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17.08.2012

18:12 Uhr

Hochfrequenzhandel

Deutsche Regulierungspläne stoßen auf Kritik

Börsenhändler wehren sich gegen die Pläne der Bundesregierung zur Regulierung des Hochfrequenzhandels. Zwar sei man einer Kontrolle grundsätzlich gegenüber aufgeschlossen, doch müsse auf Einheitlichkeit geachtet werden.

Der deutsche Regulierungsvorstoß stößt auf Kritik. dpa

Der deutsche Regulierungsvorstoß stößt auf Kritik.

FrankfurtDas Vorpreschen der Bundesregierung bei der Regulierung des umstrittenen Hochfrequenzhandels stößt bei Händlern und Wertpapierfirmen auf Widerstand. Der europäische Händlerverband (FIA EPTA) unterstütze die geplanten Vorschriften zur Kontrolle des sogenannten Algo-Tradings in Deutschland zwar grundsätzlich, sagte Verbandschef Remco Lenterman am Freitag zu Reuters. "Die Tendenz, dass nationale Regulierer den europäischen Regelungen vorgreifen, kann jedoch dazu führen, dass es in Europa uneinheitliche Regeln gibt." Eine einzelstaatliche Vorgehensweise konterkariere eine einheitliche Rechtsetzung und die Schaffung einheitlicher Regeln im europäischen Wertpapierhandel, schrieb der Bundesverband der Wertpapierfirmen (BWF) an das Bundesfinanzministerium.

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Ein weiteres Mal hat die Technik für massive Probleme an einem Börsenplatz gesorgt.

Betroffene Verbände und Unternehmen konnten bis Freitag schriftlich zum Gesetzentwurf Stellung nehmen. Der Handel, bei dem Computer mit Hilfe von Handelsalgorithmen (Algo-Trading) innerhalb von Sekunden Milliarden bewegen, gilt als mitverantwortlich für hohe Kursschwankungen. Auf EU-Ebene wird an neuen Regeln für den Hochfrequenzhandel im Rahmen der überarbeiteten europäischen Finanzmarktrichtlinie MIFID gebastelt, die jedoch erst ab 2014 erwartet wird. Das deutsche Gesetz soll noch 2012 kommen.

Die größten Börsenpannen

Nasdaq lahmgelegt

Ein Softwarefehler führt dazu, dass die US-Börse Nasdaq im August 2013 einige Stunden den Handel komplett einstellen muss. Nach der Wiederaufnahme des Handels steigt der Markt – die Aktie des Börsenbetreibers aber verliert.

Dow Jones (2013)

Am 23. April 2013 meldete der Twitter-Account der US-Nachrichtenagentur eine Explosion im Weißen Haus. Die Meldung war jedoch falsch – Hacker hatten das Nutzerkonto übernommen. Dennoch brach die Börse innerhalb von Sekunden um mehr als ein Prozent ein. Möglicher Grund: Computer werteten die Meldung als wahr und lösten Verkaufssignale aus.

Kraft-Aktie (2012)

4. Oktober 2012: Die Nasdaq und mehrere andere Börsen haben nach einem ungewöhnlichen Kurssprung von Kraft Foods einen Teil des Handels mit der Aktie annulliert. Grund für den plötzlichen Anstieg der Papiere von 45,55 auf 58,54 Dollar war nach Angaben der US-Technologiebörse der Fehler eines Börsenmaklers. Nähere Angaben machte sie nicht. „Die Systeme von Nasdaq haben normal funktioniert und der Prozess der Industrie zum Umgang mit solchen Angelegenheiten verlief wie geplant“, hieß es in einer Erklärung.

Software-Panne bei Knight Capital (2012)

Durch einen Fehler hatte die Knight-Software enorm viele Orders platziert, die heftige Kursschwankungen auslösten. Dem Treiben konnte erst nach einer Dreiviertelstunde ein Ende gesetzt werden. In dieser Zeit hatten sich bereits 440 Millionen Dollar Verlust angehäuft, die das US-Brokerhaus fast zum Zusammenbruch brachten.

Das Facebook-Desaster (2012)

Die Erfolgsstory von Facebook bekam an der Börse einen starken Dämpfer. Nach gravierenden Pannen im Handelssystem der Technologiebörse Nasdaq in New York stürzte der Kurs des Börsenneulings rapide in die Tiefe. Beteiligte Firmen erlitten Millionen-Verluste. Die Schweizer Großbank UBS, die 290 Millionen Euro verlor, drohte sogar mit einer Klage gegen die Börse.

Pannen-Start für BATS (2012)

Die Erstnotiz der drittgrößten US-Börse BATS Global Markets im März 2012 endete mit einem Totalschaden. Die neuen BATS-Aktien sackten innerhalb weniger Minuten von 16 Dollar auf unter einen Cent. Schuld daran war eine neue Software. BATS musste die falschen Transaktionen zurücknehmen - und nahm dabei die eigenen Aktien gleich mit von der Börse

Fünf-Minuten-Chaos bei der Citigroup durch Kursrutsch

Die Aktien der Citigroup fielen im Juni 2010 nach Massenverkäufen durch elektronische Handelssysteme zeitweise um 17 Prozent. Doch da die Börsenaufsicht SEC nach dem „Flash Crash“ bereits zuvor beschlossen hatte, Aktien aus dem Index S&P 500 vom Handel auszusetzen, falls diese innerhalb von fünf Minuten mehr als zehn Prozent steigen oder fallen, stoppte das Sicherungssystem den Kursrutsch. Der Handel stand fünf Minuten lang still. Am Ende des Tages lag die Citigroup-Aktie sieben Prozent im Minus.

Flash Crash, 2010

Der „Flash Crash“ wurde im Mai 2010 durch den Hochfrequenzhandel ausgelöst: Durch einen blitzartigen Kurseinbruch lösten sich innerhalb weniger Minuten fast eine Billion Dollar Marktwert in Luft auf. Der Kurs des Dow Jones fiel um rund 1.000 Punkte. Einige Aktien verloren in der Zeit rund die Hälfte ihres Wertes. Der Spuk dauerte eine halbe Stunde lang an. Der sogenannte Hochfrequenzhandel, bei dem Tausende Transaktionen binnen Millisekunden durch Computer ausgelöst werden, stand schon vorher in der Kritik.

Strafe für Morgan Stanley (2007)

Morgan Stanley musste im Februar 2007 für den Fehler eines Händlers 300.000 Dollar Strafe an die Börse New York zahlen. Der Banker wollte einen Order über 100.000 Wertpapiere abgeben, übersah aber automatischen Multiplikator von 1000. Dementsprechend hatte seine Order einen Wert von 10,8 Milliarden Dollar statt der gewünschten 10,8 Millionen Dollar. Erst nachdem Aktien im Wert von 875,3 Millionen Dollar den Besitzer gewechselt hatten, wurde der Fehler bemerkt. Die Bank hat die Handelsvorschriften am Desk seitdem deutlich verschärft.

Football vermasselt 50 Millionen Dollar Deal

Ein äußerst ungewöhnliches Missgeschick passierte einem Händler der Bank of America im September 2006. Er wartete auf die Anordnung seines Vorgesetzten, um einen fertig vorbereiteten Deal über 50 Millionen Dollar abzuschließen. Es fehlte nur noch der Druck auf die Enter-Taste. Während er wartete, warf ein Trainee einen Football durch den Raum und traf die Tastatur, inklusive der Enter-Taste.

Milliarden statt Millionen, 2002

Ein Händler von Bear Stearns verzählte sich im Oktober 2002 beim Verkauf von Aktien bei den Nullen und handelte sie für vier Milliarden Dollar anstelle von vier Millionen. Bevor der Vertipper auffiel, gingen bereits Wertpapiere im Wert von 600 Millionen Dollar an neue Besitzer. Dadurch sank der Leitindex Dow Jones um 2,3 Prozent.

100 Millionen für Verdreher

Im Dezember 2001 begleitete UBS Warburg den Verkauf neuer Aktien des japanischen Unternehmens Dentsu. Ein Händler vertippte sich und verkaufte statt 16 Dentsu-Aktien zu 600.000 Yen 610.000 Aktien zu je 6 Yen. Innerhalb kürzester Zeit verkaufte die USB dadurch 61.915 Aktien, was etwa der Hälfte des Emissionsvolumens entspricht. Die UBS verlor durch die Panne 100 Millionen Dollar, weil sie die Aktien zum Marktpreis zurückkaufen musste.

Lehman Banker verkauft zu viel (2001)

Ein Händler der Investmentbank Lehman Brothers verkaufte 2001 aus Versehen hundertmal mehr Aktien als er wollte. Darunter waren auch Schwergewichte wie AstraZeneca und BP. Der Banker vernichtete damit zeitweise 30 Milliarden Pfund an Börsenwert.

Tippfehler mit Folgen (1999)

Ein Aktienhändler der UBS gab im Januar 1999 zu viele Nullen in seinen Rechner ein und handelte damit innerhalb von nur zwei Minuten zehn Millionen Aktien des Pharmakonzerns Roche, obwohl nur sieben Millionen Stück existierten. Das Handelsvolumen überstieg die Marktkapitalisierung von Roche um knapp die Hälfte.

Der Schwarze Montag (1987)

Am 19. Oktober 1987 bricht der Dow Jones um fast 23 Prozent auf 1.728 Punkte ein, der größte prozentuale Tagesverlust in der Geschichte des Index. Der seinerzeit beliebte Programmhandel - eine Art Vorläufer des heutigen Algo-Tradings - hat den Absturz noch verschlimmert.

Deutschland war im Mai 2010 bereits mit dem Verbot ungedeckter Leerverkäufe vorgeprescht, statt auf eine einheitliche europäische Richtlinie aus Brüssel zu warten. Dies habe zu einer erheblichen Rechtsunsicherheit bei Aufsichtsbehörden und Handelsteilnehmern geführt, kritisierte der BWF. Der Verband sieht zudem keinerlei Druck, den Hochfrequenzhandel hierzulande schneller zu regulieren als in anderen Ländern. Große Risiken seien in Deutschland bisher nicht zu erkennen, erklärte der BWF. Die meisten geplanten Vorschriften seien bereits gängige Praxis.

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An der Börse hat der Mensch nicht mehr viel zu melden. Maschinen machen den Markt. Kritiker sehen darin die Ursache für viele Pannen. Dabei kann ein Händler aus Fleisch und Blut etwas, das kein Computer kann. Ein Report.

Laut dem Gesetzentwurf des Bundesfinanzministeriums sollen die Betreiber superschneller Handelssysteme künftig von der Finanzaufsicht BaFin überwacht werden und mehr Informationen preisgeben. Handelspraktiken, die das System stören oder andere Markteilnehmer täuschen, werden verboten. Für die exzessive Nutzung des Systems werden Gebühren fällig. Die Deutsche Börse begrüßte die Vorschläge. "Es ist gut für alle Akteure am Finanzmarkt, dass jetzt Rechtssicherheit im Umgang mit Hochfrequenzhändlern geschaffen wird."

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Deutschlands größter Börsenbetreiber hat mit eigenen Vorschriften bereits die meisten Forderungen umgesetzt, die die Regierung nun gesetzlich festschreiben will - beispielsweise, dass der Handel mit Aktien bei ungewöhnlichen Kursschwankungen unterbrochen wird. Experten gehen deshalb nicht davon aus, dass das Gesetz große Auswirkungen auf den Handel haben wird und Akteure deshalb in weniger regulierte Märte abwandern. "Die Politik will den Wählern zeigen, dass sie das Thema angeht", sagte ein Händler. Algo-Trading ist in Deutschland nach Einschätzung von Experten für etwa 40 Prozent der Aktienumsätze verantwortlich.

Der Verband der Privatbanken begrüßte den Gesetzentwurf, der das Finanzsystem als ganzes stärke und transparenter mache. Auch von Sparkassen, Volksbanken und öffentlichen Banken kam Zustimmung. Allerdings warnten ihre Verbände vor Nachteilen für das nicht auf Hochfrequenzhandel beruhende Kundengeschäft.

Von

rtr

Kommentare (3)

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Account gelöscht!

18.08.2012, 00:56 Uhr

Es ist unglaublich, in welche Themen sich Beamtenärsche und überflüssige Politker so einmischen. Wie wäre es mal mit Entbürokratisierung, Abschaffung von schwachsinnigen Aufsichtsbehörden und einem Ende staatlicher Bevormundung?

Account gelöscht!

18.08.2012, 01:22 Uhr

"Betroffene Verbände und Unternehmen konnten bis Freitag schriftlich zum Gesetzentwurf Stellung nehmen."

Und wann dürfen die Bürger sich mal zum Thema Enteignung äußern?

"Der Handel, bei dem Computer mit Hilfe von Handelsalgorithmen (Algo-Trading) innerhalb von Sekunden Milliarden bewegen, gilt als mitverantwortlich für hohe Kursschwankungen. Auf EU-Ebene wird an neuen Regeln für den Hochfrequenzhandel im Rahmen der überarbeiteten europäischen Finanzmarktrichtlinie MIFID gebastelt, die jedoch erst ab 2014 erwartet wird."
Jou, noch zwei Jahre mehr zum Abzocken.

Gestern habe ich gelesen, das Deutschland sich ein Ministerium für Münzen und Postwertzeichen leistet. Wieviel nationalen und europäischen Irrsinn leisten wir uns noch?

Account gelöscht!

19.08.2012, 23:08 Uhr

Sobald diejenigen, die sich (wieder einmal) gegen die Bevormundung wehren, nicht wieder ihren Müll beim gemeinen Steuerzahler abladen?
Die Geschichte kommt einem doch irgendwie bekannt vor....

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