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16.11.2011

13:52 Uhr

Griechische Staatsanleihen

376 Prozent Rendite - ein riskanter Deal

VonUlf Sommer

Nach dem Schuldenschnitt für Griechenland fallen die Kurse der Staatsanleihen tiefer und tiefer. Viele Kleinanleger spekulieren auf den ganz großen Gewinn, doch die Risiken sind riesig.

Viele Kleinanleger spekulieren auf den ganz großen Gewinn mit Griechenland-Papieren und riskieren den Totalverlust. dapd

Viele Kleinanleger spekulieren auf den ganz großen Gewinn mit Griechenland-Papieren und riskieren den Totalverlust.

DüsseldorfJahrzehntelang haben Banken und Versicherungen mit griechischen Staatsanleihen gehandelt - im Vertrauen darauf, für ihre Kunden etwas höhere, aber sichere Zinsen zu kassieren. Die Schuldenkrise, die schlechten Ratings der Bonitätswächter und die Ausfallrisiken zwingen die Profis jetzt, ihre Anleihen abzuschreiben oder mit Verlust zu verkaufen. In die Bresche springen viele private Anleger. Das belegen die rasant gestiegenen Umsätze. Jahresrenditen von über 100 Prozent locken Spekulanten an.

Immer weiter fallende Kurse und steigende Renditen signalisieren aber: Die Finanzmärkte vertrauen den Regierungen nicht, die Griechenland 50 Prozent der Schulden erlassen wollen. Sie rechnen mit noch höheren Einschnitten.

Konkret: Die 22 Milliarden Euro schwere griechische Anleihe mit einer Laufzeit bis 20. März 2012 wirft bei einem Kurs von 44 Prozent eine aufs Jahr hochgerechnete Rendite von 376 Prozent ab. Nach Abzug der Abgeltungssteuer und des Solidaritätszuschlags verbleiben 270 Prozent. Vorausgesetzt, dass Griechenland die Anleihe zu 100 Prozent zurückzahlt - so wie es bei Anleihen nach Ende der Laufzeit üblich ist. Davon dürfen, nach aktuellem Stand, alle Anleger ausgehen, die sich dem vereinbarten „freiwilligen Schuldenschnitt“ verweigern.

Das bringt der Schuldenschnitt

Was wurde zum Schuldenschnitt bereits vereinbart?

Beim vergangenen Krisengipfel Ende Oktober nahmen die Euro-Retter die Finanzbranche stärker in die Pflicht. Der IIF versprach, dass die privaten Geldgeber freiwillig auf 50 Prozent ihrer Forderungen an Griechenland verzichten würden. Das ist deutlich mehr als noch im Juli vereinbart. Damals hatten sich Banken und Versicherer zu einem Schuldenschnitt von 21 Prozent bereit erklärt.

Wie soll der Schuldenschnitt ablaufen?

Die Verhandlungen zwischen Athen und seinen Gläubigern über die Details des Schuldenschnitts haben begonnen. Klar ist, dass die Gläubiger Anfang 2012 ihre alten Anleihen gegen neue tauschen sollen. Diese könnten etwa einen niedrigeren Wert haben, oder mehrere alte müssten gegen eine neue Anleihe getauscht werden. Die genaue Umsetzung des Anleihentauschs - also die Frage welche Anleihen die Investoren wogegen tauschen - ist Gegenstand der Verhandlungen.

Was soll der Schuldenerlass bringen?

Mit dem kontrollierten Schuldenerlass sollen die privaten Geldgeber helfen, eine unkontrollierte Insolvenz Griechenlands zu verhindern. Bei einer solchen würden die Institute deutlich mehr Geld verlieren als nur die Hälfte ihrer Forderungen. Für Griechenland bedeutete der Schuldenschnitt, dass sich seine Verbindlichkeiten gegenüber den privaten Gläubigern um insgesamt 100 Milliarden Euro reduzierten. Das soll den Schuldenstand des Landes von derzeit 160 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) auf 120 Prozent senken. Das ist nötig, damit Griechenland sich wieder ohne zu hohe Risikoaufschläge neues Geld leihen kann.

Geraten durch den Schuldenschnitt Banken in Gefahr?

Die Bundesbank schätzt die Belastungen für deutsche Banken als „handhabbar“ ein. Viele Institute haben griechische Papiere bereits zu einem großen Teil abgeschrieben und sich zudem von Staatsanleihen Griechenlands getrennt. Ende Juni besaßen deutsche Banken und Versicherer laut Bundesbank noch griechische Papiere für insgesamt 28 Milliarden Euro. Sorgen bereiten hingegen griechische Kreditinstitute. Sie seien „in erheblichem Ausmaß“ von dem Schuldenschnitt des eigenen Staats betroffen, warnt die Bundesbank. Sie bräuchten vermutlich zusätzliches Geld, um nicht in die Pleite zu schlittern. Im zweiten Hilfspaket für Athen, auf das sich die Teilnehmer des Krisengipfels im Oktober geeinigt hatten, ist deshalb auch Geld für die griechischen Banken vorgesehen.

Hat der Schuldenschnitt Auswirkungen auf deutsche Bankkunden?

Die deutschen Kunden von Banken und Versicherungen haben zunächst keine direkten Konsequenzen zu befürchten. Die deutschen Institute gelten als gut gewappnet und mit ausreichend Kapital versorgt. Einzig ihre Aktionäre könnten die Griechenland-Rettung weiter zu spüren bekommen: Aufgrund fallender Börsenkurse, den Abschreibungen und der Verpflichtung der Banken zu höheren Rücklagen könnten die Dividenden der Konzerne für dieses Jahr geringer ausfallen.

„Nach jetziger Beschlusslage kann niemand gezwungen werden, seine griechischen Anleihen umzutauschen“, sagt Martin Ende von der BHF-Bank. Denn damit käme es, wie 2002 in Argentinien, zu einem Default, also einem Ausfall des Schuldners - und den wollen die Verhandlungspartner unter allen Umständen verhindern.

Der Grund: Bei einem erzwungenen Schnitt würden die Versicherungen gegen eine Pleite fällig, die Credit Default Swaps (CDS). Die von Großinvestor Warren Buffett als "Massenvernichtungswaffen" bezeichneten Derivate bergen schwer einschätzbare Effekte, wenn große Banken die Versicherungssummen auszahlen müssen.

Doch was passiert, wenn sich Anleger, Fonds und Banken dem Schuldenschnitt verweigern? Bislang gibt es nur die Zusage des Bankenverbands, ohne dass der vorher mit jeder Bank gesprochen hat. „Noch ist unklar, ob und wie private Anleger mit einbezogen werden“, sagt Ende.

Es gibt keine festen Vereinbarungen. Bislang klammern sich Anleger nur an die dürftige Erklärung des EU-Gipfels: „Zu diesem Zweck ersuchen wir Griechenland, die privaten Investoren und alle beteiligten Parteien, einen freiwilligen Umtausch von Anleihen mit einem nominellen Abschlag von 50 Prozent des Nennwerts der von privaten Investoren gehaltenen griechischen Staatsanleihen auszuarbeiten.“

In Frankfurt starten zusammen mit EU-Vertretern voraussichtlich am Donnerstag Gespräche über einen Anleihetausch. Die griechische Zeitung „Kathimerini“ berichtete ohne Angabe einer Quelle, dass privaten Gläubigern, abhängig von der Laufzeit der Anleihe, für 100 Euro eine Barauszahlung zwischen zehn und 20 Euro vorgeschlagen werde. Zusätzlich sollten die Gläubiger für 30 bis 40 Euro neue Anleihen mit einer Laufzeit zwischen 20 und 30 Jahren und einer Rendite von sechs Prozent erhalten.

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