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11.03.2004

07:00 Uhr

Hängepartie bei Aktien und positiver Trend bei Anleihen

US-Pessimisten machen in Prinzip Hoffnung

VonTobias Moerschen (Handelsblatt)

Richard Bernsteins Lächeln wirkte gezwungen. „Das Magazin Forbes hat ja schon geschrieben, dass ich erst meinen Job verliere, bevor die Aktienkurse nach unten drehen“, witzelte der Chefstratege der Investmentbank Merrill Lynch bei einer Podiumsdiskussion in New York.

HB NEW YORK. Bis vor kurzem erwartete nicht nur Forbes, dass notorische Aktienpessimisten wie Bernstein auf der Abschussliste ihrer Arbeitgeber stehen. Tatsächlich wirkte der Merrill-Mann nervös, denn er sagte als einziger von fünf Experten ein schlechtes Aktienjahr 2004 voraus. Doch in dieser Woche hat Bernstein frischen Mut gefasst – und sein Musterportefeuille noch stärker auf fallende Börsen ausgerichtet.

Dass US-Aktienpessimisten wie Bernstein Morgenluft schnuppern, verwundert niemanden. Die technologielastige Computerbörse Nasdaq beendete sechs der vergangenen sieben Wochen mit Kursverlusten. Der Dow-Jones-Index der 30 führenden US-Aktien tritt seit Jahresbeginn auf der Stelle. Dagegen steigen die Kurse krisensicherer Staatsanleihen. Die Hängepartie bei Aktien und der positive Trend bei Anleihen widersprechen den Erwartungen vieler Experten nach dem exzellenten Börsenjahr 2003. Erleben wir gerade den Anfang vom Ende des Börsenaufschwungs? Oder legen die US-Aktienmärkte nur eine Verschnaufpause ein? Zahlreiche Indikatoren sprechen dafür, dass die US-Börsen in einer schwierigen Phase stecken. So verkaufen US-Manager massiv die Aktien ihrer eigenen Unternehmen. Das Verhältnis von Insiderverkäufen zu -käufen ist an der Nasdaq sogar über das Niveau auf der Spitze des Hightech-Booms gestiegen. Oft stoßen Firmeninsider ihre Aktien ab, wenn sie Enttäuschungen bei den Quartalsergebnissen fürchten. Tobias Levkovich, Chefstratege bei der Researchsparte der weltgrößten Bank Citigroup, warnt vor bösen Überraschungen bei den Ergebnissen für das erste Quartal 2004. „Die Analysten haben ihre Gewinnprognosen mehrfach angehoben und damit hohe Hürden für die Unternehmen aufgebaut“, sagt Levkovich.

Die relative Entwicklung einzelner Branchen an den US-Aktienmärkten spricht ebenfalls dafür, dass die Luft für den Gesamtmarkt dünner wird. So beobachtet Merrill-Stratege Bernstein, dass die einstigen Gewinnerbranchen wie Technologie und zyklische Konsumbranchen (zum Beispiel Autobau, Luftfahrt) seit Jahresbeginn an den US-Börsen schwächeln. Dagegen haben Nahrungsmittelhersteller und Pharmakonzerne zuletzt kräftig zugelegt. „Diese Entwicklung ist typisch für die Spätphase im Konjunkturaufschwung", sagt Bernstein, „der Gesamtmarkt gerät in dieser Phase häufig unter Druck.“

Dass Bernstein seinen Job bislang behalten hat, wertet Forbes-Kolumnist Ken Fisher als gutes Omen: „Erst wenn der letzte Pessimist entweder entlassen oder lächerlich gemacht wurde, ist der Aktienaufschwung zu Ende.“

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