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17.06.2015

13:27 Uhr

Hickhack um Griechenland

So warnen die Märkte vor dem Grexit

Die Verhandlungen über die zukünftige Finanzierung Griechenlands stocken, ein Zahlungsausfall des Landes wird wahrscheinlicher. Anleger sind nervös, wie einige Daten deutlich zeigen. Ein Streifzug durch zittrige Märkte.

Kanzlerin zu Griechenland

Griechenland-Rettung bis Donnerstag? Merkel ratlos

Kanzlerin zu Griechenland: Griechenland-Rettung bis Donnerstag? Merkel ratlos

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Düsseldorf/ FrankfurtEs gibt sie, die Experten die cool bleiben. Bei der renommierten Frankfurter Privatbank Metzler gehört Frank Naab zu diesem Lager. Der Leiter des Portfolio-Managements für die wohlhabenden Kunden des Hauses, schaut gelassen einem möglichen „Grexit“ entgegen. Beim Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone seien „weder eine Destabilisierung des europäischen Finanzsystems, noch nachhaltige Verwerfungen bei südeuropäischen Staatsanleihen zu erwarten“, so Naab. Aber ganz so sicher sind sich viele Marktteilnehmer nicht, wie ein Blick auf verschiedene Segmente deutlich macht.

Bundesanleihen

Die Rentenmärkte sind in unruhiges Fahrwasser geraten. Griechenland ist in den Fokus gerückt und hat die Flucht der Investoren in Anleihen, die als relativ ausfallsicher gelten, in den vergangenen Tagen erneut angefacht. So sind vor allem deutsche Bundesanleihen wieder gefragter, und ihre Kurse sind in den vergangene Tagen deutlich gestiegen. Entsprechend sind die Renditen wieder abgesackt.

Die Rendite der besonders im Fokus stehenden zehnjährigen Bundesanleihe liegt inzwischen wieder bei nur noch rund 0,8 Prozent, nachdem sie vor einer Woche noch an der Ein-Prozent-Marke gekratzt hatte. „Deutsche Anleihen profitieren von der steigenden Unsicherheit über das Schicksal Griechenlands“, meint dazu Alessandro Bee, Volkswirt bei der Bank J. Safra Sarasin. Eine Trendwende hin wieder zu deutlich fallenden Renditen, erwartet Bee aber nicht. Zur Erinnerung: Vor zwei Monaten lag die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe fast an der Null-Prozent-Grenze, bevor ein Ausverkauf einsetzte und die Rendite wieder hochtrieb.“ Der Finanzmarkt hat sich in den letzten Monaten an den Gedanken gewöhnt, dass Griechenland vor dem Bankrott steht“, sagt Bee. Träte dieser tatsächlich ein, dürfte die Unsicherheit nur von kurzer Dauer sein und auch die Bundesanleihen nicht nachhaltig unterstützen.

Griechische Anleihen

Griechische Anleihen stehen schon lange wieder unter Druck. Im April stieg die Rendite der zehnjährigen Anleihe mit 12,8 Prozent auf den höchsten Stand seit Ende des Jahres 2012. Inzwischen ist die Rendite wieder auf 12,4 Prozent gefallen, aber das ist natürlich immer noch extrem hoch. Der Kurs dieser Anleihe, ist auf etwa die Hälfte des theoretischen Rückzahlungswerts von 100 Prozent gefallen. Das signalisiert eine hohe Ausfallwahrscheinlichkeit.

Wenn die EZB die griechischen Banken nicht mehr mit ELA-Notkrediten versorgt, wäre ein faktischer Grexit unausweichlich. Griechenland bliebe zwar offizielles Mitglied des Euro-Raums, müsste aber Geld in einer eigenen Währung ausgeben, um seine Banken zu rekapitalisieren. Dabei ist Griechenland nach Ansicht von Daniel Lenz, Analyst bei der DZ Bank auf einen Grexit nicht vorbereitet: „Dieser könnte sich somit als ein vor allem für Griechenland in jeglicher Hinsicht riskantes Experiment erweisen.“

Szenarien in der griechischen Schuldenkrise

Wann würde ein Zahlungsausfall eintreten?

Schon seit Wochen kratzt die griechische Regierung mühsam Geld zusammen, um Löhne und Gehälter sowie andere staatliche Leistungen zu finanzieren oder fällige Schulden zu begleichen. Wenn Athen offiziell die Zahlungen an seine Geldgeber einstellt, wäre der Staatsbankrott da. Dann müssten sich die Gläubiger, darunter Deutschland, an einen Tisch setzen und aushandeln, wieviel Geld verloren ist und wann der Rest zurückgezahlt wird.

Würde eine Pleite automatisch den Euro-Austritt Athens bedeuten?

Nein. Auch bei einem Zahlungsausfall kann Athen im Euro-System verbleiben. Grundsätzlich sieht der EU-Vertrag einen Ausstieg eines Landes aus dem Euro nicht vor. Die Europäische Währungsunion ist eigentlich auf ewig angelegt. Für einen Ausstieg Griechenlands („Grexit“) gibt es keine Regeln. Er könnte verhandelt oder einseitig von Athen oder der Eurozone vollzogen werden. Aber selbst bei einem Austritt aus dem Euro würde Griechenland in der EU bleiben, großzügige Hilfen der 27 anderen Länder wären notwendig.

Wie könnte ein Verbleib in der Eurozone funktionieren?

Sollte Griechenland zahlungsunfähig werden, hängt viel davon ab, ob die Europäische Zentralbank (EZB) die Versorgung Griechenlands mit Euros einstellt oder nicht. Ein Stopp der Nothilfen würde für die dortigen Banken den Kollaps bedeuten, Geldautomaten wären dicht. Für den Ökonomen Clemens Fuest ist entscheidend, was passiert, wenn griechische Banken von der Liquidität abgeschnitten sind. Wer haftet bei Bank-Schieflagen: die griechischen Sparer, überwiegend Kleinanleger - oder die Euro-Partner? Dem Vernehmen nach geht es um 200 Milliarden Euro.

Könnten die griechischen Banken stabilisiert werden?

Ja, mit Hilfe der Euro-Partner. Dafür müsste Athen aber kooperativ und reformbereit sein. Um von vornherein einen Ansturm auf Banken zu verhindern, müsste Athen auch Kapitalverkehrskontrollen einführen wie Zypern. Können Staatsdiener nicht mehr bezahlt werden, könnte es Schuldscheine geben, die dann gegen Euro getauscht werden können. Die Athener Regierung könnte eine Parallelwährung einführen - den „Geuro“. Diesen hatte auch der Ex-Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, schon einmal ins Gespräch gebracht.

Was würde eine solche Parallelwährung bringen?

Nach Aussage Mayers wäre eine solche zweite Währung neben dem Euro nur eine Notlösung, um einen „Grexit“ doch noch zu verhindern. Athen könnte einen Teil der Staatsausgaben über diese Parallelwährung in Form von Schuldscheinen finanzieren. Bargeld dürfte nur noch mit Abschlag abgehoben, Transfers ins Ausland müssten begrenzt werden. Mit einer Parallelwährung hätte Griechenland mehr Spielraum.

Oder doch „Grexit“?

Eine Rückkehr zur alten Drachme würde zu einer massiven Abwertung der Währung führen. Griechische Exporte würden konkurrenzfähiger werden, die Angebote der Tourismus-Industrie günstiger. Heimische Produkte würden stärker nachgefragt, Importe teurer werden. Das gilt auch für Energie. Die Grundprobleme würden aber nicht gelöst. Und die Auslandsschulden müssten in Euro zurückgezahlt werden.

Um wieviel Geld der deutschen Steuerzahler geht es?

Die Kosten für die deutschen Steuerzahler bei einer griechischen Staatspleite wären hoch. Ein Bankrott oder ein weiterer Schuldenschnitt würde die Staatskassen belasten - bei einer Umschuldung später, bei einer einseitigen Zahlungsverweigerung Athens unmittelbar. Das Risiko Deutschlands beläuft sich wohl auf bis zu 80 Milliarden Euro. Doch es würde nicht alles Geld verloren sein.

Woraus ergibt sich eine solche drohende Verlustsumme?

Die Forderungen der staatlichen Förderbank KfW belaufen sich auf 15,17 Milliarden Euro. Aus dem Rettungsfonds EFSF wurden Griechenland bisher 141,9 Milliarden an Kredithilfen ausgezahlt. Bei einem Ausfall kämen Gewährleistungen Deutschlands zum Tragen. Zudem hat die Europäische Zentralbank (EZB) griechische Staatsanleihen erworben. Viele Papiere hat Athen zurückgezahlt. Für den Rest müsste - würden sie nicht bedient werden - Deutschland anteilig einspringen. Hinzu kommen weitere Verpflichtungen im Zahlungsverkehr.

Und welche Forderungen haben deutsche Banken gegenüber Athen?

Die deutschen Banken wäre von einem Schuldenschnitt oder Zahlungsausfall kaum betroffen. Ihre Forderungen beliefen sich Im Februar auf 19,067 Milliarden Euro. Davon entfallen aber gut 15 Milliarden auf die staatliche KfW.

Spätestens wenn die Europäische Zentralbank die Versorgung der griechischen Banken mit Notkrediten stoppe, müssten laut Lenz Kapitalverkehrskontrollen eingeführt und Banken einstweilen geschlossen werden. Bevor die Regierung einen Plan ausarbeiten könnte, dürfte die Bevölkerung in Griechenland in große Sorge geraten. Aus Furcht vor einer Versorgungsknappheit, die sich im Hinblick auf einen Mangel an Devisen einstellen könnte, wären Panikkäufe bei Lebensmitteln wahrscheinlich, meint Lenz. Sogar die öffentliche Ordnung könnte in Gefahr geraten.

Großinvestoren parken Bares

Die Sorge um den Pleite-Staat treibt internationale Großinvestoren aus Risiko-Anlagen: Fondsmanager stoßen Aktien ab und parken das Kapital. Noch mehr Anleihen aufzubauen sind keine Alternative, Zinspapiere halten sie nach wie vor für zu teuer. Das ergibt die wichtigste monatliche Umfrage unter Großinvestoren der US-Großbank Bank of America Merrill Lynch unter 207 internationalen Fondsmanagern, die insgesamt 562 Milliarden Dollar Vermögen verwalten.

Die Fondsprofis haben Aktien verkauft und den Anteil Bargeld in ihren Fonds erhöht. Die Liquiditätsquote ist um knapp ein Zehntel auf 4,9 Prozent gestiegen, das ist der höchste Anteil seit sechs Monaten. Der Anteil der Fondsmanager, die Aktien gegenüber Börsenvergleichsindizes noch übergewichten, ist nach den jüngsten Aktienverkäufen auf ein Acht-Monats-Tief gesunken. Noch netto 38 Prozent der Fondsmanager gewichten Aktien über. Das sind 38 Prozent mehr Profis, die Aktien höher gewichten als diejenigen, die weniger stark auf Dividendentitel setzen.

Der Grund sind extreme Befürchtungen zur Zukunft Griechenlands: Die Mehrheit der Fondsprofis rechnet mit einem negativen Ausgang des Schulden-Pokers. 42 Prozent der Vermögensverwalter meinen, dass das schuldengebeutelte Land zahlungsunfähig wird. 15 Prozent rechnen damit, dass das Land die Euro-Zone verlassen wird.

Kommentare (27)

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Herr Bernd Mayer

17.06.2015, 14:04 Uhr

Mal ehrlich: Was haben Tsipras und Varoufakis denn bis jetzt zu Wege gebracht? Wo ist der Entwurf für eine Politik, die die griechische Wirtschaft wieder konkurrenzfähig und damit zukunftsfähig macht? Es gibt ihn nicht! Ich sage nicht, dass sie Zeit genug gehabt hätten, ihn umzusetzen. Aber sie hätten ihn zumindest vorstellen können. Übrigens ist der Militärhaushalt gemessen an der Wirtschaftskraft des Landes inzwischen der höchste der EU. Muss das sein? Und noch immer zahlen die 600 Familien, denen nahezu die gesamte griechische Wirtschaft gehört, keine Steuern.

All das ist grotesk, kann wohl auch in Zukunf mehr oder weniger so bleiben. Denn Griechenland wird aus den genannten Gründen alimentiert, bis nichts mehr geht. Wer noch letzte Zweifel hatte, düfte durch das aktuelle Urteil des EuGH eines Besseren belehrt worden sein. Nun kann Draghi kraft dieses Urteils die europischen Verträge brechen und zur Staatsfinanzierung mit der Notenpresse übergehen. Angeblich haben sich die Staats- und Regierungschefs zudem auf einen Notfallplan verständigt.

Es gibt schon längst kein zurück mehr. Griechenland wird gerettet, und zwar mit allen der Brüsseler Macht-Clique zur Verfügung stehen Mitteln. Und wie immer, wenn aus allen (Geld-)Rohren geschossen wird, liegt am Ende alles in Schutt und Asche.

Herr Marc Muller

17.06.2015, 14:09 Uhr

Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende: "Beide Szenarien mit Schuldenschritt , Verbleib oder Nichtverbleib in der Eu wird ein Stein in's Rollen bringen, sei es durch den Nachnahmeffekt, anderer Mitgliederstaaten., oder durch das Auftreten Links-und Rechtsorientierten Parteien. Beim Font national etwa in Frankreich rechnet man mit einem Zulauf von 23 % Wählerstimmen: " Das sogenannte Volk hat die Schnauze voll.

Herr Walter Schimpf

17.06.2015, 14:16 Uhr

Also, da der GREXIT und der BREXIT nahezu durch sind, müssen wir uns weiterentwickeln.

Wir müssen jetzt schnell zum MERKEL-XIT sowie zum SCHÄUBLEXIT kommen! Die Dame geben wir an Ihre US-Freunde zurück, da wo sie eigentlich hingehört.
Den Schäuble wollen noch nicht einmal die US-Freunde, den schicken wir in seine Heimat, dem Schwarzwald, zurück in der Hoffnung, dass man dort noch eine Verwendung für den Mann mit dem Geldköfferchen findet...

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