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06.02.2015

15:42 Uhr

Griechische Staatsanleihen

Warum wir den Grexit doch fürchten sollten

VonSara Zinnecker

Kaum hatte die EZB griechischen Staatsanleihen das Vertrauen entzogen, steigen die Renditen an. Droht das nächste Desaster? Kapitalmarktexperten geben nur eine halbe Entwarnung. Privatanleger sollten vorsichtig bleiben.

Keine Panik, kein Laissez-faire. In Sachen Griechenland-Anleihen ist momentan der Mittelweg angebracht; meinen viele Ökonomen dpa

Nachdenken an der Athener Börse

Keine Panik, kein Laissez-faire. In Sachen Griechenland-Anleihen ist momentan der Mittelweg angebracht; meinen viele Ökonomen

DüsseldorfAnleger fliehen aus griechischen Staatsanleihen, der griechische Bondmarkt strauchelt, die Rendite für griechische Anleihen schießt nach oben: Wer am Donnerstag die Überschriften zum jüngsten Renditeanstieg griechischer Staatsanleihen gelesen hat, konnte es mit der Angst bekommen. Vor knapp drei Jahren hatte man derartige Zeilen auch schon gelesen. Erinnerungen an das Jahr 2012 werden wach – an die Zeit, als die Staatsschuldenkrise Europa fest im Griff hatte, Renditen für Staatsanleihen der Euro-Peripherie stark anzogen, die Unsicherheit allgegenwärtig war.

Schon fürchten die ersten, dass sich jetzt alles wiederholt. Richtig ist: Die Entscheidung der Europäische Zentralbank (EZB), griechische Staatsanleihen nicht länger als Sicherheiten für Kredite an Geschäftsbanken zu akzeptieren, ließ die Rendite für griechische Staatsanleihen ansteigen. Die EZB hatte zuvor ihr Mandat zur Überwachung des Reform- und Sparprogramms Griechenlands (als Teil der Troika) verloren. Und fühlte sich anscheinend in der Position, zu handeln. Für Investoren war dies ein klar negatives Signal. Sie wollten wieder mehr dafür haben, Griechenland ihr Geld zu überlassen.

Doch steht das nächste Desaster wirklich unmittelbar bevor, wie manche Headline es vermuten ließ? Ein Blick auf die eigentliche Ausprägung der Renditen für länger laufende griechische Schuldtitel nimmt zumindest die erste Furcht. Zum einen ist die Rendite für zehnjährige griechische Schuldtitel nach einem leichten Anstieg am Donnerstag – von zehn auf elf Prozent – bis Freitagnachmittag sogar wieder unter zehn Prozent gesunken. Es handelte sich also, zumindest bei den länger laufenden Anleihen um eine Kurzfristreaktion der Märkte.

Die wichtigsten Player bei den Verhandlungen mit Griechenland

Wer sind die wichtigsten Gesprächspartner?

Wer sind die wichtigsten Gesprächspartner in der Griechenland-Krise? Seit dem Sieg von Syriza ist das Verhandeln mit dem Staat von der Größe Brandenburgs komplizierter geworden...

Jean-Claude Juncker

Der 60-Jährihe gilt als Europäer aus Leidenschaft. Er war und ist eine der Schlüsselfiguren bei der Euro-Rettung. Acht Jahre lang (von 2005 bis 2013) war der Luxemburger Vorsitzender der Eurogruppe, der die Finanzminister der Staaten mit Euro-Währung angehören. In dieser Funktion hat Juncker seit 2010 maßgeblich die Rettungsprogramme für Krisenstaaten wie Griechenland ausgehandelt. Der Christsoziale war 18 Jahre lang (bis Ende 2013) Premierminister in Luxemburg – inzwischen ist er Präsident der EU-Kommission.

Mario Draghi

Der 67 Jahre alte italienische Bankmanager und Wirtschaftswissenschaftler ist seit November 2011 Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB). Unter seiner Führung pumpte die Notenbank billiges Geld in das Bankensystem, schaffte die Zinsen im Euroraum quasi ab und schuf ein Kaufprogramm, um notfalls unbegrenzt Anleihen von Euro-Krisenstaaten zu erwerben. Kritiker werfen ihm vor, die Befugnisse der Notenbank überdehnt zu haben.

Christine Lagarde

Die französische Politikerin steht seit Juli 2011 an der Spitze des Internationalen Währungsfonds (IWF). Zuvor war sie Wirtschafts- und Finanzministerin in Paris. Die 59 Jahre alte Juristin erwarb sich während der Finanzmarkt- und Euro-Turbulenzen einen Ruf als umsichtige Krisenmanagerin. Auf ihr lastet jedoch, dass die französische Justiz gegen sie in einer Affäre um mutmaßliche Veruntreuung öffentlicher Mittel aus ihrer Zeit als Ministerin ermittelt.

Angela Merkel und Wolfgang Schäuble

Bundeskanzlerin Merkel hatte mit Beginn der dramatischen Finanzkrise in Griechenland auf die Bremse gedrückt. Die eiserne Devise von Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble: Keine Leistung ohne Gegenleistung, europäische Solidarität gegen griechische Anstrengung. In Athen wurde Merkel dann bei einem Besuch mit Plakaten begrüßt, auf denen sie mit Hitler-Bart zu sehen war. Nach dem Regierungswechsel in Athen ist Berlin für Kompromisse offen: Ein verlängertes Hilfsprogramm oder nochmalige Krediterleichterungen. Ein weiterer Schuldenschnitt wird aber abgelehnt.

Zum anderen ist das Renditeniveau – und auch der Renditeaufschlag – griechischer zehnjähriger Schuldtitel noch längst nicht auf dem Niveau von 2012 angekommen. Damals, zwischen November 2011 und Mai 2012, trieb die Verunsicherung am Markt die Renditen zehnjähriger griechischer Schuldtitel auf über 30, in der Spitze sogar auf 35 Prozent. Die Risikoaufschläge zur zehnjährigen Bundesanleihe waren wesentlich größer als heute. Noch deutlicher als bei den zehnjährigen Anleihen, zeigt sich die Schere bei den kürzer laufenden Bonds.

Was 2012 von heute unterscheidet, weiß zum Beispiel Stefan van Geyt, Chief Investment Officer der KBL European Private Bankers. „Im Jahr 2012 standen wir, neben Griechenland, noch vor weiteren Herausforderungen: Die Lage war insgesamt sehr angespannt – gerade hinsichtlich Ländern wie Italien und Spanien“. Man sorgte sich darum, dass ein Ausscheiden Griechenlands aus der Währungsunion, der berühmte ‚Grexit‘, eine Panikwelle auslösen und andere Krisenstaaten mit in den (finanziellen) Ruin reißen könnte. Nicht wenige Beobachter fürchteten das Auseinanderbrechen der Euro-Zone.

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Heute – so die gängige Meinung unter Ökonomen – ist eine Ansteckungsgefahr so nicht mehr gegeben. „Die südeuropäischen Staaten haben Reformen auf den Weg gebracht, die Budgetsituation hat sich entspannt. Das Sicherheitsnetz der Europäischen Zentralbank in Form des OMT-Programms und neue Bankenunion bringen Marktteilnehmern zusätzliche Sicherheit. Hinzu kommt, dass Europas Großbanken kaum mehr Griechenlandanleihen halten – die Verflechtung hat also abgenommen“, nennt Stefan Rondorf, Kapitalmarktstratege von Allianz Global Investors (AGI), gleich mehrere Gründe, warum die griechischen Querelen die restliche Euro-Zone heute weniger nervös machen als noch vor drei Jahren.

Kommentare (21)

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Herr Marc Otto

06.02.2015, 17:12 Uhr

Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.

Herr Rainer Feiden

06.02.2015, 17:34 Uhr

Der "Grexit" hat wahrscheinlich schon begonnen. Nach einer Meldung des ifo-Institutes sind die deutschen Target-Forderungen im Januar um 54 MRD auf 515 MRD Euro angesteigen. Vermutet wird eine massive Kapitalflucht aus Greichenland....
Also: die griechischen Milliarden sind wohl schon auf dem Weg ins sichere Deutschland. Scheinbar hat man Bammel vor Kapitalverkehrsbeschränkungen wie in Zypern. Die Milliarden können dann hier vielleicht noch mal die Immobilienpreise "stützen"...

Ob die 60 MRD ELA-Kredite wohl reichen....?

Herr Vittorio Queri

06.02.2015, 17:57 Uhr

>> Warum wir den Grexit doch fürchten sollten >>

Weil er die EU ( bzw. die EZB ) systembedingt 1,2 bis 1,5 Bio. € kosten wird.

Deshalb wird die EU alle tun, um den GREXIT zu verhindern !

Sie wird den Griechen sogar den kompletten Schuldenerlass über 320 Mrd. € vorschlagen, zumal das billiger ist.

So einfach ist das .

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