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07.09.2016

14:22 Uhr

Henkel und Sanofi

Geld verdienen mit dem Schuldenmachen

Ersten privaten Unternehmen gelingt Außergewöhnliches: Sie leihen sich Geld und müssen dafür keine Zinsen zahlen. Im Gegenteil: Investoren zahlen sogar dafür, viele Millionen verleihen zu dürfen.

Der deutsche Konsumgüter-Hersteller bot Bonds im Volumen von 500 Millionen Euro und einer Laufzeit bis 2018 an. dpa

Henkel-Produktionsanlage

Der deutsche Konsumgüter-Hersteller bot Bonds im Volumen von 500 Millionen Euro und einer Laufzeit bis 2018 an.

FrankfurtDie Niedrigzinspolitik und Wertpapierprogramme der Europäischen Zentralbank rütteln weiter an vermeintlichen Grundsätzen der Ökonomie. Schulden machen und dafür Geld bekommen – das ist jetzt auch für private Industrieunternehmen möglich.

Zwei Konzerne haben Anleihen auf den Weg gebracht, die vom Moment der Ausgabe mit einem negativen Zinssatz versehen sind. Der Waschmittel- und Konsumgüterkonzern Henkel beschafft sich unter anderem 500 Millionen Euro für zwei Jahre und hat diese Papiere mit einer Rendite von minus 0,05 Prozent platzieren können.

Das Prinzip festverzinslicher Wertpapiere

Zinsen und Rückzahlung

Festverzinsliche Anleihen haben einen fixen Zinskupon, der sich auf den Nominalbetrag von 100 Prozent, also zum Beispiel 1 000 Euro, bezieht. Zu diesem Betrag werden die Papiere am Ende der Laufzeit zurückbezahlt. Bei einem Kurs von 100 Prozent entspricht also die Rendite dem zugesicherten Zins.

Kurse und Renditen

Während der Laufzeit werden Anleihen gehandelt, deshalb schwanken die Kurse, die in Prozent angegeben werden. Der Rückzahlungswert bleibt unverändert bei 100 Prozent. Die Zinskupons, die sich auf den Nominalwert beziehen, verändern sich ebenfalls nicht. Weil Zinszahlungen und Tilgungen gleichbleiben, sinkt die Rendite für Neueinsteiger, wenn die Kurse steigen. Umgekehrt ist es genauso: Wenn die Kurse fallen, dann steigen die Renditen für Investoren, die neu zugreifen und bis zur Fälligkeit halten.

Renditeentwicklung

Entwicklung - Die Kurse vieler Anleihen - vor allem die von Staatsanleihen im Euro-Raum und in Japan - sind so stark über 100 Prozent gestiegen, dass Anleger trotz der Zinsen weniger Geld wiederbekommen, als sie angelegt haben. Somit sind die Renditen für Neueinsteiger sogar negativ.  Das geht umso schneller, weil die Kupons stetig sinken. So haben zweijährige Bundesschatzanweisungen in Deutschland seit dem 20. August 2014 einen Kupon von null Prozent, seit dem 21. Januar 2015 gilt das auch für fünfjährige Bundesobligationen. Die im Sommer 2016 platzierte zehnjährige Bundesanleihe hatte ebenfalls einen Null-Kupon, bei der aktuellen zehnjährigen Bundesanleihe liegt der Kupon aber bei 0,50 Prozent.

Investoren sind also bereit, dem Unternehmen Geld zu leihen und dafür zu bezahlen. Wer eine Million Euro zur Verfügung stellt, nimmt eine Einbuße von 500 Euro auf Jahressicht hin. Gleiches gelingt dem französischen Pharmakonzern Sanofi, der sich zu denselben Konditionen eine Milliarde Euro über drei Jahre leihen dürfte.

Trotz negativer Rendite kann eine Unternehmensanleihe mit negativer Rendite für Anleger attraktiv sein, da etwa Staatspapiere mit ähnlicher Laufzeit noch erheblich weniger abwerfen. Zweijährige deutsche Staatspapiere rentieren derzeit mit minus 0,69 Prozent. Bankeinlagen sind für Großinvestoren oft mit Strafzinsen belegt, da die Banken selbst überschüssige Einlagen bei der Europäischen Zentralbank nur zu einer Rendite von minus 0,4 Prozent parken können.

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Bislang haben nur Finanzinstitute und im Juli auch die Deutsche Bahn (minus 0,006 Prozent) Anleihen mit negativen Rendite begeben. Da die Bahn aber komplett dem deutschen Staat gehört, gelten ihre Papiere als Quasi-Staatsanleihen. Und auch der Bund konnte schon Anleihen erfolgreich mit negativem Zinssatz platzieren. Der Henkel-Rivale Unilever und der früher als GDF Suez firmierende französische Versorger Engie emittierten sogenannte Nullkupon-Titel mit einer Rendite von immerhin noch knapp über Null.

Kommentare (3)

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Herr Thomas Behrends

07.09.2016, 15:53 Uhr

Das ganze globale Wirtschaftssystem wird ad absurdum geführt.

Schuldenmachen statt sparen und dann investieren.

Diese Schuldenorgien heben die Wirtschaftsordnungen auf.

Gigantische Pleitewellen drohen!

Herr Herbert Maier

07.09.2016, 16:11 Uhr

So viele Unternehmen und Privatleute (und natürlich auch die öffentliche Hand) werden mit dieser Politik förmlich ins Schuldenmachen getrieben. Wenn dann nur ein Faktor sich geringfügig ändert, sei es doch eine kleine Zinserhöhung, oder sei es auch nur eine kleine Delle in der Wirtschaft, werden die ersten Ruck-Zuck ihre Darlehen nicht mehr bedienen können und dann rollt die große Pleitelawine los bis zum SuperGau.

Rainer von Horn

07.09.2016, 16:40 Uhr

Blasen, wohin man schaut. Die einen produzieren Sprechblasen, die anderen produzieren Finanzblasen und manche auch noch beides zusammen.

Aber sehen wir es doch positiv: mit Negativzinsen werden die Staaten entschuldet und die Banken klein. Dauert nur etwas. Also ich sehe nur Vorteile. :)

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