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07.12.2016

14:17 Uhr

Händler in Panik?

Der rätselhafte Pfund-Crash

Der Pfund-Crash in einer Oktobernacht wurde durch offenbar einen Händler der Citigroup beschleunigt. Dem Mann gingen die Nerven durch. Eine falsch eingestellte Software für den Hochfrequenzhandel tat ihr Übriges.

Ein Devisenhändler der Citigroup soll in der Nacht zum 7. Oktober die Nerven verloren haben. Die Folge: Beschleunigung des heftigsten Pfund-Sturzes seit 31 Jahren. dpa

Citigroup im Fokus

Ein Devisenhändler der Citigroup soll in der Nacht zum 7. Oktober die Nerven verloren haben. Die Folge: Beschleunigung des heftigsten Pfund-Sturzes seit 31 Jahren.

DüsseldorfAm 7. Oktober staunte die Finanzwelt nicht schlecht: In der Nacht rutschte der britische Pfund mehr als sechs Prozent in nur einer Minute auf 1,1841 US-Dollar – den tiefsten Stand seit 31 Jahren. Fundamentale Gründe für diesen Rutsch gab es scheinbar nicht. Zwar stand die Währung wegen des Brexit-Votums im Fokus der Märkte. Nach einem akuten Auslöser suchten die Händler aber vergeblich – und spekulierten auf menschliches Versagen (etwa in Form eines „Fat-Fingers“, eines Tippfehlers auf der Computertastatur) oder auf fehlgeleitete Algorithmen.

Zwei Monate später deutet sich an, dass wohl eine Mischung aus beidem zum Pfund-Crash führte. Nach Informationen der „Financial Times“ soll ein Citigroup-Händler eine entscheidende Rolle dabei gespielt haben, wenngleich er diesen nicht startete. Die Zeitung beruft sich auf Informationen von Bankern und Beamten aus dem Vereinigten Königreich, die an der von der Bank of England (BoE) geleiteten Untersuchung des Vorfalls beteiligt waren. So soll der besagte Händler in der Nacht zum 7. Oktober mehrere Verkaufsorder für die britische Währung platziert haben. Er sei in Panik geraten, weil der Pfund schon zuvor abzurutschen begann.

Die größten Flash Crashs an der Börse

7. Oktober 2016 – der Jüngste

Jüngstes Beispiel für einen sogenannten Flash Crash, einen technisch verursachten Blitz-Absturz an den Börsen, der so schnell verschwindet wie er auftaucht, ist das Pfund. Die britische Währung stürzte im asiatischen Handel unvermittelt knapp acht Prozent in die Tiefe – eine größere Bewegung als direkt nach dem Brexit-Votum. Vorausgegangen war dem Devisenkrach eine anhaltende Abwertung, Börsianer befürchteten zuletzt ein Ausscheiden der Briten aus dem europäischen Binnenmarkt. Möglicherweise sei ein Marktteilnehmer auf eine falsche Taste gekommen, hieß es in den Handelsräumen der Banken.

26. Mai 2010 – der Erste

Der Dow-Jones-Index fiel schlagartig um ganze 9,2 Prozent in die Tiefe, was das größte Minus innerhalb eines Handelstages seit dem schwarzen Montag 1987 war. Binnen Minuten löste sich eine Billion Dollar an Börsenwert in Luft auf. Regulatoren nahmen die sogenannten Flash Boys in die Pflicht. Diese Hochfrequenzhändler hatten das ganze zwar nicht ausgelöst, doch mit ihren automatisierten, von Computern gesteuerten, Handelsaufträgen den Absturz überhaupt erst so heftig werden lassen. In London sprach ein Gericht den Briten Navinder Sarao mitverantwortlich, dem Börsenhändler steht aller Wahrscheinlichkeit nach die Auslieferung in die Vereinigten Staaten bevor, wo ihm eine langjährige Haftstrafe droht.

15. Oktober 2014 – der Sichere

Innerhalb von zwölf Minuten pendelten die Renditen von den so sicheren US-Treasuries um ganze 37 Basispunkte – und das ganz ohne politische Neuigkeiten. Hochfrequenzhändler, sogenannte HFT-Unternehmen (High Frequency Trading) hatten den Handel durcheinander gewirbelt. Erst ging es bergab, dann bergauf. Warum das ganze so eskalierte: Die Flash Boys standen oft auf beiden Seiten ein- und derselben Order.

24. August 2015 – der Größte

Fast 1000 Dow-Jones-Punkte und 1,2 Billionen Dollar – der bisher größte Flash Crash an den Aktienmärkten. Phasenweise ging es an der Wall Street so schnell bergab, dass die Anzeigetafeln gar nicht mehr nachkamen. Immerhin gab es mit der chinesischen Yuan-Abwertung eine Erklärung für die Bewegung. Dieses Mal waren es passive ETFs, die mit hunderten Orders für Chaos gesorgt hatten. Einige Experten gaben den nach dem Crash vom Mai 2010 eingeführten Sicherheitsmechanismen eine Mitschuld.

25. August 2015 – der Exotische

Mitten in der Nacht erlebt der Kiwi, Landeswährung in Neuseeland, den größten Stürz in 30 Jahren. Auf dem Devisenmarkt verlor der Kiwi acht Prozent. Er verlor vier US-Cent und kam damit auf 61,30 Cent, ehe er auf den Ausgangswert zurücksprang. Zeitweise lagen wegen dem computerisierten „Algotrading“ zwischen Kauf- und Verkaufsangeboten zwei Cent.

11. Januar 2016 – die Vorlage

Anderes Land, das gleiche Muster: Wie beim jüngsten Pfund-Schock brach auch der Rand Südafrikas im frühen asiatischen Handel ein. Binnen einer Viertelstunde verlor die Währung neun Prozent und stürzte auf ein Rekordtief. Die relativ geringe Liquidität zu der Tageszeit führt dazu, dass schon kleine Order einen übermäßigen Einfluss auf das Geschehen haben. Experten zufolge könnte dieses Muster demnächst häufiger auftreten, da strengere Auflagen die Liquidität reduzieren und auf eine geringere Nachfrage für Schwellenländer-Anlageklassen treffen.

31. Mai 2016 – der Schnellste

Auch der Terminmarkt ist nicht vor einem Flash Crash gefeit. Innerhalb nur einer Minute stürzten Kontrakte auf den chinesischen CSI 300 um zehn Prozent und erholten sich wieder nahezu vollständig. Verantwortlich zeigte sich ein einzelner Investor. Der Futures-Markt im Reich der Mitte gehörte 2015 zu den aktivsten der Welt, nach den folgenden Börsenturbulenzen im Sommer nahmen die Behörden diesen strenger an die Hand.

Der Grund, weshalb die Panik eines einzelnen Händlers zu einem Kursbeben führte, liegt aber wohl an der Software, die dieser benutze. So soll der Händler die Verkaufsordner mit einem FX-Aggregator platziert haben, einer Software, die im Hochfrequenz-Devisenhandel häufig benutzt und von verschiedenen Anbietern bereitgestellt wird. Diese Software erlaubt es Händlern, gleichzeitig mit mehreren Parteien Geschäfte zu machen. Das geht solange gut, bis genug Liquidität am Markt vorhanden ist. Ist das nicht der Fall, klafft ein Loch zwischen Angebot und Nachfrage und die Software hört auf, richtig zu funktionieren.

Flash-Crash beim britischen Pfund: „May könnte Marktbereinigung gestartet haben“

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Eine heftige Kursbewegung in der Nacht hat das britische Pfund zum Absturz gebracht - innerhalb weniger Minuten fiel die Währung um mehr als zehn Prozent. Die Suche nach der Ursache hat begonnen.

Normalerweise haben die Handelsplattformen Sicherungssysteme, welche in so einem Fall eingreifen. Der Pfund-Crash lässt vermuten, dass es bei Citi offenbar nicht der Fall war. Ob die Sicherungsmechanismen für die Citi-Händler abgeschaltet waren, wollte die Bank nicht kommentieren. Auch sagte sie nicht, ob sie jemanden nach dem Pfund-Crash disziplinieren musste oder ob bestimmte Handelspraktiken geändert wurden und verwies lediglich in einer Mitteilung darauf, dass die Bank mit der Situation „angemessen” umgegangen sei und „alle Systeme und Sicherheitsmechanismen” zu der Zeit funktioniert hätten.

Die BoE-Regulatoren scheinen jedoch Konsequenzen aus dem Pfund-Flash-Crash gezogen und mehrere Banken schriftlich darauf hingewiesen, ihre Währungshandelsabteilungen besser im Blick zu haben, um solche Abstürze künftig zu vermeiden. Die Regulatoren betonen, dass sowohl menschliches Versagen als auch schlecht abgestimmte Algorithmen für den Pfund-Crash verantwortlich seien. Vor allem, wenn zu wenige Teilnehmer am Markt seien, würden die Handlungen einzelner mehr Gewicht bekommen als erwünscht. Bei dem Pfund-Crash ist für die BoE klar: Die Verkäufe am Markt waren einfach zu aggressiv.

Von

jur

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

07.12.2016, 16:19 Uhr

"Herr Fritz Porters - 18.11.2016, 11:43 Uhr

@ Herr Hoffmann

ich habe nicht diesen enormen politischen Sachverstand wie Sie, aber die von Ihnen beschriebene "Grünen-Sozialistischen Vernichtungspolitik".... ist das sowas wie ein "Gemüseauflauf"? :-D
Herrlich, die Kommentare sind echt Comedy... einige Artikel im HB sind echt besorgniserregend, aber die Kommentare können einem das Lachen zurückzaubern. Danke ...muss weiter arbeiten...aber nachher schaue ich noch mal in die Kommentare...will doch auch später noch was zu schmunzeln haben..."

@Porters

VIELEN DANK Herr Porters,
es ist wirklich ein immenser Zeitaufwand, von morgens bis abends zu jedem Artikel so witzige Kommentare zu schreiben.
Bei manchen Artikeln sogar mehrere.
Schön das Sie das zu schätzen wissen.

Aber die Ehre gebührt nicht mir alleine. An den Comedy-Kommentaren sind noch weitere Leute beteiligt die auch gewürdigt sein wollen:
Paff, von Horn, Trautmann, Vinci Queri, Delli, Bollmohr, Caruso, Mücke....

ohne sie wäre ich hier sehr einsam !
Danke

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