aus; Griechenland dürfte dann endgültig zahlungsunfähig sein.

E wie Eurogruppe

Die Versammlung der Finanzminister aus den 19 Euroländern stieg in der Finanz- und Wirtschaftskrise zum weltweit beachteten Entscheidungsgremium auf. Sie hebt oder senkt den Daumen über Milliarden-Hilfsprogramme für die Euro-Krisenländer.

F wie Finanzmärkte

Verlieren Anleger das Vertrauen, dass Schulden überhaupt noch zurückgezahlt werden, dann können sich Staaten nur noch zu extrem hohen Zinsen finanzieren. Das wird sehr teuer. Diese Geldquelle bleibt Griechenland schon seit langem versagt.

G wie Grexit

Kunstwort bestehend aus „Greece“ (Griechenland) und dem englischen Wort „exit“ (Ausstieg). Der Ausstieg aus dem Euro - gewollt oder durch versehentliches Hinausschlittern - wurde zuletzt im Griechenland-Fall angesichts der drohenden Staatspleite von vielen nicht mehr ausgeschlossen.

I wie IWF

Der Internationale Währungsfonds mit Christine Lagarde als mächtiger Chefin ist einer der gewichtigen Kreditgeber Athens. Lagarde drängt die Eurogruppe, einer Umschuldung zuzustimmen.

J wie Jugendarbeitslosigkeit

Besonders dramatisch sind die Zukunftsaussichten der jungen Leute. Bei einer Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent in Griechenland haben die meisten kaum Hoffnungen, einen Job zu finden.

L wie Lissabon-Vertrag

Der Lissabon-Vertrag verbietet im Artikel 125, dass ein EU-Staat einen anderen Staat „herauskaufen“ kann („No-Bailout-Klausel“). Darauf berufen sich auch Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU).

M wie Merkel

Bundeskanzlerin Merkel wird als oberste Krisenmanagerin in Europa angesehen. Sie beharrt darauf: Milliardenhilfen gebe es nur gegen Reformen und Sparprogramme. Ihr und Schäuble wird von Kritikern ein überzogener Sparkurs vorgeworfen.Bundeskanzlerin Merkel wird als oberste Krisenmanagerin in Europa angesehen. Sie beharrt darauf: Milliardenhilfen gebe es nur gegen Reformen und Sparprogramme. Ihr und Schäuble wird von Kritikern ein überzogener Sparkurs vorgeworfen.

„Die Champagnerflaschen sollten vorerst im Kühlschrank bleiben“, meint auch Thomas Gitzel, Chefvolkswirt bei der VP Bank. Noch müsse das neue Hilfspaket schließlich erst  durch einige nationale Parlamente. Während Bundeskanzlerin Angela Merkel das Paket durch den Deutschen Bundestag bringen dürfte, stehen in der Slowakei, in Estland und Finnland schwierige Abstimmungen an.

Doch die größte Hürde steht unmittelbar bevor: Als erster Schritt muss Griechenlands Regierungschef Alexis Tsipras Nägel mit Köpfen machen und wesentliche Punkte des Paketes bis Mittwoch durch das griechische Parlament bringen. Nachfolgend muss Athen das Gesamtpaket verabschieden. „Der Nervenkrimi geht in den nächsten Tagen also weiter“, sagt Gitzel.

Deshalb glaubt auch Dominik Auricht, Experte für Anlage- und Hebelprodukte Hypo-Vereinsbank onemarkets, nicht, dass die Einigung zu einer nachhaltigen Beruhigung an den Börsen führen wird. „Groß durchatmen können Anleger ohnehin nicht“, sagt er. Mit seiner Einschätzung ist er nicht allein. „Dieser Gipfel hat den Grexit jetzt verhindert“, sagte Jürgen Michels, Chef-Volkswirt der BayernLB.

„Aber es wird unglaublich schwer sein, die genannten Sofortmaßnahmen wie auch die folgenden Reformen in Griechenland durchzusetzen. Die Folgerung daraus lautet: Grexit nicht heute, aber später.“ Die Erleichterung an den Märkten könnten also ziemlich schnell neuer Angst weichen.

Kommentare (4)

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Herr Heiner Schumann

13.07.2015, 12:33 Uhr

Italienische und spanische Anleihen kann das Handelsblatt einmal erklären was an diesen Schrottanleihen interessant sein soll.

Herr Matthias Moser

13.07.2015, 14:28 Uhr

Wohl wahr!

Herr walter rehm

13.07.2015, 14:53 Uhr

Wohl dem der unter 10.900 gekauft hat....wie ich...es ist so einfach wenn man das System verstanden hat...mit knappen Calls Renditen von über 200% in wenigen Minuten...aber was macht der Kleinanleger...der zaudert oder kauft Puts

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